London – Es ist bereits Abend, als Jo Johnson in der Downing Street anruft und seinem großen Bruder von seiner Entscheidung erzählt, die am Morgen darauf selbst im politischen Westminster, das an Dramen mittlerweile gewöhnt ist, für einen Paukenschlag sorgen soll. Der 47-Jährige lässt den Premierminister während des Gesprächs wissen, dass er sein Amt als Staatssekretär aufgeben sowie sein Mandat als konservativer Abgeordneter niederlegen werde.

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Der Premierminister soll ihn angefleht haben, eine Nacht darüber zu schlafen und die Sache zu überdenken. Vergebens. Am nächsten Morgen twittert Jo Johnson, dass er hinwirft. „Ich war in den vergangenen Monaten zerrissen zwischen Loyalität zur Familie und dem nationalen Interesse – es ist eine unauflösbare Spannung.“ Es war ein weiterer Rückschlag für den Regierungschef in dieser für ihn so rabenschwarzen Woche.

Öffentliche Konfrontation

Dass sich sein Bruder öffentlich gegen ihn stellte, hat den Premier nicht nur persönlich getroffen. Die Schlussfolgerung der Kritiker folgte sofort: Wenn nicht einmal der eigene Bruder Boris Johnson vertraut, warum sollte es dann das britische Volk tun?

In der britischen Presse wurde der Bogen gespannt zu den berühmtesten Brüdern der biblischen Geschichte, Kain und Abel. Immerhin, die Familiensaga der Johnsons umfasst auch den Vater Stanley, ehemaliger Europaabgeordneter, der voller eigener Ambitionen den Nachwuchs zum verbissenen Ehrgeiz erzogen hat.

Die Beziehung zwischen den vier Kindern war denn auch stets geprägt von Konkurrenz. Neben den beiden Politikern steht zudem Schwester Rachel, eine Journalistin, in der Öffentlichkeit. Bruder Leo, ein Unternehmer, ist der am wenigsten bekannte Sohn im Familien-Clan, den eine US-Kommentatorin einmal irgendwo zwischen den Kennedys und den Kardashians einordnete.

Kein Hardliner

Anders als der Premierminister, ein Brexit-Hardliner, stimmte Jo Johnson beim Referendum 2016 für den Verbleib in der EU und galt weiterhin als Pro-EUler. Trotzdem machte Boris Johnson ihn nach seiner Amtsübernahme im Juli zum Staatsminister für Universitäten und Wissenschaft.

Jo Johnson, der seit 2010 für den Bezirk Orpington im Londoner Süden als konservativer Abgeordneter im Unterhaus saß, diente bereits unter den Premierministern David Cameron und Theresa May als Junior-Minister im Kabinett. Und schon einmal trat er von seinem Posten zurück, das war im November 2018 aus Protest über Theresa Mays Brexit-Kurs.

Johnson forderte damals ein zweites EU-Referendum – wie auch seine Schwester Rachel. Die antwortete am Donnerstag auf Twitter auf die Frage, die sich viele politischen Beobachter stellten. Wie laufen Dinner-Abende bei den Johnsons ab? „Die Familie meidet das Thema Brexit beim Essen, weil wir uns nicht gegen den Premierminister verbünden wollen.“

Schlagabtausch in der Presse

Nun hat Jo Johnson die Auseinandersetzung vom Privaten auf die Titelseiten der schonungslosen Presse verlagert. Jo Johnsons Lebens- wie auch Karriereweg ähnelt jenem seines 55-jährigen Bruders. So ging der Politiker auf das Elite-Internat Eton, studierte dann moderne Geschichte an der Universität Oxford, wo er in der Tradition des Establishments im berühmt-berüchtigten Bullingdon Club Mitglied war. Ab 1997 arbeitete er als Journalist für die „Financial Times“, bevor er in die Politik wechselte.

Johnson, der mit der „Guardian“-Reporterin Amelia Gentleman verheiratet ist und zwei Kinder mit ihr hat, sei „sehr ernsthaft“. So zumindest beschreiben ihn Kollegen. Zudem sei er viel nachdenklicher und ruhiger als sein extrovertierter Bruder.

Vor einigen Jahren war es Jo Johnson, der von manchen als künftiger Premier gehandelt wurde, weil er „klüger und netter als Boris“ sei, wie es hieß. Es kam bekanntlich anders.