Angesichts einer Infektionswelle mit dem Masern-Virus prüft die Bundesregierung eine Impfpflicht. Ein Sprecher von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bestätigte in Berlin, dass entsprechende Gespräche laufen, aber noch nicht abgeschlossen sind. Das Ministerium mache sich jedenfalls große Sorgen über die Zunahme der ansteckenden Krankheit.

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Der für Gesundheitspolitik zuständige Unionsfraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) begrüßte die Debatte: „Die Risiken einer Maserninfektion sind erheblich. Eine Hirnhautentzündung ist desaströs für die Betroffenen. Die Erhöhung der Durchimpfungsrate schützt gerade Kleinkinder, die noch keine Chance auf einen Vollimpfschutz haben.“ Für Nüßlein geht es „nicht um eine Entscheidung, die jeden für sich betrifft“. Wie der CSU-Politiker weiter sagte: „Eine Impfpflicht halte ich deshalb für erwägenswert.“ Persönlich könne er „mit den lifestyleorientierten Bedenkenträgern wenig anfangen“, sagte er. Nüßlein glaubt: „Ein bloßer Appell an das Verantwortungsbewusstsein hilft da wenig.“

Hat sich früh für eine Masern-Impfpflicht stark gemacht: Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.
Hat sich früh für eine Masern-Impfpflicht stark gemacht: Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. | Bild: Paul Zinken/dpa

SPD-Fraktionsvize und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte sich zuvor für eine Masern-Impfpflicht ausgesprochen. „Impfpflicht für Masern rettet Leben. Kinder dürfen nicht für unverantwortliche Fehler ihrer Eltern mit Tod und Behinderung zahlen“, so Lauterbach auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Er sei zuversichtlich, mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen Vorschlag hinzubekommen. „Wir müssen Masern endlich ausrotten“, so Lauterbach. Und das gehe „nur mit Impfpflicht“.

Auch die FDP spricht sich für eine Masern-Impflicht aus. Wie Fraktionsvize Michael Theurer sagte, solle sie für Kinder bis 14 Jahre gelten. Er forderte Bundesgesundheitsminister Spahn dazu auf, den Zugang zu Impfungen zu erleichtern. Auch in Schulen und Kindergärten könne geimpft werden.

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Grüne haben Bedenken

Bedenken äußerte dagegen die Gesundheitsexpertin der Grünen, Kordula Schulz-Asche. Eine Impfpflicht sei nicht die geeignete Lösung, sagte sie. Statt auf Zwang und Sanktionen müsse die Bundesregierung auf „zielgruppenspezifische Aufklärung und niedrigschwellige Impfangebote“ setzen. Impfungen und Beratungen sollten etwa in Kitas, Schulen und Betrieben angeboten werden. Allerdings nannte auch Schulz-Asche hohe Impfquoten wünschenswert, dies sei eine Frage der gesellschaftlichen Solidarität.

Auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sieht die SPD-Forderung nach einer Masern-Impfpflicht für Kinder skeptisch. Es sei wichtig, die Masern-Impfquoten zu erhöhen. „Überzeugung ist aber besser als Zwang“, sagte sie. Eine Impfpflicht solle nur als „letzte Möglichkeit“ in Erwägung gezogen werden. Ihr Ziel sei es, die Bevölkerung wissenschaftlich fundiert zu informieren und sie damit zu motivieren.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin hatte kürzlich eine Pflicht zur Impfung gegen Masern gefordert. Die Krankheit sei „extrem ansteckend und potenziell tödlich. Auch nach Jahren könne es infolge einer Masernerkrankung zu einer lebensbedrohlichen Gehirnentzündung kommen, für die es keine Behandlung gebe.

Häufung von Masern-Fällen

Zuletzt war aus mehreren Regionen Deutschlands eine Häufung von Masern-Fällen gemeldet worden. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wurden in den ersten neun Wochen des Jahres bereits 170 Masern-Fälle registriert, im Vorjahreszeitraum waren es lediglich 62 Fälle. Da nur ein Teil der Fälle gemeldet wird, liegt die tatsächliche Zahl der Erkrankungen um ein Vielfaches höher. Das RKI geht von jährlich 5500 Fällen aus, von denen 100 tödlich enden.

Vor einer drastischen weltweiten Zunahme von Masernerkrankungen warnt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef). 98 Länder berichten von einem Anstieg 2018. Selbst dort, wo die Masern als ausgerottet galten, sei die gefährliche Infektionskrankheit wieder auf dem Vormarsch.

 

Wie gefährlich die Krankheit ist

  • Gefahren einer Maserninfektion: Bei Infizierten wird das Immunsystem geschwächt, es kann zu Komplikationen wie Mittelohr- und Lungenentzündungen kommen. Eine ursächliche Therapie gibt es nicht. Jakob Maske, Berliner Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, sagt: „Bei Säuglingen stirbt eines von 300 erkrankten Kindern.“ Manchmal führt die Krankheit erst nach Jahren zum Tod, etwa bei der Masern-Gehirnentzündung SSPE.
  • Der erste Impfstoff wurde 1967 in Deutschland zugelassen. In der DDR wurde 1970 eine Pflichtimpfung eingeführt, in der Bundesrepublik eine Impfung ab 1974 empfohlen. Seit 1991 wird eine zweifache Impfung für bis 18-Jährigen empfohlen.
  • Impflücken: Bei Menschen, die nach 1970 geboren wurden, fehlt oft die zweite Masernimpfung, weil diese in deren Kindheit noch nicht vorgesehen war. Später wird sie oft aus Unwissen oder Schludrigkeit nicht mehr nachgeholt. Hier liegt die Impfquote zum Teil bei nur 30 Prozent. Infizierte Erwachsene können leine Kinder anstecken, die (noch) nicht geimpft sind. (dpa)