Abgeordneter in Land- und Bundestag, Ministerpräsident, Bundesminister, Vizekanzler, SPD-Vorsitzender – Sigmar Gabriel hat in seinem langen politischen Leben schon allerhand gemacht. Als ausgewiesener Bankenfachmann ist er allerdings noch nicht in Erscheinung getreten – bis auf den Vorsitz des Verwaltungsrates der staatlichen Förderbank KfW. Doch ein Alphatier wie der Mann aus Goslar traut sich vieles zu. Und einmal mehr ist er mit der geplanten Übernahme eines Aufsichtsratsmandats bei der Deutschen Bank für eine Überraschung gut – und hat in den Augen seiner Kritiker erneut für einen Eklat gesorgt.

Sigmar Gabriel im Juli 2017 in Doha (Katar) mit dem Emir des Staates Katar, Scheich Tamim bin Hamad bin Khalifa Al Thani Dohar. Katar hält acht Prozent der Aktien der Deutschen Bank, mehr als jeder andere der beteiligten Investoren.
Sigmar Gabriel im Juli 2017 in Doha (Katar) mit dem Emir des Staates Katar, Scheich Tamim bin Hamad bin Khalifa Al Thani Dohar. Katar hält acht Prozent der Aktien der Deutschen Bank, mehr als jeder andere der beteiligten Investoren. | Bild: Michael Gottschalk

Es war im vergangenen Herbst, da stellte der Sozialdemokrat in Berlin das neue Buch von Wolfgang Kubicki vor und listete ein paar Beschreibungen des FDP-Vize auf: „Querulant des Nordens, Quartalsirrer, Enfant terrible, Paradiesvogel, Knallfrosch, Selbstdarsteller, Egomane, Zyniker, Abzocker, Windei, Schuft.“ Er könnte noch ein paar mehr solcher Beschreibungen über sich selbst hinzufügen, ergänzte Gabriel.

Sigmar Gabriel war der SPD stets verbunden. Der ehemalige Parteivorsitzende übte zuletzt jedoch teils scharfe Kritik an seiner Partei und warf der Führung einen unklaren Kurs vor.
Sigmar Gabriel war der SPD stets verbunden. Der ehemalige Parteivorsitzende übte zuletzt jedoch teils scharfe Kritik an seiner Partei und warf der Führung einen unklaren Kurs vor. | Bild: Ralf Hirschberger

Von den Falken bis in die Regierung

In die Politik fand Gabriel 1976 als Schüler über die sozialistische Jugendorganisation „Die Falken“ und später als Student (Germanistik, Politik, Soziologie für das Lehramt in Gymnasien) im Kreistag und Stadtrat seiner Heimatstadt Goslar, wo er bis heute wohnt. 1990 zog er erstmals in den niedersächsischen Landtag ein. Als Gerhard Glogowski, der Gerhard Schröder als Ministerpräsident beerbt hatte, über eine Affäre stolperte, wurde Gabriel 1999 Regierungschef.

Gabriel bei seiner Vereidigung als niedersächsischer Ministerpräsident im Landtag von Hannover im Dezember 1999. Für den Politiker aus Goslar hatten in geheimer Wahl 85 der insgesamt 155 anwesenden Abgeordneten. Damit erhielt Gabriel auch zwei Stimmen von Mitgliedern der Opposition.
Gabriel bei seiner Vereidigung als niedersächsischer Ministerpräsident im Landtag von Hannover im Dezember 1999. Für den Politiker aus Goslar hatten in geheimer Wahl 85 der insgesamt 155 anwesenden Abgeordneten. Damit erhielt Gabriel auch zwei Stimmen von Mitgliedern der Opposition. | Bild: Rainer_Jensen

Die nächste Landtagswahl 2003 versiebte der heute 60-Jährige für die SPD allerdings. Er wechselte die Liga, ging aus dem beschaulichen Hannover nach Berlin, wurde Bundesumweltminister (2005-2009), SPD-Vorsitzender (2009-2017) und Wirtschaftsminister (2013-2017). Für Martin Schulz verzichtete er Anfang 2017 auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur und übernahm das Außenministerium, das er nach der Wahl 2017 gern behalten wollte, aber an Heiko Maas abgeben musste.

Gabriel bei seinem zweitägigen Antrittsbesuch als neuer deutscher Außenminister im Februar 2017 auf dem Flughafen in Washington, D.C., (USA).
Gabriel bei seinem zweitägigen Antrittsbesuch als neuer deutscher Außenminister im Februar 2017 auf dem Flughafen in Washington, D.C., (USA). | Bild: Bernd Von Jutrczenka

Ganz und gar Politiker

Einfacher Abgeordneter zu sein – das war für den Vollblutpolitiker Gabriel nichts. Anfang November vergangenen Jahres legte er sein Bundestagsmandat nieder. Es war das Ende seiner politischen Karriere, was ihn aber nicht davon abhält, sich weiter zu tagespolitischen Fragen zu äußern. Und indem er den Vorsitz der Atlantik-Brücke und eine Aufgabe bei der auf Politikberatung spezialisierten Eurasia Group übernahm, blieb er auch der Politik treu.

Sigmar Gabriel (l.), seit Juni 2019 Vorsitzender der Atlantik-Brücke, bei einer Diskussionsveranstaltung des Vereins und des Berliner Tagesspiegel unter anderem über transatlantische Beziehungen und das Verhältnis von Deutschen und Amerikanern.
Sigmar Gabriel (l.), seit Juni 2019 Vorsitzender der Atlantik-Brücke, bei einer Diskussionsveranstaltung des Vereins und des Berliner Tagesspiegel unter anderem über transatlantische Beziehungen und das Verhältnis von Deutschen und Amerikanern. | Bild: Bernd Von Jutrczenka

Den Wechsel in die Wirtschaft hätte der in zweiter Ehe mit einer Zahnärztin verheiratete Vater dreier Töchter beinahe schon im vergangenen Oktober vollzogen. Gabriel war als neuer Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) im Gespräch, verzichtete jedoch „nach reiflicher Überlegung und aufgrund anderer Aufgaben“.

Die Deutsche Bank hat sich mit ihm einen Mann in den Aufsichtsrat geholt, über den die Meinungen weit auseinandergehen – von durchsetzungsstark und hochtalentiert bis sprunghaft und unberechenbar reichen die Attribute. (dpa)