Dass im „Sonnenbichl“ irgendetwas nicht so ganz stimmt, merkt man erst auf den zweiten Blick. Auf den Balkonen des Luxushotels, idyllisch am Ortsrand von Garmisch-Partenkirchen gelegen, stehen zahlreiche Wäscheständer.

Eine etwas skurrile Vorstellung, dass vermeintlich betuchte Gäste ihre Urlaubszeit mit Wäschewaschen verbringen. Das Ganze wirkt eher so, als wohnten hier Menschen, die sich dauerhaft eingerichtet haben.

Hier soll er mit seinem Gefolge wohnen: Das „Grand Hotel Sonnenbichl“ in Garmisch-Partenkirchen. Doch zu Gesicht bekommt den König von Thailand nur selten jemand.
Hier soll er mit seinem Gefolge wohnen: Das „Grand Hotel Sonnenbichl“ in Garmisch-Partenkirchen. Doch zu Gesicht bekommt den König von Thailand nur selten jemand. | Bild: dpa

Verweilt man etwas länger vor dem großen Haus, das am Fuß der Berge steht, stellt man fest, dass keinerlei Publikumsverkehr herrscht. Keine anreisenden oder abreisenden Gäste mit Gepäck, keine Taxis, nichts.

Stattdessen fahren immer wieder große, schwarze Luxusklasse-Vans mit abgedunkelten Scheiben vom Hof, in denen asiatisch aussehende Männer in schwarzen Anzügen sitzen – und sehr aufmerksam die Umgebung sondieren.

„Der schottet sich lieber ab“

Der freundliche junge Handwerker, der in der ruhigen Wohngegend zu tun hat und gerade aus seinem Transporter steigt, bestätigt es: „Ja, das ist das Hotel, in dem der thailändische König residiert.“ Ob man den Monarchen denn auch zu Gesicht bekomme? „Nein, ich glaube, der schottet sich lieber ab.“

Er jedenfalls habe König Maha Vajiralongkorn Bodindradebayavarangkun, wie der 68-Jährige mit vollem Namen heißt, noch nicht gesehen. Die meisten Garmischer auch nicht. Aber fest steht: Er muss immer wieder hier sein.

Krönung am 4. Mai 2019: Menschen tragen Bilder des neuen Königs von Thailand.
Krönung am 4. Mai 2019: Menschen tragen Bilder des neuen Königs von Thailand. | Bild: ---/Bureau of the Royal Household,/dpa

Seine Präsenz in der oberbayerischen Marktgemeinde ist nicht unumstritten. Als im Frühjahr der Lockdown Deutschland lahmlegte und alle Hotels über viele Wochen schließen mussten, hatte das Landratsamt dem König den Aufenthalt im Grandhotel per Ausnahmegenehmigung erlaubt – samt großer Entourage.

Bei dem königlichen Tross handle es sich sozusagen um einen geschlossenen Kreis, der unter sich bleibe, hieß es. „An die damals gültigen Ausgangsregelungen haben sich der König und sein Gefolge stets gehalten“, sagt Stephan Scharf, Pressesprecher des Landratsamts.

Dennoch gab es mehr als hundert Protestmails an Landrat Anton Speer von den Freien Wählern. „Einer wünschte dem Landrat sogar Corona an den Hals“, erzählt Scharf. Interessanterweise stammte der größte Teil der kritischen Schreiben aus dem Norden und Westen Deutschlands. Nur ein Fünftel sei aus dem südlichen Oberbayern gewesen.

Bei seiner Krönung trägt der König die Krone, die er sich selbst aufgesetzt hat.
Bei seiner Krönung trägt der König die Krone, die er sich selbst aufgesetzt hat. | Bild: Uncredited/Thai TV Pool/dpa

Das war noch, bevor die Stadt unterhalb der Zugspitze von einem Superspreader-Event heimgesucht wurde. Die Corona-Fälle waren zuletzt sprunghaft angestiegen durch eine junge US-Amerikanerin, die trotz Symptomen feiern ging, und vermutlich viele weitere angesteckt hat.

Bayern ist die Leidenschaft des milliardenschweren Monarchen. Schon lange verbringt er einen großen Teil des Jahres im Freistaat. Er besitzt eine Villa am Starnberger See, der Königsfamilie gehört ein Luxushotel am Münchner Flughafen. Der Herrscher wurde schon beim Shoppen und auf Ausflügen beobachtet, mitunter in seltsamen Klamotten wie bauchfreien Tops.

Seine zweite Leidenschaft ist das Fliegen. Vor ein paar Monaten kursierte die Nachricht, der ausgebildete Pilot sei mit seiner zum Luxusjet umgebauten Boeing 737-800 über Deutschland spazieren geflogen. Mitten im Lockdown. 2011 – die Geschichte gibt es auch noch – hatte der Insolvenzverwalter des ehemaligen Augsburger Baukonzerns Walter Bau die königliche Maschine am Münchner Flughafen gepfändet, um eine Forderung von 30 Millionen Euro vom thailändischen Staat einzutreiben. Dem Thai-König hat dies aber weder die Lust auf Bayern noch die Lust aufs Fliegen verdorben.

Zu guter Letzt: das Thema Frauen. Rama X., wie er auch genannt wird, ist mehrfach geschieden und derzeit mit Suthida, 42, einer ehemaligen Stewardess, verheiratet. Und da ist die Geliebte Sineenat Wongvajirapakdi, 35, quasi Ramas Zweitfrau, die er 2019 verstoßen, jetzt aber offiziell begnadigt und angeblich sogar nach Bayern gebracht hat.

Der König überreicht seiner auf dem Boden liegenden Frau Suthida ein Geschenk.
Der König überreicht seiner auf dem Boden liegenden Frau Suthida ein Geschenk. | Bild: ---/Bureau of the Royal Household,/dpa

Alles Geschichten, mit denen er regelmäßig die Boulevardpresse füttert – was sich schnell auch in Thailands sozialen Medien verbreitet. In der Heimat des Herrschers, knapp 9000 Kilometer Luftlinie von Garmisch entfernt, spielt sich derzeit Erstaunliches ab. Es regt sich Widerstand – auch gegen den König. Das ist selten und vor allem gefährlich. Bürger kann es teuer zu stehen kommen, wenn sie Kritik am Königshaus üben. Wer den Monarchen oder seinen Hof gar beleidigt, riskiert bis zu 15 Jahre Gefängnis.

Trotzdem steht Thailand im Bann von Studentenprotesten, wie sie das Land seit den 70er-Jahren nicht mehr gesehen hat. Lange galten junge Thailänder als politisch desinteressiert. Jetzt wagen sie sich auf die Straße. Die Stimmung richtet sich in erster Linie gegen das vom Militär dominierte Regime, das aus der Putschregierung von 2014 hervorgegangen ist und 2019 Wahlen fingierte, um an der Macht zu bleiben.

Erst vor wenigen Wochen versammelten sich in der Innenstadt von Bangkok 10.000 Studenten zu einem friedlichen Massenprotest. Die Menge forderte den Rücktritt der Regierung. Am Rande auch anderer Studentenproteste wurden zudem kritische Stimmen gegen das Königshaus laut, wie sie seit dem Ende der absoluten Monarchie 1932 nicht mehr zu hören waren.

Als Kronprinz nimmt Maha Vajiralongkorn 2015 an einem Radrennen in Bangkok teil.
Als Kronprinz nimmt Maha Vajiralongkorn 2015 an einem Radrennen in Bangkok teil. | Bild: Diego Azubel/EPA/dpa

Seit den 90er-Jahren haben thailändische Regierungen die Krone politisch instrumentalisiert und Kritiker im Namen des Königs in Gefängnisse geworfen. Unter dem seit 2016 regierenden König Maha Vajiralongkorn sind solche Übergriffe gestoppt worden. Hinter vorgehaltener Hand wird in Thailand sogar gemunkelt, dass die archaischen Gesetze wegen einer Weisung direkt aus dem Königshaus nicht länger gegen Kritiker angewendet werden. Das soll die Monarchie auch aus dem politischen Rampenlicht nehmen. Kritische Stimmen sehen sich nun dazu ermuntert, nicht länger zu schweigen.

Dabei darf nicht unterschätzt werden, dass die Monarchie in Thailand weiterhin breite Unterstützung genießt. Insbesondere die Landbevölkerung verehrte den 2016 gestorbenen Mo-narchen Bhumibol Adulyadej wie einen Halbgott. Sein Sohn Rama X. pflegt einen etwas anderen Stil.

Regime geht gegen Proteste vor

Die Drohgebärden des Regimes wiederum sind geblieben. Ein kürzlich verhafteter Studentenführer zeigte sich davon unbeeindruckt. Offiziell wurde Parit Chiwarak nicht wegen Majestätsbeleidigung verhaftet, die Ankläger zückten eine Reihe anderer Vorwürfe. Nach seiner Freilassung gegen Kaution sagte Parit: „Meine Verhaftung darf nicht umsonst gewesen sein, die Menschen müssen mehr öffentlich über die Monarchie sprechen.“ Zuvor hatte er einen Zehn-Punkte-Plan für Reformen vorgetragen. „Wir haben die Decke angehoben, jetzt gibt es kein Absenken mehr.“

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Gleichzeitig warnt Jatuporn Promphan, ein Führer der früheren Protestbewegung der Rothemden, vor Angriffen der Studentenaktivisten auf die Monarchie. Er befürchtet, dass der Traum von einer Republik „mit großen Verlusten wie in der Vergangenheit enden würde“. Eine Erinnerung an das Massaker 1976 in Bangkoks Thammasat-Universität. Bei der gewaltsamen Niederschlagung des Studentenprotests durch die Polizei und einen lynchenden Mob kamen damals mehr als 100 Menschen ums Leben.

Die Thais sind zäh

Bislang vermögen die Studentenproteste keine größere Bewegung auszulösen. Viele Krisen haben die Thais zu einem zähen Volk gemacht. Offenbar ist die Schmerzgrenze noch nicht überschritten. Vielen Menschen aber steht das Wasser bis zum Hals.

Ihr König wiederum residiert weit entfernt in Bayern. Und wo an diesem Tag? Tatsächlich in Garmisch, doch in Tutzing, am Flughafen? Landratsamts-Sprecher Scharf ist überfragt: „Er muss sich bei uns ja nicht an- oder abmelden.“ Rama X. habe seinerzeit lediglich anfragen lassen, ob er aufgrund des Lockdowns das Hotel, das er schon zuvor bewohnt hatte, verlassen müsse. Was der Landkreis verneinte.

Radeln im Ammertal?

„Es ist auch nicht so, dass der König hier durch die Fußgängerzone spaziert“, sagt Scharf. Angeblich habe man ihn mal beim Radeln im Ammertal gesichtet. Warum sich der Monarch Garmisch-Partenkirchen ausgesucht hat? „Vielleicht mag er das milde Klima bei uns oder er geht gern in die Berge“, sagt Scharfs Pressesprecher-Kollege Wolfgang Rotzsche. Gleich hinter dem Hotel führen Wanderwege ins Gebirge.

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„Meines Wissens nach gibt es in dem Hotel derzeit auch keinen regulären Geschäftsbetrieb, man kann dort nicht einfach ein Zimmer buchen“, sagt Scharf. Wer auf der Internetseite des Hotels auf „Buchen“ klickt, erhält den Hinweis, dass dies derzeit nicht möglich sei. Als Grund wird jedoch nicht angeführt, dass der König das komplette Haus gemietet hat, sozusagen als „Königshaus“ der anderen Art. Sondern die Corona-Krise. Eine Stellungnahme der Hotelleitung ist nicht zu bekommen.

Der Sultan von Oman war auch mal da

Der König macht sich rar. Das habe sicherlich auch damit zu tun, sagt Scharf, dass es immer wieder Protestaktionen gibt. So waren schon Aktivisten der Menschenrechtsorganisation Pixelhelper hier und haben Lichtinstallationen auf die Fassade geworfen. Dort war dann unter anderem zu lesen: „Der Thai-König beraubt sein Volk. Werft ihn raus aus Deutschland.“

In Garmisch-Partenkirchen haben immer wieder bekannte Persönlichkeiten gewohnt. „Darauf war man früher auch stolz“, sagt Pressesprecher Rotzsche. „Bis zu seinem Tod im Februar hatte auch der Sultan von Oman hier auf der Maximilianshöhe eine Villa.“ War er da, waren in den Geschäften verhüllte Frauen unterwegs, denen man den Reichtum angesehen habe.

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