Nein, die SPD hat keinen Grund, alle Hoffnung fahren zu lassen. Zwar stürzte sie vor drei Wochen bei der Bundestagswahl auf ein historisches Tief. Zwar ist Martin Schulz, mit 100 Prozent der Delegiertenstimmen ins Amt gehoben, ein Vorsitzender auf Abruf. Zwar weiß niemand in der Partei, wo sie künftig Koalitionspartner finden soll, um jemals wieder an die Macht zu kommen. Aber: Es ist nicht aller Tage Abend. Am Sonntag wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. Ministerpräsident Stephan Weil ist gelungen, wovon seine Genossen nur träumen können: Er hat den Rückstand zur CDU aufgeholt, beide Volksparteien sind fast gleichauf. Nicht ausgeschlossen, dass die Sozialdemokraten am Sonntag wieder das Jubeln lernen.

An den Machtverhältnissen im Bund wird das Ergebnis aus dem Norden nicht viel ändern. Landtagswahlen haben für den Rest der Republik meist nur begrenzte Aussagekraft – erst recht diese. Die SPD, durch die große Koalition an Merkels Seite traumatisiert, flieht regelrecht in die Opposition. Sie steht vorerst mit Totalschaden auf dem Standstreifen, ein Monteur ist nicht in Sicht. Das verschiebt die Gewichte in der Republik erheblich. Die große Koalition galt bisher als letzte Option, wenn sonst nichts mehr geht. Das ist vorbei. Zum Regieren braucht die Kanzlerin künftig FDP und Grüne. Das zwingt sie, noch weiter nach links zu rücken, statt die rechte Flanke zu schließen – was wiederum der AfD Luft lässt, sich im Parteienspektrum trotz interner Querelen festzusetzen. Ein Teufelskreis.

Eine deutsche Besonderheit ist dies keineswegs. Andere Länder in Europa sind auf diesem abschüssigen Weg längst weiter. Frankreich, die Niederlande, Dänemark, Schweden, Österreich – überall schwinden die Bindekräfte der Volksparteien, die Rechten krallen sich fest und verschieben die Gewichte. Ebenso aufschlussreich wie die Wahl in Niedersachsen ist daher der Blick zum Nachbarn im Süden, wo am Sonntag ebenfalls ein Wahlkrimi ansteht. Aus deutscher Sicht erscheint die Lage in Österreich wie ein Blick in eine Kristallkugel: Was heute und morgen in Wien geschieht, könnte übermorgen in Berlin drohen.

Gelingt es den deutschen Parteien nicht, Fehlentwicklungen zu korrigieren, blühen der Bundespolitik Verhältnisse, wie sie in der Alpenrepublik schon seit Jahren üblich sind. Die große Koalition ist dort kein Thema mehr. Das Verhältnis zwischen Roten und Schwarzen ist zerrüttet, statt eines Wahlkampfs sahen die Österreicher eine Schlammschlacht. Die Sozialdemokratie, die Jahrzehnte lang die Kanzler stellte, hat trotz eines fähigen Kandidaten abgewirtschaftet. Die konservative ÖVP ist nicht mehr wiederzuerkennen, sie kommt mit einem jungen Spitzenkandidaten und neuem Image daher. Vor allem aber: Die Rechten gehören fest zum Parteienangebot. Die Strategie des Ausgrenzens ist in Österreich gnadenlos gescheitert. Selbst die Sozialdemokraten können sich inzwischen eine Koalition mit der FPÖ vorstellen – im Burgenland ist sie bereits Realität.

Aus deutscher Sicht ist es schwer erträglich, wie stark die FPÖ im Nachbarland in der Normalität angekommen ist. 30 Jahre, nachdem Jörg Haider die Parteienlandschaft aufmischte, ist sie als rechtspopulistische Kraft längst zur festen Größe im Politikangebot geworden. Das hat Themen und Tonfall unwiderruflich verschoben und zwingt andere Parteien zu neuen Antworten. Die ÖVP hat sich unter dem Druck von rechts neu erfunden: Sebastian Kurz, 31 Jahre alt und neuer Star der Konservativen, taucht seine Partei in ein Meer aus modischem Türkis und betreibt einen Jugendkult, der Christian Lindner in den Schatten stellt. Inhaltlich rückt er nach rechts und nimmt der FPÖ damit den Wind aus den Segeln. Es war nicht Merkel, sondern Kurz als österreichischer Außenminister, der vor zwei Jahren die Balkanroute schloss und damit auch für Deutschland eines der größten innenpolitischen Probleme löste.

Lässt sich in Deutschland davon etwas lernen? Wähler brauchen keine zwei Volksparteien, die sich im Lauf der Zeit so weit auf die Pelle rücken, bis man die Unterschiede mit der Lupe suchen muss. Das öffnet den Rändern nur Spielraum für radikale Kräfte. Erst wenn Union und SPD wieder mit klar unterscheidbaren Angeboten kommen, wenn Wahlen wieder zur Entscheidung über Grundsatzfragen werden, wird für die großen Vereinfacher in der rechten und der linken Ecke die Luft wieder dünner. Aber: Der Preis, den Österreich zahlt, ist hoch. Die ÖVP bekämpft die rechte Konkurrenz, indem sie deren Forderungen übernimmt – wenn auch nur zum Teil und im Tonfall spürbar gemäßigter. So weit ist es in Deutschland noch lange nicht. Noch ist Zeit, Wähler zurückzugewinnen, bevor sich der Protest verfestigt. Wer damit wartet, wird es büßen.

dieter.loeffler@suedkurier.de