Der tödliche Angriff auf einen Unterhausabgeordneten hat in Großbritannien über Parteigrenzen hinweg große Betroffenheit ausgelöst. Der Abgeordnete David Amess von den regierenden Konservativen war am Freitagmittag in seinem Wahlbezirk in der englischen Grafschaft Essex von einem Angreifer niedergestochen worden. Wie die Polizei mitteilte, starb er trotz der Bemühungen von Sanitätern noch am Tatort. Das Motiv für den Angriff blieb zunächst unklar. Die Anti-Terror-Einheit hat die Ermittlungen übernommen.

Beamte der Spurensicherung am Tatort im Einsatz, wo der konservative Abgeordnete David Amess zum Opfer eines Messerangriffs wurde.
Beamte der Spurensicherung am Tatort im Einsatz, wo der konservative Abgeordnete David Amess zum Opfer eines Messerangriffs wurde. | Bild: Nick Ansell/PA Wire/dpa

25-Jähriger wegen Mordverdachts festgenommen

Ein 25 Jahre alter Mann wurde wegen Mordverdachts festgenommen. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Auch ein Messer wurde am Tatort sichergestellt. Der Vorfall soll sich während einer Bürgersprechstunde in den Räumen einer Kirchengemeinde in dem Ort Leigh-on-Sea abgespielt haben. „Die Ermittlung ist noch in einem frühen Stadium und wird von der Anti-Terror-Einheit geleitet. Es ist den Ermittlern überlassen, festzustellen, ob es sich um einen terroristischen Vorfall handelt oder nicht“, sagte der Chef der Polizei in der Grafschaft Essex, Ben-Julian Harrington, bei einer Pressekonferenz am Freitagabend in Southend-on-Sea.

Boris Johnson zeigt sich tief betroffen

Premierminister Boris Johnson brach einen Kabinettsausflug nach Bristol ab und kehrte in den Regierungssitz Downing Street zurück. Er zeigte sich tief betroffen von dem tödlichen Angriff auf den 69 Jahre alten Parteifreund. Die Herzen aller seien erfüllt von „Schock und Traurigkeit“ sagte Johnson am Freitag zu Reportern. Amess sei einer der „liebenswertesten und freundlichsten Menschen in der Politik“ gewesen.

Blumen und ein Luftballon, auf dem zu lesen ist „Ruhe in Frieden. Wir werden dich vermissen“, liegen am Tatort in der Nähe der Belfairs Methodist Church.
Blumen und ein Luftballon, auf dem zu lesen ist „Ruhe in Frieden. Wir werden dich vermissen“, liegen am Tatort in der Nähe der Belfairs Methodist Church. | Bild: Yui Mok/PA Wire/dpa

Zu den möglichen Hintergründen der Tat äußerte sich auch Johnson nicht. „Unsere Gedanken sind vor allem mit seiner Familie, seiner Frau und seinen Kindern und für alles Weitere müssen wir die Polizei ihre Ermittlungen machen lassen“, so der Premier.

Oppositionschef Keir Starmer von der Labour-Partei schrieb per Twitter: „Furchtbare und zutiefst schockierende Nachrichten. Denke an David und seine Familie und seine Mitarbeiter.“

Vize-Premierminister Dominic Raab würdigte Amess als „Politiker mit gesundem Menschenverstand und einen Wahlkämpfer mit großem Herz und enormer Großzügigkeit – einschließlich für die, die nicht einer Meinung mit ihm waren.“

Unterhauspräsident fordert Debatte über Sicherheit von Abgeordneten

Unterhauspräsident Lindsay Hoyle zeigte sich „schockiert und zutiefst getroffen“. Der Vorfall werde „Schockwellen durch die parlamentarische Gemeinschaft und das ganze Land senden“, so Hoyle auf Twitter. Er kündigte zudem an, es müsse in den kommenden Tagen „eine Debatte geben über die Sicherheit von Abgeordneten und zu ergreifende Maßnahmen“.

Polizeibeamte und Rettungskräfte stehen am Tatort in der Nähe der Belfairs Methodist Church, wo der konservative Abgeordnete David Amess zum Opfer eines Messerangriffs wurde.
Polizeibeamte und Rettungskräfte stehen am Tatort in der Nähe der Belfairs Methodist Church, wo der konservative Abgeordnete David Amess zum Opfer eines Messerangriffs wurde. | Bild: Nick Ansell/PA Wire/dpa

„Das ist unbeschreiblich schrecklich“, schrieb Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon ebenfalls auf Twitter. „Meine Gedanken und herzliches Beileid gelten Davids Familie, Freunden und Kollegen. Möge er in Frieden ruhen.“

Amess galt als erzkonservativer Brexit-Befürworter

Amess hinterlässt eine Frau und fünf Kinder. Der Katholik galt als erzkonservativer Brexit-Befürworter, der sich gegen das Recht auf Abtreibung und für Tierrechte einsetzte. Er war auch ein entschiedener Gegner der Fuchsjagd. Amess saß seit 1983 für die Tories im britischen Parlament, zuerst für den Wahlkreis Basildon, später für Southend West.

Der Fall erinnert an den Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox 2016. Cox wurde ebenfalls bei einer Bürgersprechstunde in ihrem Wahlkreis von einem Rechtsextremisten mit einer Schusswaffe und einem Messer angegriffen. Sie starb kurz darauf an ihren Verletzungen. Der Mord an Cox ereignete sich nur wenige Wochen vor dem Brexit-Referendum. (dpa)