Wer verstehen will, warum die SPD derzeit eine Rentendiskussion anzettelt und die CDU sich beim Thema Abschiebungen festbeißt, sollte einen Blick auf die jüngsten Umfragen werfen. Die Union kann sich allmählich von der Drei vor dem Komma verabschieden, die Sozialdemokraten befinden sich auf einer Höhe mit der AfD. Die Regierungsparteien haben ihre Mehrheit verspielt. Als Koalitionsmodell fällt die Option Schwarz-Rot künftig aus.

Beiden Koalitionspartnern gemein ist das Problem, dass sie ihre Stammwählerschaft über Jahre hinweg systematisch vor den Kopf gestoßen haben. Jetzt sollen Kurskorrekturen die Wende bringen. Wenn sich Union und SPD an ihren Koalitionsvertrag halten wollen, sind diese nur begrenzt möglich. Wie der Rentenvorstoß von Finanzminister Scholz zeigt, sind die Genossen in ihrer Verzweiflung bereit, ihren Spielraum bis zur Schmerzgrenze auszutesten – ähnlich wie die CSU im Streit ums Asyl. Große Projekte sollte von dieser Koalition niemand mehr erhoffen.