Chakaha Tshuma, eine 44-jährige Gesundheitshelferin, kümmert sich von Mwatsi aus, einem kleinen Dorf im Hwange-Distrikt in Zimbabwe – rund 500 Kilometer östlich der berühmten Victoria-Fälle – seit 2009 um 215 Haushalte mit fast 900 Menschen.

Sie leben verstreut bis zu fünf Kilometer entfernt von Mwatsi. Gerade in Zeiten von Corona ist die Arbeit von Gesundheitshelfern wichtig, allein schon um die Menschen über die Gefahren des Virus, über Ansteckungswege und auch die Folgen einer Infektion aufzuklären.

Jede Menge Schlaglöcher

Ein Auto hat Chakaha nicht, wie kaum jemand in dieser armen ländlichen Region. Aber ein Fahrrad – ein stabiles und robustes zudem für die schlechten mit vielen Löchern übersäten Wege. Ähnlich ergeht es der 53-jährigen Gesundheitshelferin Sifundo Ndlovu im Nachbardorf Sizinda.

Ich bin schon da: Mit dem Rad geht vieles schneller, auch in Afrika.
Ich bin schon da: Mit dem Rad geht vieles schneller, auch in Afrika. | Bild: World Bicycle Relief

Einmal in der Woche muss sie zur Weiterbildung in die 14 Kilometer entfernte Klinik in Chisuma. Die Haushalte, um die sie sich kümmert, liegen in einem Radius von sechs Kilometern verteilt um Sizinda. „Jetzt ein Fahrrad zu besitzen ist ein Segen“, lacht sie durch ihre helle rechteckige Brille.

Früher tagelang unterwegs

Auch für den 26-jährigen Gemeindearbeiter Levison Sibanda ist das Fahrrad eine riesige Erleichterung. Er kümmert sich um Zäune und andere Schutzmaßnahmen, die verhindern sollen, dass Elefanten in die Dörfer gelangen und Felder plündern und dass Löwen und Hyänen Vieh reißen.

Schwere Last: Wasser muss in Afrika oft kilometerweit getragen werden. Mit einem Rad fällt das leichter.
Schwere Last: Wasser muss in Afrika oft kilometerweit getragen werden. Mit einem Rad fällt das leichter. | Bild: World Bicycle Relief

Dafür muss er täglich bis zu 35 Kilometer zurücklegen. Früher musste er das zu Fuß schaffen, hat dafür Tage gebraucht. „Jetzt bin ich schneller unterwegs und abends wieder zu Hause bei meiner Familie.“

Erleichterung im Alltag

Hierzulande hat Corona zu einem Fahrrad-Boom geführt, weil sich die Menschen bewegen wollen. In Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist ein Zweirad im Alltag schon immer eine große Hilfe. Und in Corona-Zeiten fast zwingend, um die Menschen auch außerhalb von Dörfern über die Gefahren von Corona und wirksame Schutzmaßnahmen zu informieren und Masken zu verteilen.

Hart im Nehmen: Die Buffalo-Räder tragen auch schwere Ladung. Auch Milchkannen sind kein Problem.
Hart im Nehmen: Die Buffalo-Räder tragen auch schwere Ladung. Auch Milchkannen sind kein Problem. | Bild: World Bicycle Relief

„Gesundheitsbeschäftigte stehen in ländlichen Gebieten in der ersten Verteidigungslinie gegen das Virus“, sagt Kristina Jasiunaite. Sie ist seit 2013 Geschäftsführerin Deutschland und Europa der Hilfsorganisation World Bicycle Relief (WBR) – frei übersetzt Welt-Fahrrad-Hilfe. Die Fahrräder von Chakaka, Sifundo und Levison stammen von WBR.

ZF Friedrichshafen unterstützt das Projekt

Seit Jahren wird die Fahrrad-Initiative vom Autozulieferer und Maschinenbauer ZF Friedrichshafen am Bodensee über die eigene Stiftung unterstützt. Seit März vergangenen Jahres hat die Organisation ihr Engagement für den Gesundheitssektor wegen Corona in Kenia, Zimbabwe, Sambia, Malawi und in Kolumbien forciert und in diesen Ländern 2150 Räder zur Verfügung gestellt.

Die Räder könnten auch eine Rolle für die hoffentlich auch in ärmeren Ländern bald anlaufenden Impfungen spielen, etwa bei Verteilung der Impfstoffe.

Lange Schulwege zu Fuß

Seit mehr als 15 Jahren ist WBR mittlerweile aktiv. Ausgangspunkt für Gründer und WBR-Chef Dave Neiswander war damals die Unterstützung von Bildung zunächst in Sambia. Schülerinnen und Schüler müssen dort oft kilometerweit zur Schule laufen – pro Weg.

Zur Schule gehen können: Für Mädchen in Afrika ganz entscheidend fürs eigene Leben und für den Fortschritt des Landes.
Zur Schule gehen können: Für Mädchen in Afrika ganz entscheidend fürs eigene Leben und für den Fortschritt des Landes. | Bild: World Bicycle Relief

Vor allem Mädchen gehen deshalb überhaupt nicht in die Schule, verpassen den Unterricht oder kommen zu spät. „Eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt“, sagt Kristina Jasiunaite, „dass sich der Schulbesuch von Mädchen in Sambia durch die Fahrräder um ein Drittel verbessert hat und die Schülerinnen pünktlich zum Unterricht kommen. Damit steigen die Bildungschancen erheblich.“

Die 2005 als kleine Initiative ins Leben gerufene Organisation ist mittlerweile gewaltig gewachsen. Jasiunaite hat früher selbst in der Fahrrad-Industrie in Holland und Deutschland gearbeitet und sich dann für WBR begeistert.

„Wir sind mittlerweile in 21 Ländern aktiv und haben mehr als eine halbe Million Räder verteilt und verkauft.“ In Kolumbien sollen bis Ende nächsten Jahres in Barranquilla im Nordwesten des Landes 22.000 Buffalo-Räder rollen.

Die Räder werden nicht verschenkt

Jasiunaite ist es wichtig, dass WBR zwar eine Wohltätigkeits-Organisation ist, aber trotzdem die Räder nicht verschenkt. Sie werden auch verkauft – für umgerechnet etwa 170 Dollar. Die Räder sind speziell für die Anforderungen in den Ländern für die oft mit vielen Schlaglöchern übersäten schlechten Straßen und Wege ausgelegt.

Stabil und für schlechte Wege gebaut: Das Rad der Hilfsorganisation World Bicycle Relief.
Stabil und für schlechte Wege gebaut: Das Rad der Hilfsorganisation World Bicycle Relief. | Bild: Tim Walters

„Räder aus China oder Indien sind für 80 bis 90 Dollar zu haben. Dafür halten sie nicht lange. Mit unseren Rädern können problemlos Lasten bis zu 100 Kilo Gewicht transportiert werden. Und wir gewähren fünf Jahre Garantie.“

Die Räder werden vor Ort zusammengebaut und repariert

Zwar werden Rahmen und Teile importiert. Aber die mehr als 20 Kilo schweren Räder werden in eigenen WBR-Montagewerkstätten in den Programmländern zusammengebaut, was vielen Menschen Arbeit verschafft.

Die Räder werden vor Ort repariert. Das gibt Menschen verlässliche Arbeit.
Die Räder werden vor Ort repariert. Das gibt Menschen verlässliche Arbeit. | Bild: World Bicycle Relief

Mittlerweile wurden rund 2500 Mechanikerinnen und Mechaniker ausgebildet. Das sichert ihnen ein zuverlässiges Einkommen. Generell gilt die Formel: Pro 100 Räder gibt es eine Fachkraft.

Ein Rad gibt es nur, wenn die Tochter die Schule besucht

Werden die WBR-Räder nicht gekauft, sondern zur Verfügung gestellt, geschieht das auf der Basis eines Vertrages, betont Jasiunaite. Darin wird etwa mit einer Gemeinde der Verwendungszweck festgelegt. Oder mit einer Familie, dass die Tochter damit auch zur Schule fährt.

Dabei überwacht ein Fahrrad-Komitee aus dem Dorf, ob der Schulbesuch pünktlich und regelmäßig erfolgt. Die Schülerinnen müssen lediglich eine Gebühr von umgerechnet fünf Dollar bezahlen.

Räder mussten auch schon zurückgegeben werden

„Wir hatten wenige Fälle, in denen es nicht geklappt hat. Dann mussten die Räder zurückgegeben werden.“ Läuft es wie vereinbart, kann die Familie das Rad nach zwei bis vier Jahren dauerhaft behalten. In der Regel vermindert ein Fahrrad die Abwesenheit vom Unterricht um rund ein Drittel, der Weg zur Schule reduzierte sich im Schnitt um 35 Minuten – pro Strecke.

Das war auch der Ansatzpunkt für „ZF hilft“, den Förderverein des Unternehmens. „WBR passte ideal zu unserem Engagement. Im Jahr 2015 zum 100-jährigen Bestehen von ZF haben wir das Projekt ‚100 Jahre – 100 Schulen‘ ins Leben gerufen“, sagt Susanne Obert, die bei ZF für die Kooperation zuständig ist.

ZF hat das Projekt vor Ort angeschaut

Von den 2,4 Millionen Euro für das gesamte Projekt flossen aus Friedrichshafen 675 .00 Euro in die Förderung von Fahrrädern für Schüler. Obert selbst hat sich das an der Kabwadu Primary School im Kafue District in Sambia angeschaut. Und war mehr als überzeugt.

Gemeinsam schleppen: So geht es, wenn kein Fahrrad vorhanden ist.
Gemeinsam schleppen: So geht es, wenn kein Fahrrad vorhanden ist. | Bild: World Bicycle Relief

Neben dem Start in Kolumbien haben sich Fahrrad-Helfer gemeinsam mit ZF denn auch auf ein neues Konzept verständigt. Und auf eine Pilotphase in Zimbabwe. Bei „Mobilized Communities“ geht es um „Mobilität für alle“. Am Anfang stand eine Bedarfsanalyse gemeinsam mit eigens gewählten örtlichen Komitees, in dem Lehrkräfte, Schüler, Handwerker und Vertreter der Gemeinde sitzen.

Die Menschen leben weit verstreut

Die 1600 Buffalo-Räder werden in der Gemeinde Hwange bereitgestellt. Dort leben die Menschen weit verstreut in kleinen Weilern. 640 Räder gehen an Schüler, 60 an Krankenpfleger. 300 an Kleinbauern, an Handwerker und an Frauenkooperativen und schließlich 100 an Naturschutz- und Umwelt-Ranger.

Auch im Bau: Das Buffalo-Rad trägt schwere Lasten.
Auch im Bau: Das Buffalo-Rad trägt schwere Lasten. | Bild: World Bicycle Relief

Daneben wird ein Laden für Reparaturen und Ersatzteile eingerichtet. Gut ein Dutzend Frauen und Männer werden für den Fahrrad-Service ausgebildet. „Die ganze Gemeinde soll mobil werden. Es soll ein Ökosystem für und mit Mobilität durch Fahrräder entstehen, von der alle profitieren“, sagt Jasiunaite. „Und umweltfreundlich ist es zudem auch.“

Beim Gesamtvolumen von 800.000 bis 900.000 Dollar ist ZF mit 490.000 Euro dabei. Bis 2023 soll es laufen und den Anstoß liefern für ähnliche Projekte in anderen Ländern. Regionen seien bereits identifiziert, sagt Jasiunaite. Und sie hofft auch die Unterstützung durch weitere Firmen in Deutschland. Es gebe gute Gespräche.

„Es klappt gut“

Zum Beginn der Corona-Pandemie musste WBR seine Aktivitäten vorübergehend einstellen, weil auch in den Ländern Afrikas Lockdowns vorordnet wurden und Schulen geschlossen waren.

Jasiunaite war zuletzt von ihrem Büro in Schweinfurt im Februar 2020 nach Hwange gereist. Seitdem läuft die Organisation mit den WBR-Beschäftigten vor Ort digital. „Das klappt gut“, sagt die gebürtige Litauerin.

Hilfe trotz Corona

Covid-19 hatte zeitweise auch den Import von Fahrrad-Teilen ausgebremst. „Aber dann wurde uns von den Behörden der Status systemrelevant eingeräumt und wir konnten wieder importieren. So haben wir es trotz Corona geschafft, im vergangenen Jahr 45.000 Räder zu übergeben“, freut sich Jasiunaite.

Mittlerweile sind im Mobilitätsprojekt in Hwange auch schon 800 Räder verteilt und im Einsatz, vor allem in der Gesundheitsversorgung und für Schülerinnen und Schüler. Das stärkt jetzt auch die Arbeit und das Engagement von Chakaha, Sifundo und auch von Levison.

Wer mehr wissen möchte:
http://www.worldbicyclerelief.org