Es gibt da diese ziemlich kluge Szene im ansonsten wahnsinnig dämlichen Superheldenfilm „Aquaman“. Das Unterseevolk serviert darin, bevor die Verhandlungen zur gemeinsamen Weltrettung aufgenommen werden, erst mal den Menschen an Land all den Müll, den diese in deren Lebensraum entsorgt haben.

Sie bekommen ihren eigenen Müll direkt zurück vor die Füße, damit erst mal klar ist: Die Bringschuld liegt eigentlich bei euch, die ihr diesen Planeten rücksichtslos verseucht und ausgebeutet habt.

Damit ist gleich zweierlei ins Bild gesetzt: erstens das Unheil, das der Mensch tatsächlich in die Ozeane entladen hat, von Sondermüllfässern bis (Mikro-)Plastik; aber zweitens auch der Unrat, den sich die nördliche Wohlstandswelt vom Hals schafft, indem sie ihn in die südlichen Armutsregionen in Asien und Afrika schippert, nachdem sie dort die natürlichen Ressourcen geplündert hat.

Blind im Überfluss

Werden nun die, die bislang blind im Überfluss leben, endlich anerkennen, dass sie auch für die Lösung dort die Verantwortung wesentlich mittragen? Was braucht es (noch), damit der Mensch, der seine eigene und die Welt seiner Kinder bis zur Unbewohnbarkeit vergiftet, endlich vernünftig wird?

All die Bilder der gigantischen, teils hochgiftigen Müllhalden von Indien bis Nigeria, von Plastik in den Weltmeeren im Maul verendender Tiere, Bilder von Massen neuer Klamotten, die verbrannt werden, weil sie unverkauft geblieben sind, Stichwort „Fast Fashion“.

Ein To-go-Becher braucht 50 Jahre bis zu seinem Zerfall

Und die Fakten: dass ein To-go-Becher erst nach 50 Jahren zerfällt; dass bei der Produktion eines Smartphones, von dem jährlich weltweit über eine Milliarde verkauft und im Durchschnitt keine drei Jahre benutzt werden, 86 Kilogramm Müll anfallen, eine Mischung aus Säuren, radioaktiven Abwässern, Plastik...

Allein im Haushalt werden in Deutschland pro Kopf 476 Kilogramm Müll weggeworfen, und die weltweite Müllmenge soll von derzeit zwei Milliarden Tonnen jährlich auf 3,4 Milliarden im Jahr 2025 anwachsen.

Dümmer als alle anderen Lebewesen

Dabei ist Müll kein Schicksal. „Müll ist eine menschliche Erfindung“, wie der Chemiker Michael Baumgart sagt, wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts und Vordenker des sogenannten „Cradle to Cradle“-Prinzips, das eine müllfreie Kreislaufwirtschaft zum Ziel hat.

Der Wald als Müllablage: Ein Unbekannter hat Autoteile im Wald bei Görwihl im Hotzenwald entsorgt.
Der Wald als Müllablage: Ein Unbekannter hat Autoteile im Wald bei Görwihl im Hotzenwald entsorgt. | Bild: Polizeidirektion Waldshut-Tiengen

„Wir sind die einzigen Lebewesen, die die Umwelt mit Dingen belasten, die für andere Lebewesen nachteilig sind. Was Pflanzen und Tiere hervorbringen, ist immer irgendwo, an irgendeiner Stelle nützlich. Darum sind wir auch dümmer als alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten.“

Sonntagmorgen: Das Fast-Food-Schlachtfeld

Wir hätten als Erfinder ja eigentlich auch die Wahl. Es ist ein Sonntagmorgen in Deutschland, halb sechs, das Tageslicht treibt die letzten Nachtschwärmer nach Hause. Um eine Bank in der Fußgängerzone herrscht das reinste Fast-Food-Schlachtfeld, mit zerknüllten Silberfolien, zerrissenem Papier und zermatschten Essensresten.

Ein paar Meter weiter beginnt die Parade der leeren To-go-Becher, der teils noch halb vollen, teils zerdepperten Flaschen, der Zigarettenschachteln, der Pizzakartons und McDonald‘s-Tüten…

Kippen überall

Im nahen Park und am Flüsschen zu dessen Fuß sind die silbernen Einweg-Griller übrig von der Nacht. Und überall ist der Boden gesprenkelt von Kippen, praktisch keine davon aus den neuen, umweltschonenderen Papierfiltern, sondern die klassischen, die Arsen, Blei, Kadmium, Formaldehyd und Benzol enthalten und durch die laut WHO jährlich weltweit bis zu 680 000 Tonnen in der Umwelt landen.

Kippen im Straßengraben: Ein alltägliches Bild.
Kippen im Straßengraben: Ein alltägliches Bild. | Bild: Daniel Reinhardt/dpa

Aber hier werden ja gleich die neonorange leuchtenden Männer mit ihrem kleinen Laster anrücken und Schlachtfeld für Schlachtfeld abtragen, sodass die Sonntagsflanierenden mit To-go-Becher und Smartphone wieder durchs Reine gehen können wie durch einen gehegten Vorgarten. Hier ist das doch alles geregelt und ganz normal.

Auf der Suche nach dem richtigen Handeln

Eine Antwort auf all das sucht man in Augsburg, wo es an der Universität den einzigartigen Masterstudiengang Umweltethik gibt. Dessen Kernanliegen ist laut Beschreibung „die Vermittlung der normativen Kompetenz mit Blick auf die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit“ – es geht also für die derzeit rund 100 Studierenden um das tiefere Verständnis, was da im Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt schiefläuft und warum, sowie um das Suchen des gebotenen, des richtigen Handelns.

Gelehrt wird dabei interdisziplinär, in Geistes- und Naturwissenschaft, angesiedelt ist der Studiengang an der Katholisch-Theologischen Fakultät, betreut wird er von der Moraltheologin Kerstin Schlögl-Flierl. Hat sie angesichts dessen, was zu sehen und zu wissen ist über den Menschen und sein Umweltverhalten, nicht längst den Glauben an ihn und seine Vernunft verloren? Gibt es noch Hoffnung?

Warum keiner etwas tut

Die Professorin antwortet: „Hmm, beim Thema Müll habe ich das Glauben an das einzelne Individuum eher weniger verloren.“ Sondern? „Bei mir hat sich der Delfin, in dessen Maul sich Plastikabfälle befinden, sehr eingebrannt“, sagt sie.

„Ich sehe schon politische Anstrengungen, Müll zu reduzieren, und in Deutschland haben wir auch eine starke Mülltrennung und -recyclingkultur.“ Aber angesichts der Plastikmüllstrudel in den Weltmeeren wirke das alles manchmal „sehr hilflos“.

Einstellung und Verhalten sind nicht das Gleiche

Warum ist das nun so, dass der Mensch doch über die Erkenntnisse längst verfügt, aber nicht entsprechend handelt? Sie sagt: „Das nennt man Attitude Behaviour Gap“, also wörtlich die Lücke zwischen Einstellung und Verhalten.

„Aus unterschiedlichen Gründen schafft man es nicht, die eigentlich für gut befundenen Ziele umzusetzen. Sei es aus Geldmangel oder Zeitnot oder auch aus Nachlässigkeit. Immer klimaneutral und ökologisch korrekt einzukaufen, ist in vielerlei Hinsicht aufwendig. Aber unsere Umwelt sollte es uns wert sein.“

Im Schweizerischen Rheinfelden gibt es verschieden Arten der Abfallentsorgung. Auch Biomüll kann an öffentlichen Sammelstellen entsorgt ...
Im Schweizerischen Rheinfelden gibt es verschieden Arten der Abfallentsorgung. Auch Biomüll kann an öffentlichen Sammelstellen entsorgt werden wie auch Glas und Aluminium. | Bild: Esteban Waid

Was macht da die Professorin selbst? „Persönlich bin ich zum Beispiel speziell am Plastikfasten, an der kontinuierlichen Reduzierung von Plastikmüll interessiert.“ Und beruflich? Was hat Müll mit Moraltheologie zu tun? „Theologisch und spirituell steht hier im Hintergrund die Schöpfungsbewahrung wie eine dazugehörige Spiritualität.“

Ohne Hinterlassenschaften gehe es nicht. Aber alles sollte sich darum drehen, sie zu reduzieren, bestmöglich zu recyceln und einen Kulturwandel anzustoßen. Das Thema Fast Fashion beispielsweise sollte bereits in den Schulen für Kinder und Jugendliche Thema sein, findet sie.

Kommen immer mehr Verbote?

Aber werden nicht unweigerlich bei sich zuspitzender Lage immer mehr Verbote für Produktion und Konsum nötig werden? Da antwortet die Professorin zurückhaltend. Entscheidend sei doch, „das Verhalten der Menschen aus Einsicht heraus zu wandeln“.

Bayern, Lindau: Eine Frau liest in einer Hängematte am Badestrand eines Campingplatzes ein Buch.
Bayern, Lindau: Eine Frau liest in einer Hängematte am Badestrand eines Campingplatzes ein Buch. | Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Das heißt? Es gehe darum, Haltungen zu entwickeln. „Dabei denke ich zum Beispiel an die Suffizienz, an die Genügsamkeit. Wie schaffen wir es, genügsamer zu werden? Wie schaffen wir es, die Ideen der Postwachstumsgesellschaft sozial und politisch richtig zu transportieren?“

Eine mögliche Lösung: Genügsamkeit

Genügsamkeit beim Einzelnen, Abschied vom Wachstum in der Gesellschaft – und das weltweit: Man könnte daraus schließen, dass es so etwas wie einen neuen Menschen braucht, und das möglichst bald.

Er müsste nicht nur an all das glauben, sondern auch so handeln. Sonst? Wird er wohl letztlich erkennen, dass er das, was er mit der Natur getrieben, sich vor allem selbst angetan hat. Die gute alte Erde, sie würde sich schon von ihm erholen.