Herr Röder, Sie können sich vor Anrufen nicht retten, oder?

Das war nicht so geplant. Es ist von Seiten des Gerichts wohl ein handgeschwärzter Aktenteil in den Umlauf gelangt, bei welchem die geschwärzten Teile trotzdem noch sichtbar waren. So kam mein Name in die Öffentlichkeit. Seitdem habe ich halb Europa am Telefon.

Als was für einen Menschen haben Sie denn den mutmaßlichen Attentäter Chérif C. kennengelernt?

Das wird Sie überraschen, aber als sehr zurückhaltenden, westlich orientierten Jugendlichen, mit den Träumen und Interessen eines stinknormalen jungen Mannes. Auf meine Frage, wie er den Islam auslebe, hat er mir erzählt, dass er stolz darauf sei, noch nie Alkohol getrunken zu haben, keine illegalen Drogen zu konsumieren, und er hat mich eindringlich gebeten, mit der Anstaltsleitung Kontakt aufzunehmen, damit sein Essen halal, zumindest ohne Schweinefleisch, sei.

Ich habe ihm dann zugesichert, dass darauf selbstverständlich Rücksicht genommen wird, wenn jemand aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen bestimmte Dinge nicht essen darf. Seinen Lebenswandel hat er dann auch in der Hauptverhandlung nochmals geschildert. Ansonsten hat er erzählt, dass er Anhänger eines Fußballclubs sei, welches Clubs kriege ich nicht mehr zusammen. Es hat jedenfalls nichts darauf hingedeutet, dass er sich radikalisiert hätte, gar zu Terrorakten fähig ist. Er war recht unterhaltsam, hat mir zwei, drei französische Witze erzählt und auch erklärt.

Wie sind Sie überhaupt zu ihm als Mandanten gekommen?

Mich hat man als Pflichtverteidiger beigeordnet, weil ich mit meinem Schulfranzösisch zumindest die Erstkontakte ohne Dolmetscher überbrücken konnte. Mit Händen und Füßen hat das geklappt.

Mit stinknormalem Jugendlichen meinten Sie den Fußballfan, oder gibt es da noch andere Anhaltspunkte?

Wissen Sie, wenn ich einen Salafisten oder radikalen Muslimen beschreiben müsste, würde ich an jemanden mit traditionellem Gewand und langem Bart denken, der den Koran eindringlich studiert und sich nicht von seiner Meinung abbringen lässt. Diesem Bild hat Chérif Chekatt aber so gar nicht entsprochen. Nicht einmal einen Bart trug er damals.

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So wie Sie ihn beschreiben, von wegen Witze erzählen und erklären, klingt er ja regelrecht sympathisch. Seinem Vorstrafenregister zufolge war er allerdings schon damals komplett auf der schiefen Bahn. Wie geht das zusammen?

Wir hatten ein gewisses Problem: Das Ausland hat uns damals keine Akten zur Verfügung gestellt. Welche Straftaten der Strafliste genau vorlagen, wussten weder ich, noch der Richter, noch der Staatsanwalt. In der Verhandlung selbst hat er selbst zwei einschlägige Strafen zugegeben – eine Gefängnisstrafe, die er in Frankreich kassiert hatte, und eine, die er in der Schweiz kassiert hatte.

Von weiteren Vorstrafen wusste weder der Richter, noch der Staatsanwalt. Was man aber sagen kann: So wie er sich in der öffentlichen Verhandlung gegeben hat, zurückgenommen, konzentriert dem Verlauf folgend, kann man schon zu der Erkenntnis kommen, dass es nicht gerade der erste Kontakt mit der Justiz war. Er wirkte etwas abgeklärt, aber dass tatsächlich eine längere Vorstrafenliste vorlag, wussten wir nicht.

Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass man solche notorischen Kriminellen wieder in ein ordentliches Leben zurückholt? Besteht da die Chance, dass sich in Haft etwas bessert?

Das kommt auf den Typus an. Es gibt welche, die man für ganz hoffnungslose Fälle hält, und dann machen die auf einmal einen Knopf auf. Da wird eine Ausbildung gemacht und auf einmal läuft’s. Und bei anderen ist es tatsächlich so, dass man sagt: Es ist besser, wenn er im Knast ist – da ist wenigstens die Öffentlichkeit vor ihm geschützt.

Ein anderer Punkt ist ja die Frage, ob er sich möglicherweise im Gefängnis radikalisiert hatte. Wie geht das vor sich? Sind da irgendwelche IS-Anwerber unterwegs, die gezielt potenzielle Attentäter ansprechen?

Bekannt sind mir keine Prediger oder Ähnliches in der JVA Konstanz. Zumal die JVA natürlich dann versuchen würde, den Kontakt zu anderen zu unterbinden. Aber es ist schon augenfällig, dass Leute, die in einer Außenseiterrolle sind und eine Wut auf die Gesellschaft haben, sich von allein Gleichgesinnte suchen. Das hat jetzt nichts mit dem Islam zu tun, wie er von den meisten Muslimen ausgelegt wird. Aber dessen radikale Ausprägung ist schon auch ein Sammelbecken für labile Personen, die Anerkennung suchen. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht.

Halten Sie es für denkbar, dass Chekatt hier in Deutschland noch Kontakte hatte, bei denen er Unterschlupf hätte suchen könnte?

Ich weiß von keinerlei Connections. Er war auch unglücklich in der Untersuchungshaft. Und wir hatten auch Sorge, dass er hier ein Außenseiterdasein fristet, weil er die deutsche Sprache nicht spricht. Also hätten wir tatsächlich gerne beantragt, dass man ihn bis zum Gerichtstermin auf freien Fuß setzt. Allerdings braucht man dazu eine zustellungsfähige Adresse in Deutschland, auch wenn’s nur der Kumpel ist, der sagt: Bis zur Gerichtsverhandlung kannst du auf meinem Sofa schlafen. Das konnte er nicht vorweisen. Entweder wollte er die Leute nicht nennen, oder er kannte tatsächlich keine.

Hat er etwas über seine Herkunft erzählt?

Das verlief sehr oberflächlich. Vor Gericht hat er die Aussage gemacht, dass er aus einer Familie mit sechs Geschwistern stammt und dass für ihn der Familienverband einen gewissen Halt darstellt.

Wie hat er eigentlich erklärt, dass er ausgerechnet in Engen in eine Apotheke eingebrochen ist?

Er hat zuerst so argumentiert, dass er als Tourist unterwegs gewesen sei. Da hat ihn aber der Richter darauf hingewiesen, dass das nicht gerade plausibel ist – zumal er um 2.24 Uhr unterwegs war, zu einer Zeit, wenn alle Gaststätten und Geschäfte geschlossen haben. Antwort: Deutschland sei schön, die Landschaft gefalle ihm. Daraufhin ist dann Tacheles geredet worden, sprich: Wir haben deine DNA vom Einbruch in Mainz und wir haben Videoaufnahmen von Engen – schließlich hat er die Taten dann im Wesentlichen eingeräumt mit der Aussicht auf eine leichte Strafminderung.

Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert, dass Ihr ehemaliger Mandant zum Attentäter geworden sein soll?

Das hat uns geschockt. Ich habe von dem Anschlag am Abend im Internet erfahren. Dass es sich bei dem Attentäter um einen ehemaligen Mandanten handelt, wusste ich nicht. Ich hätte ihn auch auf den Fotos nicht erkannt, er hat sich auch optisch ziemlich verändert. Als ich dann am anderen Morgen ins Büro kam, wurde ich von Journalisten abgefangen... Ehrlich gesagt: Wäre die Akte vom Gericht nicht rausgegangen und ich nicht von Journalisten darauf angesprochen worden, hätte ich davon bis jetzt keine Notiz genommen, weil ich mir den Namen nicht gemerkt hatte und weil das so ein Allerweltsfall war.

Fragen: Angelika Wohlfrom