Wer verständnislos den Kopf schüttelt, wenn Schüler fürs Klima die Schule schwänzen, sollte sich auf Schlimmeres gefasst machen. Denn Deutschlands Jugend lässt nicht locker: Der nächste Proteststurm zieht schon herauf. Demonstranten ketten sich am Zaun des Kanzleramts fest, besetzen Straßen und Brücken in Berlin, lassen sich von Polizisten wegtragen. Ähnliche Aktionen gibt es in anderen deutschen Städten – mit wachsendem Zuspruch. Der Klimaprotest wird wütender. Nichts deutet darauf hin, dass er abebbt.

Die Karriere dieses Themas bleibt verblüffend. Drei Jahre lang diskutierte die Nation erbittert über Flüchtlinge, Zuwanderung und Obergrenzen. Alles vorbei, alles vergessen: Plötzlich entscheidet die Sorge ums Klima Wahlen. Wie Umfragen sagen, ist sie für Wähler in Deutschland, Schweden und den Niederlanden sogar der wichtigste Gesichtspunkt bei ihrer Entscheidung. Viele Menschen in Europa sehen seit langem, wie das Wetter verrückt spielt, wie Wälder brennen, Dörfer weggespült werden und Tornados ihre Dachziegel wegfegen. Jetzt werden sie durch ihre Kinder wachgerüttelt. Sie sehen Jugendliche, die auf die Straße gehen, weil sie Angst haben, dass ihnen eine aus den Fugen gebrachte Erde hinterlassen wird.

Junge Wähler wählen anders

Wirklich kommen sah diesen Protest niemand. Schon gar nicht die alten Volksparteien. Union und Sozialdemokraten reagieren sichtlich hilflos auf die Generation Youtube, die sie mit anderen Sorgen, Prioritäten und Kommunikationswegen konfrontiert. 36 Prozent der Erstwähler stimmten bei der Europawahl für die Grünen, nur 11 Prozent für die CDU. Die SPD schaffte sieben. Auf junge Wähler wirken beide Parteien unglaubwürdig. Sie haben es sich selbst eingebrockt. Kanzlerin Merkel reiste zu Beginn ihrer Amtszeit mit großem Gefolge nach Grönland und besichtigte dort schmelzende Gletscher, weil sie sich ein modernes Image zulegen und als Klimakanzlerin profilieren wollte. Mit den Jahren ließ sie das Thema schleifen. Jetzt sind die eigenen Klimaziele verfehlt und die Reue ist groß. Die Sozialdemokraten wirken nicht weniger halbherzig: Sie sind für beides, für Braunkohle und für Klimaschutz, so wie sie für und gegen die große Koalition sind. Zu klaren Positionen kann sich diese Partei nicht mehr durchringen.

Warum die Grünen aufpassen müssen

Die Grünen profitieren davon. Ihre Botschaften sind eindeutig. Das beschert der Partei ungeahnte Höhenflüge, setzt sie zugleich aber enorm unter Druck. Wer bei seinen Wählern derartige Erwartungen schürt, muss liefern. Viele grüne Neuwähler träumen von einem Kanzler Habeck und erwarten eine radikale klimapolitische Kehrtwende – auch wenn sie den Bürgern wehtut. Aber mit welchem Koalitionspartner soll er sie durchsetzen? Mit der CDU, die andere Rücksichten zu nehmen hat? Oder mit SPD und Linken, so wie in Bremen? Wer so hoch fliegt, muss sich auf eine unsanfte Landung gefasst machen. Sie wird spätestens dann kommen, wenn die Partei Regierungsverantwortung übernimmt und ihren Anhängern erklären muss, dass auch sie nicht alles umsetzen kann, was im Wahlprogramm steht.

Warum die AfD den Klimawandel leugnet

Auch die AfD fackelt nicht lange, ähnlich wie der US-Präsident und seine Gesinnungskompagnons in Europa. Alles Popanz, heißt es in dieser Szene. Wind und Wetter ändern sich seit Anbeginn der Erde und tun dies auch ohne Kohlekraftwerke und Billigflieger. Einen Antrag der Parteijugend, in der Klimafrage umzudenken, schmetterte die AfD-Spitze kürzlich ab. Notgedrungen. Wer eine nationale Brille auf der Nase trägt, hat bei globalen Herausforderungen zwangsläufig nichts anzubieten. Wirbelstürme machen an Grenzen nicht halt, Dürresommer treffen selten ein Land allein. Wer gegensteuern will, braucht Verbündete. Von diplomatischem Geschick und internationalen Abkommen wollen die Trumps, Orbans und Gaulands dieser Welt jedoch nichts wissen. Weil sie das Problem prinzipiell nicht lösen können, leugnen sie es.

Die GroKo-Parteien müssen Farbe bekennen

CDU und SPD stehen somit an einer wichtigen Weggabelung. Beiden Parteien dämmert langsam, dass ihnen junge Wähler davonlaufen, weil ihre Politik nicht enkeltauglich ist. Wollen sie für die nächste Generation relevant bleiben, müssen sie Farbe bekennen. Bessern sie ihre Klimakonzepte nach und packen die Klimawende an? Oder halten sie sich an die Bremser, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas durch neue Auflagen gefährdet sehen? Der Streit um die CO2-Steuer zeigt, dass in beiden Parteien nichts ausdiskutiert ist. Nachwuchswähler erwarten mehr Entschlossenheit. Manches an ihren Untergangsszenarien mag überreizt klingen, so wie seinerzeit die No-Future-Sprüche der frühen 80er-Jahre. Vom Tisch wischen lassen sich ihre Sorgen allerdings nicht. Wer dies versucht, kappt den Draht zur U30-Wählerschaft vollends. Keine gute Idee in Zeiten wie diesen.