Notgedrungen versuchen wir uns ein Bild zu machen von der Macht Wladimir Putins über sein Land: vom Aufstieg des Nobodys zum Garanten der „Stabilität“ in einer Zeit nie aufgeklärter Terroranschläge gegen die Moskauer Zivilbevölkerung und im Klima des zweiten Tschetschenienkrieges. Aber auch nach der Massenerfahrung von sozialem Ruin und Existenzangst im Jahrzehnt nach 1991. Im Zeichen von Demokratie und Kapitalismus – beide von einem triumphierenden Westen zum „Ende der Geschichte“ erklärt und erhoben. Das sind nur Stichworte, sie müssen hier reichen, um an die Authentizität dieser neuen Machtballung zu erinnern. Ihre Quellen entspringen aus der realen Gesellschaft und ihren drängendsten Bedürfnissen. Die Rede ist hier von Macht, Autorität, Glaubwürdigkeit – nicht von Gewalt, Unterdrückung, Manipulation. Von dieser anderen, sinistren Art der Herrschaftssicherung kommt dann später genug dazu – vor allem seit 2012.

„Wie Putin den Dissens zum Schweigen bringt“, so überschreibt die amerikanische Russlandexpertin Maria Lipman ihre Bilanz des aktuellen Regimewandels Richtung Einschüchterung und Repression. Die Karte der Stabilität – der Wiederherstellung von Ordnung im Sinne eines Minimums an Lebenschancen für alle – scheint nicht mehr so zu stechen wie früher. Aber dafür gibt es den großrussischen Chauvinismus, auf den Putin rechtzeitig umgeschaltet hat. Wie lange der populäre Größenwahn dem materiellen Niedergang breitester Bevölkerungsschichten standhält, ist abzuwarten. Für Thesen von einem wachsenden Legitimationsdefizit des Systems Putin, das in der Blöße seines gesellschaftspolitischen Versagens und seiner allumfassenden Korrumpiertheit immer mehr zu hohlen Inszenierungen und letztlich zu Staatsterror greifen müsse, ist es zu früh.

Auch deshalb, weil flott vorauseilende Krisenszenarien ein Basiselement autoritärer Herrschaft im heutigen Russland und auch schon in der Sowjetunion unterschätzen oder übersehen. „So betrachtet, liegt das große russische Drama nicht im Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus, von einer leidenschaftlich verfochtenen Weltanschauung zur anderen, sondern darin, dass in den letzten Jahrzehnten der UdSSR niemand mehr an den Kommunismus glaubte, aber alle so taten, als ob, und daher heute nur eine Simulation von Gesellschaft erschaffen können.“ Das schreibt Peter Pomerantsev, ein britischer TV-Produzent, der zehn Jahre im russischen Fernsehen gearbeitet hat. Die Nachrichten simulieren politische Realität. Sollte eine Reportage oder ein Dokumentarfilm einmal integer sein, bleiben sie auf eine Nische beschränkt. Der Kontext, in dem sie ausgestrahlt werden, neutralisiert sie. Die nächste Sendung ist schon wieder ein Kotau vor dem Präsidenten. Privat sehen sich alle diese gebildeten, qualifizierten Diener des Kreml durchaus als „Liberale“, als Freigeister. Ohne sich selbst auszunehmen, beschreibt der Autor hier eine typische Anpassungsstrategie der Selbstspaltung: „Es scheint fast, als würde man dazu ermuntert, die eigene Identität von einem Moment auf den anderen in ihr Gegenteil zu verkehren. Und weil du deshalb immer in kleine Fragmente aufgespalten bist, kannst du dich nie richtig dafür einsetzen, etwas zu verändern.“

Der Verfasser lebt und arbeitet als Historiker in Konstanz.