Da ist sie: In mittelblauer Spencer-Jacke mit großen Ösen, dazu schwarze Hosen, Lackschuhe – CDU-Chefinnen-Arbeitskleidung. Mit halbstündiger Verspätung kommt Annegret Kramp-Karrenbauer, genannt AKK, in der Villinger Neuen Tonhalle an – der Flieger in Berlin hat gestreikt. Die Halle ist gut gefüllt mit 400 Menschen, die wissen wollen, was die CDU-Vorsitzende zu sagen hat, zu Europa, zu Deutschland. Und wie sie so tickt, die Amtsnachfolgerin von Angela Merkel und potenzielle Kanzlerin in spe. Auch im Publikum: der fast 80-jährige Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel, ehemals Landtagsabgeordneter von Villingen-Schwenningen, mit seiner Frau Edeltraud.

Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel unterhält sich mit von Annegret Kramp-Karrenbauer.
Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel unterhält sich mit von Annegret Kramp-Karrenbauer. | Bild: Hans-Juergen Goetz

Diesmal nur zahme Witze

Es ist Kramp-Karrenbauers erster Besuch in der Region seit ihrer vielzitierten Rede vor dem Stockacher Narrengericht. An Fastnacht hatte sie bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, als sie sich über die Berliner „Latte-Macchiato-Fraktion“ lustig machte, die Toiletten fürs dritte Geschlecht einführen wolle. Die Saarländerin, von Haus aus routinierte Fastnachterin, verwehrte sich dagegen, sich den närrischen Mund verbieten zu lassen. Seither allerdings hat man keine Schoten mehr aus ihrem Mund gehört. Ist sie vorsichtiger geworden, oder fehlt nur der Anlass dazu? In Villingen jedenfalls fallen ihre Scherze zahm aus: Seitdem die Doppelstadt von einem CDU-Oberbürgermeister regiert werde, gehe es ihr noch besser. Größeren Anlass zum Schmunzeln bietet die CDU-Chefin nicht.

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25 EU-Wahlkampf-Termine absolviert AKK, während die Kanzlerin sich ganz aus dem Europawahlkampf heraushält. Mit andern Worten: Die Europawahl ist Kramp-Karrenbauers erste richtige Bewährungsprobe. Die Kanzlerin überlässt ihrer Nachfolgerin die parteipolitische Bühne. Eine Chance für AKK zu glänzen – aber auch zu scheitern. Kein Wunder, dass sie sich voll in den Wahlkampf wirft. In den Wochen vor der Wahl nimmt das laut ihrer Mitarbeiterin drei bis vier Tage pro Woche in Anspruch. Gleich im Anschluss muss sie nach Ulm, wo sie gemeinsam mit Unions-Spitzenkandidat Manfred Weber auftritt, am Samstag geht‘s im Saarland weiter. Und am Sonntag ist dann eventuell noch Zeit für Mann und die drei erwachsenen Kinder zu Hause in Püttlingen. Auch ohne das Kanzleramt hat die Chefin des Konrad-Adenauer-Hauses einen zeitintensiven Job. Vier Jahre müsste sie den durchhalten, wenn die Große Koalition tatsächlich die Legislaturperiode beendet. Doch ob das so sein wird, hängt auch von den in diesem Jahr anstehenden Wahlen ab. Europa steht am 26. Mai an, die brisanten Landtagswahlen in Ostdeutschland erst im Herbst. Gut möglich, dass danach die Karten neu gemischt werden und Merkels Wunschnachfolgerin deutlich früher als geplant in ihre Fußstapfen tritt – oder eben auch nicht: Zuletzt sah sie sich bei ihrer Absage an eine CO2-Steuer offenem Widerspruch aus der eigenen Partei gegenüber. Seither ist zu lesen, ihr Stern sei schon wieder im Sinken begriffen.

Volle Reihen beim Wahlkampfauftritt von Annegret Kramp-Karrenbauer in der Neuen Tonhalle in Villingen.
Volle Reihen beim Wahlkampfauftritt von Annegret Kramp-Karrenbauer in der Neuen Tonhalle in Villingen. | Bild: Hans-Juergen Goetz

Jetzt macht sie erstmal Werbung für Europa: Es gehe es um die Frage, ob wir als EU in Zukunft noch eine Rolle in der Welt spielen wollten oder nicht. Das klingt wie schon hundertmal gehört. Wie aber soll diese EU in Zukunft aussehen? Hier hat AKK hat klare Prioritäten: Kein Europa, das sich in jedes Detail einmischt, aber eines, das die großen Fragen regelt – wie Handelsverträge oder Sicherheit. Sie plädiert für eine gemeinsame europäische Armee. Ebenfalls europaweit klären will AKK die Frage der Klimaschutzmaßnahmen. Eine CO2-Steuer, bei der Pendler und Menschen mit wenig Geld benachteiligt wären, soll es mit ihr nicht geben, betont sie noch einmal. Das trägt ihr Kritik aus dem Publikum ein: Die CDU erwecke den Eindruck, dass der Klimaschutz ohne Einschnitte für die Bürger zu machen sei.

Annegret Kramp-Karrenbauer mit dem Europa-Abgeordneten Andreas Schwab und dem Villinger Oberbürgermeister Jürgen Roth (links).
Annegret Kramp-Karrenbauer mit dem Europa-Abgeordneten Andreas Schwab und dem Villinger Oberbürgermeister Jürgen Roth (links). | Bild: Hans-Juergen Goetz

Mit Gegenwind kann sie umgehen. Das hat sie nicht zuletzt beim Wettbewerb um den CDU-Vorsitz Ende des vergangenen Jahres bereits unter Beweis gestellt, wo sie ihren Konkurrenten Friedrich Merz und Jens Spahn die Show stahl. Ein paar kritische Bemerkungen bringen die ehemalige saarländische Ministerpräsidentin jedenfalls nicht aus dem Konzept. Tatsächlich blüht sie bei der Auseinandersetzung mit dem Publikum auf, man spürt: Der Dialog mit der Basis – das ist ihre Stärke.

Fetzige Klänge

„Mini-Merkel“ hat man sie genannt. AKK hat in den vergangenen Monaten viel dafür getan, nicht als zweite Ausgabe der Kanzlerin rüberzukommen. Sie gilt als wertkonservativer und angriffslustiger, aber eben auch als genauso pragmatisch, sachorientiert und uneitel, was ihr viel Sympathie eingebracht hat. In Villingen sind mehr Gemeinsamkeiten mit der Kanzlerin denn Unterschiede zu spüren. Darüber helfen auch die Rhythmen von Safri Duos „Played Alive“, das bei ihrem Auftritt läuft, nicht hinweg.