Horst Seehofer müsste eigentlich schon lange im Ruhestand sein. In Bayern will ihn niemand, und in Berlin liefe ohne ihn vieles besser. Doch der 69-Jährige wird noch gebraucht: Sollte es bei der Landtagswahl am Sonntag für die CSU so knüppeldick kommen, wie die Umfragen prophezeien, muss die Partei jemanden präsentieren, dem sie die Schuld am Desaster in die Schuhe schieben kann. Die Rolle des Sündenbocks ist somit schon vergeben, bevor die Wähler zur Urne schreiten. Seehofer muss gehen, damit die anderen bleiben können – so viel steht jetzt schon fest.

Bayern und der Rest der Republik können sich an diesem Wahlsonntag auf ein Erdbeben einstellen, das die politische Landschaft erneut durchrütteln wird. Staunend sehen die Bundesbürger eine einstige Monopolpartei, die selbst nicht recht versteht, warum ihr die Wähler in Scharen davon laufen. Seit mehr als 50 Jahren regiert die CSU im Freistaat fast ununterbrochen mit absoluter Mehrheit. Obwohl Bayern wirtschaftlich gut dasteht, ist es mit dieser Herrlichkeit vorbei. Die Frage ist nicht, ob der Denkzettel kommt, sondern nur, wie schmerzhaft er ausfällt.

Dennoch liegen die Ursachen dieses absehbaren Debakels tiefer – mit einem Rücktritt in Berlin lassen sie sich nicht beseitigen. Sicher hat Seehofer seinen Anteil am Niedergang der CSU: Das Sommertheater um Asylpolitik und Grenzkontrollen sucht seinesgleichen, sein Umgang mit einer CDU-Kanzlerin erschreckt selbst den rustikalsten Wähler. Seehofer repräsentiert eine CSU, die nicht Sicherheit und Ordnung vermittelt, sondern Unberechenbarkeit und neue Instabilität. In den Augen vieler Wähler erscheint sie, wie der Münchener Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld treffend anmerkt, nur noch als Sammelbecken von Querulanten.

Auch Markus Söder, Bayerns Antwort auf Stefan Mappus, hat seinen Anteil an diesem Image. Nach dem Machtkampf mit Seehofer um das Amt des Ministerpräsidenten dämmert ihm inzwischen, dass Ellbogen, Rivalitäten und Scharfmacher-Sprüche keine Stimmen bringen. Doch die Einsicht kommt zu spät. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs sieht Bayern einen Ministerpräsidenten, der Kreide gefressen hat wie der Wolf aus Grimms Märchen. Doch Wähler sind keine Schafe. Auf sie wirkt der Söder mit der soften Stimme nicht geläutert, sondern unglaubwürdig.

Vieles an dieser absehbaren Katastrophe ist daher hausgemacht. Aber nicht alles. Auf die Kanzlerin wird die Frage zukommen, wie weit sie zum Abschneiden der CSU beigetragen hat. Aus dem Wahlkampf im Land der Bajuwaren wurde Merkel zielstrebig herausgehalten: Nach dortiger Einschätzung bringt sie keine Stimmen, sondern kostet welche. Noch verräterischer sind CSU-Plakate, die vor Berliner Verhältnissen im Freistaat warnen. Wie bitte? Seehofers Partei ist Teil der großen Koalition, am Knirschen im Gebälk ist sie nicht ganz unschuldig. So einfach wird es für die Bayern nicht werden, den Schwarzen Peter der Kanzlerin zuzuschieben. Deren Antwort lässt sich ausmalen.

Trotzdem wird für Merkel durch ein CSU-Debakel nichts besser und vieles schlechter. Jeder sieht: Hier geht eine Ära zu Ende. Was sich in Bayern abzeichnet, ist anderswo längst Realität. Die Volksparteien schrumpfen, Grüne und Rechtspopulisten sammeln die Scherben ein. Nach der Wahl in Bayern und in Hessen zwei Wochen später wird die AfD aller Voraussicht nach in allen deutschen Landtagen sitzen. Ihr Erfolg erklärt sich auch aus der Unfähigkeit der Regierenden, die Sorgen der Bürger rechtzeitig zu erkennen und Probleme zu lösen, bevor sich der Unmut in Wahlergebnissen verfestigt.

Schuldzuweisungen an die bayerische Schwester sind für Merkel daher keine Option. In zentralen Fragen kann die Kanzlerin nicht einmal mehr ihre eigene Partei überzeugen. Der Streit ums Asyl, der die Union um ein Haar entzweite, ist kein Konflikt zwischen CDU und CSU, sondern ein Konflikt zwischen CDU und CDU. Der Riss geht mitten durch den christdemokratischen Teil der Unionsfraktion. Hier – und nicht im Murren der SPD oder im Aufbegehren der CSU – liegt der Kern von Merkels Autoritätsverlust. Und die Risse werden tiefer, wie die Abwahl von Fraktionschef Volker Kauder und das Abstimmungsdrama um den neuen Fraktionsvize Andreas Jung zeigen. Ihren Wählern das Märchen von der großen Geschlossenheit zu erzählen, fällt der Union immer schwerer.

Erst recht gilt das für die CSU, wo sich Seehofer und Söder auf offener Bühne gegenseitig für das Umfragetief verantwortlich machen. Bei den Wählern bleibt der Eindruck, dass hier zwei politische Alphatiere gnadenlos ihre Interessen verfolgen, statt das Wohl von Land und Partei in den Vordergrund zu rücken. Am Sonntag erhalten sie die Rechnung. Endet es so wie erwartet, muss einer der beiden gehen. Kommt es noch schlimmer, sind beide fällig.

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