Die Brille beschlägt innerhalb von Sekunden. Kaum ist die Alltagsmaske beim Bäcker aufgesetzt, schwindet die Sicht. Eher suboptimal beim Einkaufen, EC-Karte herausfummeln und die Geheimzahl eingeben. Jetzt Kontaktlinsen haben! Die meisten von uns sehen die Notwendigkeit der Maske ein, manche weniger. Ich schütze dich, du schützt mich. Das ist der Deal.

Wirklich gekniffen sind alle, die die Maske bei der Arbeit tragen müssen. Köche, Ärzte, Verkäuferinnen. Eine Schicht bei 30 Grad mit Maske kann lang werden. Wer sie nur im Alltag tragen muss, ist besser dran.

Man sieht allerlei kuriose Tragevarianten: Manche tragen sie unter dem Kinn bis zum nächsten Einsatz. Dann rasch hochziehen und fertig. Oder sie hängt dauerhaft unter der Nase. So ist zumindest das Kinn vor Ansteckung geschützt. Virologen wenden sich mit Grausen –der medizinische Nutzen ist gleich null.

Wer bist du? Woher kommst du?

Jahrhundertelang hat unsere westliche Gesellschaft damit gelebt, dass wir Gesicht zeigen. Es galt als Zeichen der Aufklärung, dass die Menschen einander frank und frei ins Gesicht sehen. Wer bist du? Woher kommst du? Das Gesicht verrät Gesellschaftsschicht, Bildung, Ernährung. Beim Näherkommen sieht man noch mehr: Ob wir gut oder schlecht gelaunt sind, ob wir zornig sind oder gleich in Gelächter ausbrechen. Auch ob wir gut geschlafen haben oder ob wir krank sind.

Bitte wechseln und waschen! Mehrwegmasken nützen nur, wenn man sie pflegt.
Bitte wechseln und waschen! Mehrwegmasken nützen nur, wenn man sie pflegt. | Bild: Mascha Brichta - dpa

Mit Corona wird es schwer, in Gesichtern zu lesen. Vor allem für Taube ist das ein Problem. Sie sind es gewohnt, von den Lippen abzulesen. Mühsam ist es für alle, denn ein großer Teil unserer Kommunikation (bis zu 80 Prozent!) läuft ohne Worte ab. Eine prächtige Gelegenheit für Missverständnisse und genuschelte Verhörer. Wir müssen zuhören, nachfragen, noch mal nachfragen.

In der Neuzeit gibt es Masken eigentlich nur noch zu wenigen Zwecken: zu fasnächtlichen, also im weitesten Sinne kultischen, zu beruflichen (Ärzte, Feuerwehrleute, Lackierer), zu kriminellen (Bankräuber!) und zu amourösen, etwa im Film „Fifty Shades of Grey“ oder beim Karneval von Venedig. Letztere dienen der Anonymität und locken eher, herauszufinden, wer dahintersteckt.

Zorro ohne Maske? Niemals!

Bankräuber arbeiten heutzutage kaum noch, und wenn, tun sie es digital. In der US-Komödie „Archie und Harry“ mit Burt Lancaster und Kirk Douglas (1986) heckten die alternden Ganoven noch ganz analog einen Bankraub aus. Heute gewinnt ein Wortwechsel wie „Wie gehen wir da rein?“ – „Auf keinen Fall ohne Maske!“ eine ganz neue Qualität. Nun passt er perfekt, wenn wir ins Lieblingsrestaurant gehen.

Nur echt mit Maske: Antonio Banderas als Don Alexandro de la Vega im Film „Die Legende des Zorro“ mit Catherina Zeta-Jones als Elena.
Nur echt mit Maske: Antonio Banderas als Don Alexandro de la Vega im Film „Die Legende des Zorro“ mit Catherina Zeta-Jones als Elena. | Bild: United Archives / kpa Publicity - Imago

Und Antonio Banderas hätte als Zorro ohne seine Maske auch nicht gescheit als mexikanischer Rebell und Frauenverführer arbeiten können. Maske trägt man auch beim Tauchen, Fechten, Motorsport oder Eishockey.

Nun müssen wir

Der große Unterschied ist aber: All diese Masken trägt man für gewöhnlich freiwillig. Nun müssen wir. Dabei hat man im Westen in den letzten Jahrzehnten doch die Individualität des Einzelnen über alles gestellt. Erst komme ich, und dann kommt lange nichts. Der Gedanke, mit dem eigenen Verhalten andere zu schützen, liegt nicht in unserer Kultur, während es in Asien schon lange selbstverständlich ist, in Pandemie-Zeiten Maske zu tragen.

Weggeworfene Maske auf der Straße.
Weggeworfene Maske auf der Straße. | Bild: PHILIPPE LOPEZ/AFP

Man kann die Pflicht gerade so erfüllen. Hässliche Einwegmasken tragen und sie nach Gebrauch in die Wiese werfen. Oder man macht etwas Schönes draus. Es gibt Baumwollmasken, die gleich zeigen, dass der Träger Bayern-München-Fan ist oder die Trägerin Blumen liebt oder Katzen. Und waschen kann man sie auch. Viele Frauen haben für ganze Dörfer Masken genäht. Wir sind also doch zu fürsorglichem Verhalten in der Lage. Auch das hat Corona gezeigt.

Irgendwann ist es vorbei

Die Masken mögen lästig sein. Aber im Vergleich zur Sorge um unsere Eltern, zu den schrecklichen Bildern aus den italienischen Krankenhäusern, zur Einsamkeit der alten Menschen im Pflegeheim, den Kindern, die zu Hause bleiben mussten und zu den Folgen für die Wirtschaft ist das Ganze Kleinkram. Wenn Corona vorbei ist, werden wir die Masken wieder ablegen. Wir werden sie waschen und verräumen. Und es zu schätzen wissen, wenn wir uns wieder ins Gesicht sehen dürfen.

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