Vor drei Jahren erreichte die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt. Fast über Nacht schwoll die Zahl der Migranten an. Zehntausende Menschen strömten illegal ins Land mit dem Ziel, auf Dauer zu bleiben. Der Herbst 2015 wird als heißer Herbst in die Geschichte eingehen. Er traf das Land unvorbereitet. Auf Völkerwanderungen kann sich kein Staatswesen vorbereiten. Das Ereignis tritt ein ohne Vorwarnung.

Gemessen daran hat die Bundesrepublik vieles gemeistert. Alles richtig machen, war nicht möglich. Alles falsch zu machen hätte bedeutet: Man schließt die Grenzen und schickt die Wartenden zum Nachbarn, garniert mit einer wohlfeilen Begründung wie zum Beispiel in Polen: 'Wir sind ein christlich geprägtes Land und können deshalb keine Muslime aufnehmen.' Dabei lagen exakt diese Länder dem Westen jahrelang in den Ohren, um für offene Grenzen und ein offenes Europa zu werben, dem sie beitreten wollten. Inzwischen sieht man klarer: Diese Reden wurden aus schierem Eigennutz gehalten. Mit dem "offenen Europa" meinten die Staaten des alten Ostblock vor allem die Öffnung praller Kassen.

Die Flüchtlingskrise hat dem Kontinent die Augen geöffnet. In keiner anderen Epoche lernten Europäer so viel über andere Europäer. Der Umgang mit Flüchtlingen spricht Bände rüber die aufnehmenden Staaten, über Gastliches und Garstiges. 2015 erwies sich als kontinentales Schulhaus, in dem das Lehrbuch parallel zur Realität geschrieben wurde. Seitdem denken viele Deutsche über Ungarn anders. Und mancher Ungar wird die Helferkreis-Deutschen für weichgespülte Dusel halten, weil er stolz auf Orbans Mauerwerk ist.

Das deutsche Kapitel war mit Willkommenskultur überschrieben. Das Wort war schon damals unscharf und heute erst recht. Es unterstellt, dass jede Abschiebung kulturlos und damit unwürdig sei. 2015 wurden die Ankommenden beschenkt, Freiwillige kümmerten sich. Selbst die deutsche Bürokratie fand zu olympischer Beweglichkeit. Sie bewilligte, wo sonst Stapel an Papier nötig sind. Turnhallen wurden bereitgestellt, deren Nutzung durch Vereine wie betoniert erschien.

Protagonistin war Angela Merkel. Damals gelobt, ist sie inzwischen selbst in der CDU umstritten. Für die Zukunft gilt: Die Deutschen werden ihr noch dankbar sein für ihre spontane Bereitschaft, die aus Ungarn drängenden Menschen einzulassen. Diese Entscheidung war einsam, weil der Bundestag im Wochenende weilte. Richtig war sie dennoch. Sie hat für das deutsche Ansehen mehr getan als drei deutsche Weltmeister-Titel im Fußball.

Spontan reicht nicht

Noch herrscht nüchterne Gegenwart. Die Zeitgenossen nehmen den Abstieg der Spitzenpolitikerin in Etappen wahr. Die Kanzlerin überhörte die erst flüsternde Kritik an ihrer Politik. Sie übersah, dass immer mehr Deutsche eine ungezügelte Zuwanderung nicht als Bereicherung, sondern als Bedrängnis empfinden. Angela Merkel hat in dieser Phase 2016/2017 ignoriert, dass ihre spontane Geste nicht auf Dauer akzeptiert wird – nicht von einer Mehrheit. Horst Seehofer lag mit der nervig geforderten Obergrenze näher am Bürger. Nur war und ist er der falsche Mann für diese Politik. Dennoch gilt: Seine Obergrenze ist längst Realität.

Im Herbst 2018 verliert die Kanzlerin ihre Macht Schritt für Schritt. Der Verlust hat seinen Ursprung in der Nachbereitung der Ereignisse 2015. Niemals hat die CDU-Chefin Fehler eingestanden, und niemals hat sie signalisiert: Die Teddybären am Hauptbahnhof München damals waren richtig, doch kann eine humanitäre Aktion kein Dauerzustand sein. Die meisten Bürger hatten einen scharfen Schnitt erwartet nach der Blümchen-Rhetorik des Willkommen. Diesen Wunsch hat sie nicht aufgenommen. Sie blieb dem Alles-wird-gut treu. Dass die Unions-Fraktion diesem Kurs so lange folgte, ist erstaunlich. Jetzt wendet sie sich spektakulär ab und sucht sich eine eigene Spitze. Spät, aber immerhin.

http://ulrich.fricker@suedkurier.de

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