Der Anbieter heißt in diesem Fall Cerascreen, der sich als Europas führendes Unternehmen für Labortests für private Verbraucher, ausgibt. Die Firma wurde 2012 als Startup gegründet, um Menschen einzelne Arztbesuche zu ersparen. Heute trifft das Unternehmen damit einen Nerv. Cerascreen bietet eine Vielzahl von Testkits an – von der Lebensmittelunverträglichkeit bis zur Analyse von Darmbakterien. Es ist nur eines von vielen, das derzeit auch einen Test für Corona-Antikörper anbietet. Aber wie zuverlässig sind die Tests?

Der Test kostet 69 Euro. Bei Lykon lässt sich ein ähnlicher Test für 73 Euro bestellen, angeblich ohne dass das Unternehmen Profit macht. Aufgeschlüsselt werden Labor, Versand- und Lohnkosten. Es wirkt transparent und ein Slogan vermittelt ein gutes Gefühl: „Da wir an diesem Test nichts verdienen möchten und er für einen großen Teil der Bevölkerung zugänglich sein soll, ist es für uns selbstverständlich, ihn zum Selbstkostenpreis (ohne Profit) zu verkaufen“, steht da. Aber stimmt das?

Teure Sicherheit per Post

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer hält das für wenig glaubwürdig: „Das ist Wucher“, sagt er dem SÜDKURIER am Telefon. „Das ist viel zu teuer, dafür dass man sich selbst piekt und die Proben dann einschickt“, so der Experte. Stürmer weiß, wovon er spricht. In seinem Labor in Frankfurt können Privatpatienten für einen Bruchteil einen solchen Test machen. Die Kosten liegen bei etwa 25 Euro, sagt Stürmer. Damit läge die Gewinnmarge der Anbieter von Testkits bei zwei Dritteln des Verkaufspreises.

Tübinger Unternehmen bietet günstige Alternative

Dafür spricht auch ein Tübinger Beispiel: Das dortige Biotechunternehmen Cegat bietet inzwischen auf seinem Gelände einen Antikörpertest an – für 25 Euro. Allerdings müssen die Menschen selbst dorthin kommen. Doch das Beispiel zeigt: Die Kosten für die Laborarbeit liegen weit unter dem Preis der Testkits.

Das Testkit kommt per Post nach Hause. Enthalten sind ein Röhrchen für die Blutentnahme, ein Schutzröhrchen für den Transport, zwei Lanzetten (ein kleines Werkzeug aus Plastik, mit dem man sich selbst in den Finger stechen kann) ein Tupfer, ein alkoholisches Tuch zur Desinfektion und ein Rücksendeumschlag für die Probe. Teures Material ist das nicht.

Cerascreen lässt über seine PR-Agentur ausrichten: „Der Preis unseres Testkits setzt sich nicht nur aus den bloßen Material- und Verpackungskosten zusammen, sondern beinhaltet bereits Versandkosten für den Weg ins Labor, sowie die Laborkosten selbst und den Ergebnisbericht.“ Über die genaue Preisgestaltung bekommen wir aber keine Informationen.

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Per Post wird die Probe zurückgeschickt. Die Proben werden von zertifizierten Laboren in Deutschland ausgewertet, heißt es. Genutzt wird die sogenannte Elisa-Methode. Sie gilt als anerkannt und zuverlässig, um die Antigen- oder Antikörperkonzentration im menschlichen Körper über Blutproben nachzuweisen.

Testmethode unsicher

Allerdings gibt es viele unterschiedliche ELISA-Tests – darunter Euroimmun, die in der umstrittenen Heinsberg-Studie eine Rolle spielte. Aber auch Immundiagnostik, Virotec oder Microgen bieten Testmethoden für die Labore an, mit denen die eingesendeten Proben ausgewertet werden können.

Erst Anfang Mai bekam Roche in den USA eine Eilzulassung, noch in diesem Monat sollten drei Millionen Tests nach Deutschland geliefert werden. Der Labortest wirbt mit hoher Genauigkeit – er will zu 100 Prozent betroffene Infektionen erkennen (die sogenannte Spezifizität), also ohne Fehlerquote, und erkennt zu 99,8 Prozent gesunde Patienten (hier spricht man von der Sensitivität eines Tests).

Cerascreen ist nur der Anbieter eines Testkits, hat aber keine eigene Labortechnik entwickelt, um den Test auszuwerten. Die Tests werden den Angaben der Sprecherin zufolge mit den Systemen von Euroimmun, DiaSorin und nun auch Roche ausgewertet.

Unterschiedliche Auswertungen

Weil das Unternehmen mit Partnerlaboren zusammenarbeitet, die diese unterschiedlichen Auswertungsmethoden nutzen, kann der Testkitanbieter nicht genau sagen, wie zuverlässig der Test ist: Die Spezifizität liege bei 98,9 bis 99,2 Prozent, heißt es in der Produktbeschreibung, die Sensitivität liege demnach bei 97,4 bis 100 Prozent. „Da auf die spezifischen IgG-Antikörper getestet wird, ist eine Kreuzreaktivität mit anderen Krankheitserregern eher unwahrscheinlich“, sagt die PR-Sprecherin. Aber ist „unwahrscheinlich“ genau genug? Und stimmen diese Werte?

Martin Stürmer, Virologe und Leiter des IMD Labors in Frankfurt.
Martin Stürmer, Virologe und Leiter des IMD Labors in Frankfurt. | Bild: privat

Der Virologe Stürmer erklärt im Telefonat mit dem SÜDKURIER, dass die Elisa-Methoden „alle noch nicht zu 100 Prozent testen“. Viele Anbieter hätten eine Schnellzulassung beantragt. Das ist zwar legal, allerdings gibt es bis dato nach Meinung des Frankfurter Experten noch zu wenig Gegenproben. Es wurde also zu wenig getestet, wie groß die Fehlerquote tatsächlich ist. „Diese Methodik ist unabhängig vom Anbieter einfach noch nicht zuverlässig genug“, erklärt er.

Positives Ergebnis ohne Covid-19 möglich

Denn: Die Tests könnten eine sogenannte Kreuzreaktivität aufweisen. Das bedeutet, dass zwar Antikörper nachgewiesen werden können, diese aber auch Antikörper gegen eines der vier kursierenden harmloseren Corona-Viren sein könnten, die für etwa ein Drittel der normalen Erkältungen verantwortlich sind. „Diese Kreuzreaktivität kann man nicht ausschließen“, betont Stürmer.

Ein positives Testergebnis könnte Verbraucher also davon überzeugen, dass sie Antikörper gegen Covid 19, die Krankheit, die vom neuartigen Coronavirus SARS-Cov-2 ausgelöst wird, bereits überstanden haben. Möglicherweise hatten diese Menschen aber nur eine Erkältung und müssen sich deshalb weiter vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus schützen.

Noch unsicherer sind Schnelltests: Derzeit müssen diese Tests keinen Nachweis ihrer Treffsicherheit liefern, warnt das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Dort heißt es, „dass die Validierung der Tests, die im Internet und in Apotheken angeboten werden, aus seiner Sicht wegen der nach IVD-Richtlinie noch bestehenden Möglichkeit der „Selbst-Zertifizierung“ nicht immer gesichert ist. Nachweislich gibt es hier auch Fälschungen von Zertifikaten“. Zudem gebe es aktuell keine allgemein anerkannten, definierten Qualitätsstandards.

Besser zum Arzt

Virologe Stürmer jedenfalls rät unbedingt von den Antikörpertests für Zuhause ab. Im Zweifel ist der Gang zum Arzt günstiger – und das Ergebnis zuverlässiger. „Man sollte keine Scheu haben, zum Arzt zu gehen und sich auf Antikörper zu testen“, ermuntert er mögliche Betroffene.

Ein professioneller Antikörpertest in der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Ein professioneller Antikörpertest in der Ludwig-Maximilians-Universität München. | Bild: Matthias Balk/dpa

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat zudem entschieden, dass Antikörpertests beim Arzt als Kassenleistung angerechnet werden müssen. Sie können zum Nachweis einer Covid-19-Infektion hilfreich sein, beispielsweise, wenn die Symptome schwach sind und der Test zum Nachweis einer aktiven Covid-19-Infektion nicht mehr eingesetzt werden kann. Ein positiver Antikörpertest wäre so der Nachweis für einer meldepflichtigen Infektion. Schnelltests übernimmt die Kasse allerdings nicht.

Doch auch mit positivem Testergebnis gilt: Ob man nach einer überstandenen Sars-Cov-2-Erkrankung wirklich immun ist, ist noch nicht eindeutig geklärt. Zwar legt die Tatsache, dass der Körper zuverlässig Antikörper bildet, nahe, dass man zumindest für gewisse Zeit immun ist. Wie lange dieser Schutz anhält, ist aber unklar.

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