So weit wie in Italien ist es in Deutschland noch lange nicht. Seit 14 Monaten regiert Paolo Gentiloni als Ministerpräsident in Rom – nach den Maßstäben seines Landes eine ungewöhnlich lange Zeit. Seit Kriegsende hat Italien 28 Regierungschefs verschlissen. Manche blieben mehrere Jahre, andere nur ein paar Wochen. Sie stolperten über ein Parlament, in dem ein Heer von Klein- und Kleinstparteien es unmöglich macht, eine stabile Mehrheit zu bilden. Für das permanente Chaos an der Spitze zahlt das Land einen hohen Preis: Der Staat hat wenig zu sagen, die Mafia viel.

Deutschland hat eine andere Entwicklung hinter sich. Es tut gut daran, sie nicht aufs Spiel zu setzen. Seit ihrer Gründung 1949 sah die Bundesrepublik nur acht Kanzler, von Konrad Adenauer bis zu Angela Merkel. Umso erschreckender ist es, mit welcher Wucht das Land plötzlich in einen Strudel von Unberechenbarkeit und Instabilität gerissen wird. Seit der Bundestagswahl sind fast fünf Monate vergangen und immer noch gibt es keine ordentliche Regierung. Ob die Kanzlerin sie jemals zustande bringt, ist fraglicher denn je: In ihrer eigenen Partei rumort es, die SPD zerlegt sich. Italienische Verhältnisse.

Möglich wurden sie, weil beide GroKo-Partner Lage und Stimmung sträflich falsch eingeschätzt haben. Im Fall der SPD liegt der Selbstbetrug auf der Hand. Die Strategie, die eigene Basis durch harte Koalitionsverhandlungen ("...bis es quietscht") von einer großen Koalition zu überzeugen, ist bis jetzt nicht aufgegangen. Der Machtkampf an der Spitze tut ein Übriges: Wer solche Egotrips sieht, will von Verhandlungserfolgen nichts mehr wissen. Die Möchtegern-Vorsitzende Andrea Nahles hat sich verrechnet, in den Augen vieler Genossen steht auch sie – trotz ihrer unkonventionellen Auftritte – für eine Hinterzimmer-Politik, die sich überlebt hat. Olaf Scholz hat noch schlechtere Aussichten. Gerade in der Stunde größter Not zeigt sich, dass ihm die Herzen der Partei nicht mehr zufliegen werden.

Die Ablösung von Martin Schulz, das wird immer deutlicher, löst die Probleme der SPD nicht. Das Unbehagen sitzt tiefer. Die Partei sehnt sich nicht nur nach neuen Köpfen, sondern vor allem nach einem programmatischen Neubeginn. Die Jüngeren in der Partei haben es satt, die alten Heldensagen aus der Zeit von Willy Brandt zu hören oder bis zum Sankt Nimmerleinstag über die Agenda 2010 zu klagen. Sie wollen wissen, wie sozialdemokratische Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aussehen. Hat die Partei überhaupt welche zu bieten? Was sagt sie zu Migration und Integration, zu Verkehr, Klimapolitik und den Folgen der Digitalisierung? Die Quittung kommt in Form alarmierender Umfragewerte. Wenn die SPD so weitermacht, heißt der nächste SPD-Chef Kevin Kühnert, die Wählerschaft dezimiert sich weiter und Angela Merkel steht ohne Koalitionspartner da.

Von der "deutschen Lust am Niedergang" sprach deshalb kürzlich die Neue Zürcher Zeitung und fragte: Wo sind bloß Tatkraft und Willensstärke hin? Auch die CDU hat allen Grund zur Vorsicht: Auch hier verliert die Führung an Vertrauen, auch hier macht sich an der Basis ein Gefühl inhaltlicher Leere breit. Viele in der Union sind entsetzt über ihre Chefin. Die Kanzlerin rettet ihr Amt, aber um welchen Preis? Um an der Macht bleiben zu können, hat Merkel die wichtigsten Ministerien verschachert. Vor allem aber konnte sie der SPD nicht verweigern, was sie in der Jamaika-Runde den Grünen zugestanden hatte. Was die CDU-Nörgler dabei übersehen: Wer am Wahltag auf 33 Prozent abstürzt, kann nicht weitermachen, als hätte er eine Mehrheit.

Noch kann sich die Kanzlerin halten, weil ihr in den eigenen Reihen niemand das Wasser reichen kann. Doch es lässt sich nicht mehr übersehen, dass diese Partei keine Lust hat, immer weiter nach links zu rücken und dabei den Generationenwechsel zu verschlafen. Auch die Union braucht einen Aufbruch – oder sie rutscht unweigerlich unter die 30-Prozent-Marke. Im Grunde sind es dieselben Fragen, denen sich auch die SPD stellen muss. Was sagt die Union zu Globalisierung, Klimawandel, Digitalisierung? Was bedeuten ihr noch christliche Werte? Wo sieht sie die Grenze zur SPD, wo zur AfD? Nach zwölf Jahren Merkel wird es Zeit, die Kanten nachzuschärfen.

Das Parteiensystem ist aus den Fugen – und bleibt es vorerst wohl auch. Ein neuerliches Bündnis zwischen der SPD und den Unionsparteien wäre kaum stärker als die Opposition, so es denn zustande kommt. Auf Dauer ist die große Koalition keine Option mehr. Daran ändern auch Neuwahlen oder eine Minderheitsregierung nichts. Die Industrienation Deutschland hat keine Staatskrise – noch nicht. Aber die Volksparteien müssen endlich ihre Erneuerung anpacken. Neue Wähler findet man nur mit neuen Leuten und neuen Inhalten.

dieter.loeffler@suedkurier.de