MANGEL AN ARBEITSKRÄFTEN

In Russland leben derzeit knapp 147 Millionen Menschen, seit 1991 verlor das Land wegen der demografischen Krise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fünf Millionen Einwohner. Die wenigen, die in den geburtenschwachen Jahren nach der Wende zur Welt kamen, stehen jetzt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung – der Fachkräftemangel dürfte sich verschärfen und somit das Wachstum bremsen.

Die zahlenmäßig eher schwache junge Generation kommt zudem nun selbst in das Alter, Familien zu gründen. „Wir werden in den kommenden zehn bis 15 Jahren weniger junge Menschen haben“, sagt der frühere Finanzminister Alexej Kudrin. „Ein junger Spezialist mit neuen personellen und technischen Kompetenzen, vor allem im IT-Bereich, wird Gold wert sein.“

RENTENEINTRITTSALTER

Das Renteneintrittsalter liegt in Russland für Frauen bei 55 und für Männer bei 60 Jahren und gehört zu den niedrigsten weltweit. Das durch den demografischen Wandel herausgeforderte Rentensystem belastet das Budget enorm. Putin bezeichnete eine Rentenreform mehrfach als notwendig, sah den geeigneten Zeitpunkt dafür aber nicht gekommen. Zwar treten liberale Stimmen wie Ex-Minister Kudrin für eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 63 Jahre ein – es gilt aber als unpopulär, die Errungenschaft aus Sowjetzeiten anzutasten.

Viele Russen haben außerdem angesichts niedriger Rentenbeträge und hoher Preissteigerungen Probleme, über die Runden zu kommen. Vergangenen Freitag kündigte der Kreml deshalb Maßnahmen an, wonach die Renten fortan schneller steigen können als die Inflation.

AUSLÄNDISCHE INVESTITIONEN

Bei Wirtschaftstreffen wirbt Russlands Regierung immer wieder um ausländische Investoren und verspricht dabei, das Umfeld für Unternehmen im Land attraktiver und wettbewerbsfähiger zu gestalten. „Russland muss mehr ausländische Investitionen anlocken“, sagt auch Chris Weafer von der Beratungsgesellschaft Macro Advisory. Nötig seien ein schwächerer Rubel, weniger Steuern für die Industrie, Investitionsanreize und ein Bürokratieabbau.

Der Bedarf an ausländischen Investitionen sei auch der Grund dafür, dass sich Moskau im Handelsstreit mit den USA weitgehend zurückhält – um die Lage nicht noch zu verschärfen. Der Kreml beauftragte kürzlich Regierungschef Dmitri Medwedew und Notenbankchefin Elvira Nabiullina damit, bis Mitte Juli einen Aktionsplan für mehr ausländische Investitionen in Russland zu erarbeiten.

AUSDIFFERENZIERUNG DER WIRTSCHAFT

Russland hat riesige Vorkommen an Öl und Gas und ist Preisschwankungen auf dem Markt unterworfen. Diese Abhängigkeit sei „schlecht für die Wachstumsperspektiven“ der Wirtschaft, betont die Alfa Bank. Experte Weafer rät zu Investitionen in das Unternehmertum und kleinere Firmen, indem diese einfacher an bezahlbare Kredite kommen. Auch der Fokus auf neue und intelligente Technologien sowie die Robotertechnik sei nötig.

STEIGERUNG DER PRODUKTIVITÄT

Die russische Wirtschaft sei „sehr ineffektiv“, sagt Weafer. Das liege zum einen am Erbe des sowjetischen Wirtschaftssystems und zum anderen am Wachstum durch den Ölreichtum, das aber eher die Jahre 2000 bis 2013 beherrschte. Um die großen Unternehmen zu modernisieren, brachte die russische Regierung zwar eine Reihe von Privatisierungsplänen auf den Weg – jedoch verfolgte Russland in den vergangenen Jahren eher einen staatskapitalistischen Ansatz und baute den Einfluss auf die Wirtschaft noch weiter aus.