Das Entsetzen ist groß, reflexhaft der Aufschrei. Wieder einmal. Diesmal hat es Deutschlands Grundschüler erwischt, die im internationalen Vergleich ihre Leseleistungen unter Beweis stellen mussten – und bei der gestern vorgelegten Iglu-Studie ein schlechtes Zeugnis ausgestellt bekamen. Natürlich sind es nicht in erster Linie die Grundschüler selbst, denen mangelhafte Leistungen bescheinigt werden. Es ist das Bildungssystem, das hier benotet wird, und die Noten gelten den Bildungspolitikern. Zum wiederholten Mal bekommen sie bescheinigt: Ihr macht eure Hausaufgaben nicht. Ihr tut viel zu wenig dafür, dass Kinder aus Elternhäusern, in denen der Griff zur TV-Fernbedienung oder zur Spielkonsole selbstverständlicher ist als der Griff zur Zeitung oder zum Buch, besser gefördert werden.

Deutschland verschwendet hier Ressourcen, die von anderen Staaten weit besser genutzt werden. Diese Erkenntnis ist so alt wie alle Bildungsvergleichsstudien, aber geändert hat sich kaum etwas. Die Leseleistungen der Viertklässler in Deutschland haben sich im Vergleich zur letzten Leseverständnis-Studie von 2001 nicht nennenswert verschlechtert. Aber die anderen Nationen sind seitdem viel besser geworden. Deutschland nicht. Das muss man sich leisten können. Denn auf Dauer geht die Rechnung so: Erst fällt das Bildungsniveau der Schüler im internationalen Vergleich zurück, dann das der Absolventen und Fachkräfte, am Ende die Stärke und Qualität der Wirtschaftsnation Deutschland.

Dass der IQB-Bildungsvergleich innerhalb Deutschlands wiederum Baden-Württemberg erst im Oktober bescheinigt hat, unter den Bundesländern bei den Fähigkeiten der Grundschüler an Boden verloren zu haben, ist für den Südwesten eigentlich doppelt alarmierend. Doch der Vergleichsschock hat auch positive Auswirkungen. Zunächst bleibt kein Raum mehr für faule Ausreden. Sicher gibt es den Zusammenhang zwischen zunehmender Internetnutzung auch der Elterngeneration und abnehmender Lese- und Rechtschreibfähigkeit von Kindern. Wer sein Kind vor ein Sandmännchen-Video setzt, statt selbst eine Gutenachtgeschichte vorzulesen, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Kind später zum Tablet greift statt zum Buch. Aber das ist eben nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn Internet, Tablets und Smartphones gibt es auch dort, wo die Kinder besser lesen und schreiben lernen als hierzulande.

Was wird also anderswo besser gemacht? Erstens wird in weiten Teilen von Europa keine Diskussion mehr darüber geführt, ob Grundschüler in einer Ganztagsschule Schaden an ihrer Seele nehmen. Wenn die richtige Förderung nicht auch im Elternhaus passiert – was ganz offenkundig in Deutschland bei zu vielen Schülern der Fall ist –, muss sie eben in der Schule erfolgen. Und zweitens passiert anschließend in den Schulen andernorts offenbar auch etwas anderes als in Deutschland oder speziell in Baden-Württemberg.

Und hier setzt die zweite gute Nachricht an: Die Dinge sind in Bewegung geraten. Verknüpft ist das mit dem Namen von Susanne Eisenmann. Die CDU-Kultusministerin, in diesem Jahr auch Vorsitzende der Kultusministerkonferenz der Länder, legt sich mit vielen an, weil sie es wagt, die Konsequenzen aus diesen Studien im Bund anzumahnen und im Land auch tatsächlich zu ziehen. Sie trägt die Qualitätsfrage in Hochschulen, Schulen und Klassenzimmer, wirft in der Praxis einen ebenso unnützen wie liebgewonnenen Schulversuch nach dem anderen über Bord. Grundschulen werden gestärkt, bekommen mehr Mittel und Stunden, müssen ihren Unterrichtserfolg aber vergleichbar machen – und, Achtung, böses Wort: Leistungen nachweisen. Lehrerausbildung und Unterrichtsinhalte kommen endlich auf den Prüfstand.

Das macht die Kultusministerin nicht beliebt bei den Betroffenen. Aber es ist seit Jahren überfällig. Wer in der Grundschule seine Hausaufgaben macht, muss spätere Leistungsvergleiche nicht fürchten. Höchste Zeit dafür.