Vielleicht wäre Abdullah Gül genau der Präsident geworden, den die Türkei braucht: ein Reformer, der die polarisierte Gesellschaft zusammenführt, statt sie weiter zu spalten. Daraus wird nichts, weil Säkularisten, Nationalisten und Kurden in der Opposition auf ihre eigenen Leute statt auf einen Konsenskandidaten Gül setzen.

Dennoch sollte sich Amtsinhaber Erdogan nicht zu früh freuen. Auch ohne Kandidat zu werden, hat Gül seinem alten Weggefährten den Kampf angesagt. Das Zerwürfnis ist nicht zu kitten, das zeigen schon die Methoden, die Erdogan einsetzt, um Gül zum Verzicht zu bewegen.

Diese Zäsur wird Folgen haben, weil sie die Konservativen in der Türkei spaltet. Von nun an regiert Erdogan nicht mehr nur ein gespaltenes Land, sondern auch eine gespaltene konservativ-islamische Bewegung. Immer deutlicher zeigt sich: Die AKP ist ein Erdogan-Wahlverein und nichts weiter. Impulse zur Erneuerung des Landes sind weder von ihr noch vom Präsidenten zu erwarten.