Von Israel haben die meisten Deutschen ein festes und falsches Bild: Kleines Land, große Armee, viele Feinde, blutiger Streit ohne Ende. Ein Land mit viel Stress und verängstigten Menschen, ein unglückliches Land. "Das ist falsch", sagt die Diplomatin Sandra Simovich im Gespräch mit dieser Zeitung. "Israel liegt beim Glücksindex auf Platz 13". Und Deutschland auf Platz 17 (World Happiness Report 2019). Befragt wurden die Israeli, wie gerne oder ungern sie in ihrem Land leben.

Nun hat Simovich den amtlichen Auftrag, ein gutes Bild von ihrem Land zu verbreiten. Sie repräsentiert das Land mit dem Titel einer Generalkonsulin. Nach dem Botschafter (Sitz in Berlin) dienst sie als ranghöchste Repräsentantin ihres Landes in der Bundesrepublik. Den Aufwand begründet sie schlicht: "Deutschland ist für uns der zweitwichtigste Partner nach den USA." Die Beziehung zur Bundesrepublik zählt zu den verlässlichen Pfeilern für einen Staat, der überwiegend von Feinden mit starken Bevölkerungen umgeben ist.

An der Klagemauer in Jerusalem: der brasilianische Präsident Bolsonaro (links) mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu.
An der Klagemauer in Jerusalem: der brasilianische Präsident Bolsonaro (links) mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. | Bild: MENAHEM KAHANA

Sandra Simovich lächelt vielsagend, wenn in deutschen Kommentaren die Politik von Präsident Donald Trump kritisiert wird. Sie selbst will Donald Trump nicht bewerten, wohl aber seine Politik: Die Garantien seiner Administration sind für Israel ein großer Fortschritt. Die USA erkennen Jerusalem als Hauptstadt an. Und sie sehen die Golan-Höhen als Bestandteil von Israel und nicht von Syrien. "Für die Sicherheit von Israel sind die Golan-Höhen wesentlich," sagt sie. Sonst stehen syrische Geschütze auf der berühmten Anhöhe und könnten jederzeit auf israelische Siedlungen feuern. Ein Unglück ohne Ende.

Beliebter Schwarzwald

Simovich ist Karrierediplomatin. 2017 wurde sie als Vertreterin ihres Landes nach München entsandt. Nach vier Jahren geht es zurück nach Israel, dann folgt die nächste Auslandsverwendung. Für die 44-Jährige und ihre Familie ist das normal. Zu Deutschland hat sie, wie viele Israelis, eine besondere Beziehung: Vor vielen Jahren bereits reiste sie durch den Schwarzwald, der in Israel populär ist. Simovich sagt, dass das moderate Klima, der dichte Tannenwald und die Ferienwohnungen auf dem Land genau das sind, was sie und ihre Landsleute suchen. Die Übernachtungszahlen belegen das, sie weisen für die Gäste aus ihrem Land nach oben.

Bei ihrem Besuch am Bodensee besichtigte sie die Baustelle für die neue Synagoge in Konstanz. Links von ihr: die Nische für die Thora.
Bei ihrem Besuch am Bodensee besichtigte sie die Baustelle für die neue Synagoge in Konstanz. Links von ihr: die Nische für die Thora. | Bild: Fricker, Ulrich

Leider ist sie für Tourismus gar nicht zuständig, höchstens indirekt. Ihre Aufgabe ist es, Verbindungen zu knüpfen zwischen dem deutschen Süden und dem Nahen Osten. In den höchsten Tönen lobt sie die Zusammenarbeit zwischen dem gerade entstehenden Nationalpark Schwarzwald und dem Karmel Nationalpark im Norden von Israel. Die zukünftigen Ranger im Schwarzwald waren bereits in Israel und konnten sich eine Menge abschauen, berichtet Simovich. Auch beim Einfädeln von Partnerschaften zwischen Hochschulen schiebt sie einiges an. Israel hat größtes Interesse an universitärer Qualität – und orientiert sich an Forschungsstandorten wie Deutschland (das nach 1933 viele jüdische Professoren vertrieb).

Yad Vashem, Halle der Erinnerung.
Yad Vashem, Halle der Erinnerung. | Bild: GALI TIBBON

Deutlich wird: Ihre Generation sieht das Verhältnis zu Deutschland nicht überwiegend aus der Perspektive der Jahre 1933 bis 1945. Der Holocaust ist jedem in Israel geläufig, aber er hängt nicht mehr wie Salomos Schwert über den Köpfen seiner Bürger. "Wir wollen raus aus der Opferrolle," sagt die 44-Jährige. Sie beschreibt ihre Landsleute als lebenslustig, chaotisch, direkt. Alle duzen sich. Und als ungeahnt glücklich, siehe Glücksindex.

Auch beim Einfädeln von schulischem Austausch hilft sie. Was wissen deutsche Schüler über den Holocaust? Bleibt genug Zeit für das Dritte Reich und dessen Folgen? Die Frage treibt sie um. Sandra Simovich arbeitet an einer Handreichung für Pädagogen. "Sie sollen sich vor der Materie nicht fürchten," sagt sie. Die Lehrer werden ins Land eingeladen, mit und ohne Schulklassen. Zentrum aller Besuche ist Yad Vashem als wichtigster Erinnerungsstätte an die Verfolgung der Juden.

Darf man Israel kritisieren? Ja, sagt die Diplomatin. Wenn es begründet und sachlich geschieht. Doch beobachtet sie etwas Merkwürdiges: "Es gibt nur eine Israel-Kritik, aber keine Iran-Kritik oder Venezuela-Kritik." Kritik an der Regierung ist also in Ordnung, an Netanjahu also. Was sie stört, ist dass die Kritik auf das ganze Land übertragen wird. So wird der Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig – er kommt durch die Hintertür zurück.