Das Männchen mit der Pfanne rennt immer wieder vor die Wand. „Links drücken“, sagt Anika zum dreiundvierzigsten Mal, immer noch sehr sanft. Ich drücke links. Das Männchen läuft ein paar Schritte und prallt vor die nächste Wand. Jascha versucht erfolglos, ein weiteres Prusten zu unterdrücken. Ich fühle mich ungeschickt, furchtbar alt und sehr einsam bei meiner ersten Nachhilfestunde, einem Kochspiel für Säuglinge.

Was ich nicht kenne, lehne ich ab

Seit Jahrzehnten lehne ich Computerspiele ab. Ich schiebe kulturelle Bedenken vor („Ballerspiele“), fürchte in Wirklichkeit aber vor allem meine Unfähigkeit. Ich beherrsche dieses Gefummel einfach nicht, was entwürdigend ist für einen alten, weißen Mann, der sich ja dadurch auszeichnet, dass er praktisch alles drauf hat: Grillen, Rotwein, Bohrmaschine, „Siedler von Catan“. Nur Computerspiele nicht. „Tetris“ war mein Ein- und Ausstieg. Glotzten meine Kinder stundenlang auf den Bildschirm, habe ich gezürnt, gelästert und den Untergang des Abendlandes ausgerufen. Was ich nicht kenne, lehne ich ab.

Ein anderes Verständnis von Spielen

Meine DNA stammt nun mal aus der Zeit vor Controller, Joystick und Konsolen. Die Evolution war damals gerade mal bei Skat angelangt. Womit wir beim wichtigsten Unterschied zwischen analog und digital aufgewachsenen Menschen wären: Die einen denken in Levels und Leben, nehmen synchron ein Dutzend Informationen auf, haben flinke Finger trainiert und betrachten Spiele als endlose Vergnügungsschleifen. Immer wird gestorben, aber genauso oft wieder auferstanden. Meine Spiele dauern neunzig Minuten, sind durch Anfang und Ende markiert, kennen Sieg und Niederlage. Das Verständnis von „Spielen“ markiert wahrscheinlich den größten Eltern-Kind-Konflikt aller Zeiten.

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Jascha und Anika sind Mitte 20, gemeinsam sind wir die Netzentdecker. Seit Monaten reden die beiden auf mich ein, ich müsse die Magie des Zockens kapieren, um die digitale Welt zu begreifen. Also ein Nachmittag betreutes Spielen. Wir sitzen zu dritt auf einem Sofa, die beiden jungen Menschen üben sich in diesem quälend einfühlsamen Sonderschullehrerton, wenn sie etwa „Toll!“ sagen, nur weil ich mal zwei Sekunden lang nicht gegen eine Wand gelaufen bin.

Wüstes Ballern reicht nicht im der PC-Spiele-Welt

Zu gern würde ich die albernen Kochmützenmännchen einfach nur hassen. Leider wütet da dieser Ehrgeiz. Und die Panik, mich vor den jungen Menschen auf ewig zu blamieren. „Neues Spiel“, befehle ich. Meine Ausbilder schauen hilflos. Das Autorennen „Beach Buggy“ scheint niedrigschwellig genug. Immerhin: Beim vierten Versuch werde ich nur noch zweimal überrundet. Dritte Stufe der Gamer-Nachhilfe: „Red Dead Redemption II“, ein komplexes Spiel mit Cowboys, Pferden, Schießereien, aber auch einem Schuss Dalai Lama. Wüstes Ballern allein genügt nicht, gute Taten werden belohnt. Während Jascha und Anika bereits die halbe Sierra Nevada durchquert haben, versuche ich immer noch, in den Sattel zu klettern.

Dringend mehr Trainingseinheiten

Kaum habe ich den bockigen Gaul endlich erklommen, rast er auch schon los. „Links“ wird Anika gleich rufen. Zu spät. Ich bin in einen Fluss gestürzt. Das Pferd ertrinkt. Wie grausam. Ich fühle mich schlecht, auch wenn der Klepper schon wieder am Ufer schnaubt. Ein Wunder. Das Tier lebt. Wie abgebrüht muss man sein, um dieses pausenloses Sterben zu ertragen, denke ich, während ich mit meinem Revolver auf die Herzgegend eines Banditen ziele. Ich brauche einfach mehr Training.

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