Wenn die Sonne über dem Douro aufgeht, sind die Portuenser längst wach. Die Angler werfen ihre Leinen am Ufer des Flusses aus, der in den Atlantik mündet. Die alten Häuserfassaden, die das Stadtbild von Porto so prägen, sind zum Teil hergerichtet, doch an vielen nagt der Zahn der Zeit. Das Unvollkommene hat etwas Romantisches, verleiht den dicht gedrängten bunten Häusern ihren eigenen Charme.

Die bunten Häuserfassaden am Ufer des Douro – manche der Fassaden sind restauriert, andere ihrem natürlichen Charme überlassen. ...
Die bunten Häuserfassaden am Ufer des Douro – manche der Fassaden sind restauriert, andere ihrem natürlichen Charme überlassen. Hier und da bröckelt die Farbe. Doch genau das macht diesen Charme aus. | Bild: Moll, Mirjam

Langsam erwacht die Stadt zum Leben. Am Ufer bauen fliegende Händler ihre Stände auf, die Flusstaxis bringen sich in Position, in den Cafés läuft Musik, Imbissbuden werfen ihre Grills an, Kellner decken die Tische der unzähligen Terrassen ein.

Einer der Bogengänge der Kathedrale Sé auf dem Hügel Pena Ventos in der Altstadt von Porto. Die Bischofskirche des Bistums Porto ist ...
Einer der Bogengänge der Kathedrale Sé auf dem Hügel Pena Ventos in der Altstadt von Porto. Die Bischofskirche des Bistums Porto ist einen Besuch wert. | Bild: Moll, Mirjam

Touristen ziehen ihre Rollkoffer durch die steilen Kopfsteinpflastergassen, schlendern mit Einkaufstaschen durch die Straßen. Oben auf dem Hügel, neben der Kathedrale Sé, werden Selfies mit dem Hintergrund der Altstadt und dem Douro geschossen. Abgesehen von den Hinweisschildern, dass beim Betreten der Kirchen, Museen, Geschäfte und Cafés Masken zu tragen sind, erinnert kaum etwas an Corona.

Hinter Porto liegen schlimme Zeiten

Dass die Touristen nun wieder in die Hafenstadt am Atlantik kommen, war noch im Frühjahr kaum absehbar, als die dritte Welle der Pandemie das Land fest im Griff hatte und die Regierung harte Maßnahmen und strikte Lockdowns beschloss, um die zwischenzeitlich exorbitant hohe Zahl an Neuinfektionen wieder in den Griff zu bekommen.

Der jahrhunderte alte Bahnhof Bento im Herzen der Altstadt. Hier sind schon Ende des 19. Jahrhunderts Züge eingefahren.
Der jahrhunderte alte Bahnhof Bento im Herzen der Altstadt. Hier sind schon Ende des 19. Jahrhunderts Züge eingefahren. | Bild: Moll, Mirjam

Denn gerade Porto ist inzwischen auf den Tourismus angewiesen. Kamen 2021 noch eine Million Touristen pro Jahr, sind es inzwischen mehr als 2,5 Millionen – das zumindest waren die Zahlen von 2019 – vor Corona. Die Stadt gehört damit zu den beliebtesten Reisezielen im südlichen Europa.

Viele Tische bleiben leer

Erst seit Mitte Mai dürfen Touristen aus der EU und Großbritannien wieder einreisen, doch die Deltavariante hat dem Sommertourismus noch einen weiteren Dämpfer verpasst. In der Altstadt herrscht zwar auf den ersten Blick reger Betrieb. Doch viele Tische an der Uferpromenade bleiben leer.

Gebeutelt von mehreren Lockdowns hat die Pandemie deutliche Spuren in der Hafenstadt am Douro hinterlassen. Weicht man in der Stadt von den bekannteren Gassen und Straßen ab, stehen Läden leer.

Häuserfassaden am Ufer des Douro. Einige Fassaden sind restauriert, andere in ihrem natürlichen Charme belassen.
Häuserfassaden am Ufer des Douro. Einige Fassaden sind restauriert, andere in ihrem natürlichen Charme belassen. | Bild: Moll, Mirjam

Verstaubte Schaufenster, mit Graffiti beschmiert, erwecken den Eindruck, dass hier schon lange manches brachliegt. Das dürfte paradoxerweise mit am boomenden Tourismus in der Stadt liegen. Seit 2009 begann mit Billigflieger Ryanair und günstigen Direktflügen für Porto eine Art neue Zeitrechnung, schnell folgten andere Airlines. Neue Hotels entstanden ebenso wie AirBnb – innerhalb von zehn Jahren stieg ihre Zahl auf über 10 000.

Die Mieten sind massiv gestiegen

Das hat auch seine Schattenseiten – Mieten und Grundstückspreise sind massiv gestiegen. „Die Banken kaufen hier alles auf, um unsere Generation zu Dauermietern zu machen, weil man sich ein eigenes Haus nicht mehr leisten kann“, umschreibt es ein junger Mann, der als Taxifahrer sein Geld in Porto zu verdienen versucht – ohne Touristen ist das kaum möglich. Er träumt von einer eigenen kleinen Wohnung. In der Altstadt ist das unbezahlbar, erzählt er. Er sucht in den Außenbezirken von Porto.

Abendstimmung: mit dem weiten Horizont und der Nähe zum Atlantik jeden Abend ein wenig anders.
Abendstimmung: mit dem weiten Horizont und der Nähe zum Atlantik jeden Abend ein wenig anders. | Bild: Moll, Mirjam

Doch der Tourismus hat dem Land nach dem Ende der Militärherrschaft und dem Verlust der portugiesischen Kolonien, die bis dahin die Wirtschaft, insbesondere die Textilindustrie, durch Baumwolle aus Angola angetrieben hatte, auch auf die Beine geholfen und maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen. Nach dem Beitritt in die EU in den 80er-Jahren wuchs die Branche massiv – inzwischen macht sie mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Stadt aus.

Zu Gast in Porto

Die Stadt wirkt wie verwandelt

Die Branche ist es, die Portugal vorzeitig aus dem Rettungsschirm der EU verhalf, als die Finanz- und Wirtschaftskrise das Land schwer gebeutelt hatte. Noch 2011 standen 40 Prozent der Altbauten in der Altstadt leer, die Stadt war arm, an den Flussufern gab es keine Arbeit.

Wenige Jahre später war die Stadt wie verwandelt – aus der einst düsteren Gasse Rua das Flores wurde eine schillernde Einkaufsstraße mit sanierten Häuserfassaden und zahlreichen Läden und Boutiquen.

Modern und schick: Das neue Äußere der alten Lagerhäuser in der World of Wine.
Modern und schick: Das neue Äußere der alten Lagerhäuser in der World of Wine. | Bild: Moll, Mirjam

So wird weiter investiert in die Hafenstadt am Atlantik. Am gegenüberliegenden Ufer liegt das traditionelle Weinkellerviertel Portos, die Vila Nova de Gaia. In den kleinen Seitengässchen, die mit dem typischen holprigen Kopfsteinpflaster bedeckt sind, abseits der Uferpromenade, wird es merklich ruhiger.

Neues Weinmuseum „World of Wine“

Das soll sich ändern. In den früheren Lagerhallen der Weinkellereien, die zum Teil zerfallen waren, ist eine Museenwelt rund um das Thema Wein entstanden. Ziel ist es, ein neues Kulturviertel zu schaffen. Die „World of Wine“ bietet ähnlich dem Konzept der französischen Cité de vin in Bordeau eine Themenwelt, in der Besucher sieben verschiedene Museen besuchen können.

Alt und neu: Hier und da zeigen alte Häuser und eingebrochene Dächer noch, wie das Viertel zuvor ausgesehen hat. Inzwischen ist hier die ...
Alt und neu: Hier und da zeigen alte Häuser und eingebrochene Dächer noch, wie das Viertel zuvor ausgesehen hat. Inzwischen ist hier die World of Wine entstanden. | Bild: Moll, Mirjam

Besucher können hier neben der Geschichte Portos und den Weinanbau der fruchtbaren Region um Porto die traditionelle Korkherstellung kennenlernen. Auch die für Portugal prägende Textilherstellung wird hier gezeigt.

Planet Cork: Hier wird der Anbau, die Ernte und Verarbeitung von Kork, dem traditionellen Produkt Portugals, gezeigt.
Planet Cork: Hier wird der Anbau, die Ernte und Verarbeitung von Kork, dem traditionellen Produkt Portugals, gezeigt. | Bild: Moll, Mirjam

Eine Besonderheit aber dürfte eine beeindruckende Sammlung antiker Gläser und Krüge sein, die Stücke aus der Steinzeit beinhaltet bis hin zu Gläsern, die mit Uranium verziert wurden und im Dunkeln leuchten. Mit dem Bau des Komplexes wurden die teilweise zerfallenen Weinkellereien zu neuem Leben erweckt und zu einer begehbaren Museenwelt fusioniert.

Korkprodukte und Designmode

Auch lokale Produzenten von Töpfereien über Korkprodukte bis hin zu jungen Designern sollen damit gefördert werden. Sie erlebten nach der Wirtschaftskrise einen beachtlichen Aufschwung: Die Textilindustrie, die nach dem Verlust der Kolonien brachlag, erwachte zu neuem Leben – Made in Portugal wurde zu einem neuen Qualitätsmerkmal für das Land.

Im Schokoladenmuseum: Pedro Araújo erklärt die Unterschiede der Schutzmarken – und dass sie nicht immer für faire Bezahlung der ...
Im Schokoladenmuseum: Pedro Araújo erklärt die Unterschiede der Schutzmarken – und dass sie nicht immer für faire Bezahlung der Kakaobauern stehen. | Bild: Moll, Mirjam

Auch andere Branchen versuchen sich zu etablieren. Zu ihnen gehört Chocolatier Pedro Araújo. Er hofft auf den großen Durchbruch mit seiner jungen Schokoladenmarke. Der ursprüngliche Koch bildete sich zum Chocolatier weiter. Seither reist er um die Welt, auf der Suche nach dem besten Kakao und neuer Inspiration für seine Schokoladenkreationen.

Faire Preise für die Kakaobauern

Seine Produkte sind teuer, doch Araújo will nur mit erstklassigem Kakao arbeiten – und die Kakaobauern fair bezahlen, sagt er. Mit seiner neuen Schokolade will er auf den internationalen Markt gelangen. Noch ist sie fast ausschließlich in Portugal erhältlich. Seine kleine Fabrik, die noch gerade einmal elf Mitarbeiter zählt, ist begehbar und Teil der Museenwelt.

Bunte Comicwelt. Ein Einblick in das Schokoladenmuseum von Pedro Araújo.
Bunte Comicwelt. Ein Einblick in das Schokoladenmuseum von Pedro Araújo. | Bild: Moll, Mirjam

Auch er hofft auf Touristen, die seine Schokoladenfabrik besuchen. Für Jungunternehmer wie ihn wäre ein neuer Lockdown ein schwerer Schlag. Porto ist gerade erst dabei, sich zu erholen.