Herr Jacobs, eigentlich wollen Sie mit Ihrem Buch dabei helfen, Denkblockaden zu überwinden. Aber ist es nicht vor allem ein Plädoyer fürs Träumen?

Das Träumen ist in der Tat ein ganz wesentlicher Bestandteil, um schöpferische Kräfte zu wecken. Wer sich darauf einlässt, wird feststellen, dass sich plötzlich ganz viele Kanäle öffnen. Träume sind für viele Kreative eine Quelle der Inspiration. Und das hat nichts mit Esoterik zu tun: Wenn ein Unternehmer mit Erfolg eine Vision umsetzt, ist das nichts anderes als die Verwirklichung seines Traums. Leider wird uns das Träumen in der Schule aberzogen.

Sie plädieren außerdem dafür, das Kind in sich zuzulassen, weil Kinder experimentierfreudig und leidenschaftlich sind. Sollte die Gesellschaft Kindern ein größeres Mitspracherecht einräumen?

Zumindest sollte sie Kinder stärker mit einbeziehen. Kinder haben oft überraschende Gedankengänge, weil sie nicht so viel Ballast in sich tragen, der uns Erwachsene viele Dinge von vornherein ausschließen lässt. Ein gutes Beispiel ist Greta Thunberg und ihr Auftritt beim Klimagipfel der Vereinten Nationen.

Natürlich ist die Vernunft bei Kindern noch nicht so ausgeprägt, deshalb können sie sich über bestimmte Regeln hinwegsetzen; andererseits sind ihre Ideen oft nicht realisierbar, weil sie die Konsequenzen nicht abschätzen können. Trotzdem bin ich sehr dafür, dass Erwachsene ihre kindliche Seite viel stärker annehmen. Im Grunde tun wir das ja auch bereits, weil gerade wir Männer im Vergleich zu unseren Vätern und Großvätern deutlich mehr Gefühle zulassen.

Designer-Duo: Andy Jacobs mit seiner Lebensgefährtin Alice Harwardt. Beide beraten unter dem Namen „Alice & Jacobs“ Firmen ...
Designer-Duo: Andy Jacobs mit seiner Lebensgefährtin Alice Harwardt. Beide beraten unter dem Namen „Alice & Jacobs“ Firmen bei Fragen von Kreativität und Wachstum. | Bild: Matthias Wolf

Leitfigur Ihres Buchs ist Ernie, der stets gutgelaunte Partner des grummeligen Bert aus der „Sesamstraße“. Was können wir von Ernie lernen?

Bert ist der ewige Bedenkenträger, der unser Leben dominiert, Ernie steht für die Flausen, die uns in der Schule ausgetrieben werden. Deshalb ist eine Rückbesinnung auf die ersten acht Lebensjahre so wichtig. In dieser Phase wird ganz viel festgelegt, was unser späteres Leben bestimmt. Die meisten Blockaden, die man als Erwachsener hat, sind damals entstanden. Erst wenn man sich das bewusst macht, kann man sie abbauen.

Also „Mehr Ernie wagen“. Aber brauchen wir auch den Bert?

Unbedingt! Ich habe erst spät in meinem kreativen Leben akzeptiert, dass die kindliche Perspektive von Ernie allein unrealistisch ist, weil es nicht zum Ziel führt, sich nur am Spaß zu orientieren. Man benötigt auch Bert, der für Ordnung und Struktur sorgt. Man braucht Rituale, um Dinge zu verwirklichen.

Ich kenne viele kreative Menschen, die sich mit Begeisterung auf ein neues Projekt stürzen, sich dann aber oft damit begnügen, eine zündende Idee zu haben; die Umsetzung ist ihnen zu mühsam, denn dafür ist Disziplin nötig. Mir ist es mit dem Buch ähnlich ergangen. Die Idee war verführerisch, aber mich jeden Morgen hinzusetzen und zu schreiben: Das hat nur mit Berts Hilfe funktioniert.

Zieht sich diese Dualität nicht durchs ganze Leben? Hier Kosmos, da Chaos, hier Ordnung, da Fantasie?

Ich beschäftige mich viel mit alten Lehren wie etwa der Kabbala, der mystischen Tradition des Judentums. Diese Lehren beschreiben ein uraltes Wissen des schöpferischen Prozesses. Das universelle Gesetz der Polarität spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle: ohne Ursache keine Wirkung. Jede Kraft im Universum erzeugt eine Gegenkraft. Dieses Gegenwirkungsprinzip ist ebenfalls eine Kreativtechnik für alle Lebenslagen.

Dinge neu zusammenbringen: Gedankenraster, englisch „braingrids“, fördern die Kreativität.
Dinge neu zusammenbringen: Gedankenraster, englisch „braingrids“, fördern die Kreativität. | Bild: Andy Jacobs

Vermutlich ist auch Ihr Buch mithilfe der von Ihnen erfundenen Kreativtechnik entstanden, die Sie beschreiben. Was sind die „Braingrids“ und wie sehen sie in der Praxis aus? Wie wende ich sie an?

Sie helfen dem logischen Verstand, eine Struktur zu schaffen, indem sie ein klares Gedankenraster bieten, wie sich „Braingrids“ frei übersetzen ließe. Damit ist das Streben des Gehirns nach Logik befriedigt, nun kann es sich auf neue Impulse einlassen. Angenommen, ich suche nach einer Idee für einen Krimi.

Als Erstes überlege ich, welche Zutaten ich brauche: Mörder, Opfer, Tatort, Tatwaffe, Motiv; das kommt in die erste Spalte. In den weiteren Spalten notiere ich, was mir zu den einzelnen Aspekten einfällt, wobei der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind; alles ist erlaubt. Nach und nach füllt sich das Blatt mit allen möglichen Details, bei denen ich mich nach Lust und Laune bedienen kann. Das Prinzip ist ganz einfach: Ich zerlege etwas in seine Einzelteile, die ich dann neu zusammensetze.

Im Buch sagt Ihre Muse Alice, Sie hätten die Gabe, Dinge zu sehen, die andere nicht wahrnehmen. Das klingt nach Superheld, doch Sie schreiben, das könne jeder.

Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Ideen schon da und sogar offensichtlich sind, aber wir sind zu beschränkt in unserer Wahrnehmung, um sie zu erkennen. Als Designer entwickele ich Marken und Symbole für Unternehmen. Meine Ideen sind oft ganz naheliegend, weil sie bereits existierten, es hat bloß niemand richtig hingeschaut. Kreativität entsteht erst, wenn es gelingt, die Trägheit und die Diktatur der Logik zu überwinden.

Können Sie das an einem Beispiel veranschaulichen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das ich gern in meinen Seminaren verwende. Ich male ein großes X auf ein Blatt Papier und frage dann, wer mithilfe eines Strichs eine Elf daraus machen kann. Die Lösung ist nicht schwer: Der Strich kommt neben das X und bildet so die römische Zahl XI, also elf. Die nächste Aufgabe ist deutlich schwieriger: Wie lässt sich aus der XI mit nur einem Strich eine Sechs machen? Fast immer sind es Frauen, die schließlich drauf kommen: Sie drehen das Blatt um, sodass XI auf dem Kopf steht, und setzen ein S davor: SIX.

Was blockiert die Männer bei ihren Entscheidungen?

Die Fixierung auf die römische Zahl. Ihr Gehirn ist nicht in der Lage, gleichzeitig in ein anderes Zahlensystem wie auch in eine andere Sprache zu wechseln. Bei Frauen sind die rechte und die linke Hirnhälfte stärker miteinander verbunden, deshalb fällt ihnen der Transfer zwischen der intuitiven, emotionalen und der logischen, sprachlichen Hemisphäre leichter. Das Beispiel verdeutlicht, wie selektiv unser Gehirn die Welt wahrnimmt.

Wir beurteilen vieles aus einer vorgefertigten Annahme heraus und schauen daher nicht mehr richtig hin. Deshalb habe ich mir angewöhnt, Dinge erst mal zu zerstören, um auszuschließen, dass ich blockiert oder abgelenkt werde.

Das Gehirn trifft darüber hinaus oft falsche Entscheidungen. Warum?

Weil es seine unvollkommene Wahrnehmung um Dinge ergänzt, die gar nicht da sind. Das wird Ihnen jeder Polizist bestätigen, der schon mal mehrere Personen um eine Beschreibung desselben Täters gebeten hat. Es ist ein simpler psychologischer Effekt: Das Gehirn dichtet Details dazu, damit Wahrnehmungen verständlicher werden. In der Kreativität kann man sich dieses Phänomen zunutze machen.

Wie denn? Wie geht man dabei vor?

Indem man erst eine Norm definiert, sie dann zerlegt und sich schließlich fragt: Was würde passieren, wenn ich ein scheinbar unverzichtbares Element durch etwas völlig anderes ersetze. Was macht einen Baum zum Baum? Er hat einen Stamm und außerdem Äste, Blätter und Wurzeln. Damit ist die Norm definiert.

Aber gibt es auch Abweichungen, zum Beispiel Bäume ohne Äste, ohne Blätter? Ich recherchiere das und stelle fest: Nein, gibt es nicht. Im dritten Schritt stelle ich mir dann vor, wie ein Baum ohne Äste und Blätter aussehen würde. Denn das ist das Ziel jedes kreativen Prozesses: die Abweichung von der Norm, vom Mittelmaß, von der Langeweile.