Vielleicht war das alles unausweichlich. Bahnte es sich nicht irgendwie an, schon vor 30 Jahren, als der Brexit zwar noch in weiter Ferne lag, aber ein Mann namens Alexander Boris de Pfeffel Johnson von London nach Brüssel entsandt wurde als junger Korrespondent für den „Daily Telegraph“?

Boris Johnson, Kandidat um das Rennen des Parteichefs der britischen Konservativen, isst ein Eis.
Boris Johnson, Kandidat um das Rennen des Parteichefs der britischen Konservativen, isst ein Eis. | Bild: FRANK AUGSTEIN

Früherer Journalist giftet gegen die EU

Damals lieferte er aus der als langweilig verschrieenen Behörde einen Aufreger für die Titelseite nach dem anderen. Die böse EU wolle den stolzen Briten begradigte Bananen und quadratische Erdbeeren aufdrücken, zudem vorschreiben, dass der Briten liebster Snack, fettige Chips, nicht mehr nach Krabben zu schmecken hätten und dass die EU auch noch bei Großbritanniens heiligem Getränk herumzupfuschen versuche, indem sie das Recycling von Teebeuteln verbieten wolle.

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Unwahrheiten? Was soll‘s

Johnson wetterte über angebliche Überlegungen der Staatengemeinschaft, Kondome nur bis zu einer Breite „von 54 Millimetern“ zuzulassen, was den – natürlich besser bestückten – Englishman in seiner Schlafzimmer-Freude einzuschränken drohe.

Witzig mögen die Tiraden des wortgewaltigen Autoren gewesen sein, selbst wenn die Wahrheit häufig auf der Strecke blieb. Auf der Insel sogen sie die Märchen amüsiert und begierig auf.

Schillernde Figur

Johnson wurde selbst zu einer Marke, die er fortan in Fernsehshows bewarb und dann als schillernder Bürgermeister von London politisierte.

Beim tory-internen Wahlkampf um die Nachfolge der scheidenden Parteivorsitzenden Theresa May schimpfte Johnson auf die Brüsseler Eurokraten, die angeblich einem verärgerten Fischhändler auf der Isle of Man in der Irischen See vorschrieben, stets ein Plastik-Eiskissen beim Versand an den Kunden beizulegen.

Boris Johnson, ehemaliger Außenminister von Großbritannien und Kandidat um das Rennen des Parteichefs der Konservativen Partei, winkt bei einer Wahlkampfveranstaltung.
Boris Johnson, ehemaliger Außenminister von Großbritannien und Kandidat um das Rennen des Parteichefs der Konservativen Partei, winkt bei einer Wahlkampfveranstaltung. | Bild: Danny Lawson

In rhetorischer Versiertheit wütete Johnson über EU-Regeln. Und brachte sogar die eher steifen Mitglieder der konservativen Partei zum Jubeln.

Viel Kampagne brauchte es gegen den Mitstreiter Jeremy Hunt, Typ langweiliger Opportunist und perfekter Schwiegersohn, ohnehin nicht. Die beiden, Ex-Außenminister gegen den amtierenden, standen im Wettbewerb um Mays Nachfolge als die letzten verbliebenen Kandidaten im Finale.

Boris Johnson und Jeremy Hunt (rechts) werden wohl auch künftig getrennte Wege gehen: Nur einer von beiden wird Parteivorsitzender und damit auch neuer Premier von Großbritannien.
Boris Johnson und Jeremy Hunt (rechts) werden wohl auch künftig getrennte Wege gehen: Nur einer von beiden wird Parteivorsitzender und damit auch neuer Premier von Großbritannien. | Bild: Tolga Akmen

Selbstläufer

Es sollte ein Selbstläufer werden für Johnson. Nicht nur seine Anhänger zeigen sich seit Wochen überzeugt, dass ihr Wunsch-Tory nächste Woche als neuer Premierminister in die Downing Street einziehen wird. Dafür ignorieren sie gerne, dass Johnson bei Details die Augen verdreht und die Sache mit dem Fisch und dem Kühlbeutel keineswegs auf einer EU-Vorschrift basiert, sondern eine britische Regelung darstellt.

Kann Johnson Premier?

Beim Blick über den Ärmelkanal stellt sich dann doch unausweichlich diese eine Frage: Sind die Briten nun völlig übergeschnappt? Boris Johnson Premierminister. Es bleibt zweifelhaft, ob Johnson der anstehenden Herkulesaufgabe gewachsen ist.

Nicht nur dass er seine konservative Partei befrieden muss, was zu einem noch stärkeren Rechtsruck bei den Tories führen dürfte. Auch den Brexit, so hat er versprochen, will er bis spätestens 31. Oktober umsetzen – im Notfall ohne Austrittsabkommen.

Parlament zieht Notbremse

Das dürfte seit Donnerstag deutlich schwieriger werden, nachdem Johnson, noch nicht einmal im Amt, im Grunde seine erste Abstimmungsniederlage im Parlament hinnehmen musste. Das Unterhaus verabschiedete einen Gesetzeszusatz, der den künftigen Premier daran hindert, einen No-Deal-Brexit im Alleingang durchzusetzen.

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Das Votum sagt viel über die derzeitige Lage im Königreich aus. Johnson, der Wortführer der Brexit-Kampagne, ist höchst umstritten und das nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch unter den Parlamentariern. Dass er trotzdem bald die Regierungsgeschäfte leiten wird, schiebt Anand Menon, Direktor der Denkfabrik „UK in a Changing Europe“, auf die Ergebnisse der Europawahlen im Mai.

Desaster bei Europawahl

Die Konservativen erlebten ein Desaster, die Brexit-Partei unter dem rechtspopulistischen EU-Hasser Nigel Farage ging als strahlender Sieger hervor – ein wütender Gruß der enttäuschten europaskeptischen Stammwählerschaft an die Regierung.

Ein Anti-Brexit-Demonstrant, als Hund verkleidet, trägt ein Konterfei von Boris Johnson. Auf dem Schild steht „Bojo“ – Abkürzung für Boris Johnson – und „Trumps kleiner Johnson“.
Ein Anti-Brexit-Demonstrant, als Hund verkleidet, trägt ein Konterfei von Boris Johnson. Auf dem Schild steht „Bojo“ – Abkürzung für Boris Johnson – und „Trumps kleiner Johnson“. | Bild: Tolga Akmen

„Die Tory-Basis stellte für sich fest, dass man zwar Labour-Chef Jeremy Corbyn schlagen muss, aber die Brexit-Partei die größte Bedrohung darstellt“, sagt der Politikwissenschaftler.

Johnson als Waffe gegen Farage

Und nur einer, so schlussfolgerten Parlamentarier wie Mitglieder gleichermaßen, könne Farage schlagen: Boris Johnson „Er war der angriffslustigste Brexiteer und präsentiert sich positiver als alle anderen bezüglich des EU-Austritts“, so Menon. Zudem habe der Brexit die Politik verändert, jetzt liege eine „rebellische Stimmung in der Luft“.

Verbale Entgleisungen

Und so verzeiht die Mehrheit der rund 160.000 konservativen Mitglieder Johnson gerne all die Pannen und Patzer, Mini-Skandale und Entgleisungen. Ob er Burkaträgerinnen mit Briefkästen vergleicht oder die Sorgen der Wirtschaft über den EU-Austritt mit einem „Fuck Business“ abtut. Alles scheint an dem Mann mit dem Promi-Status abzuprallen.

Seine blonde Mähne mag dieser Tage gekämmter daherkommen, der Anzug sitzt besser. Ob das Königreich aber tatsächlich einen seriösen Politiker als Premier erhält oder einen Clown, wie ein Magazin kürzlich auf dem Titel fragte, daran scheiden sich die Geister.