In den vergangenen Wochen war ein Julian Reichelt zu erleben, wie ihn die Öffentlichkeit kennt: meinungsstark, präsent. Am Sonntag der Bundestagswahl echauffierte er sich etwa auf dem noch jungen Fernsehsender „Bild TV“ über die „Failed-State-Mogadischu-Hauptstadt-Berlin“. Wer dachte, der „Bild“-Chefredakteur würde nach einem internen „Compliance-Verfahren“ und seiner zeitweisen Freistellung gemäßigter im Ton auftreten, sah sich getäuscht. Der unter anderem für seinen harten Führungsstil bekannte Reichelt hatte für seinen Umgang mit Kolleginnen und Kollegen, die er verletzt habe, um Entschuldigung gebeten und eine zweite Chance erhalten.

Hat seine zweite Chance nach einem internen „Complience-Verfahren“ offenbar nicht genutzt: Ex-“Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt.
Hat seine zweite Chance nach einem internen „Complience-Verfahren“ offenbar nicht genutzt: Ex-“Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. | Bild: Jörg Carstensen, dpa

Er nutzte sie offenbar nicht – und machte, wie es scheint, weiter wie zuvor. Am Montagabend erklärte die Axel Springer SE, man habe ihn „mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden“. Ende März hatte das Medienunternehmen bekannt gegeben, an ihm festhalten zu wollen. Damals, so hieß es, war es vor allem um Vorwürfe des Machtmissbrauchs „im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen“ gegangen. Reichelt habe die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, rechtlichen Handlungsbedarf gebe es nicht, so Springer.

Veröffentlichung wird nun geprüft

Nun hat nicht nur die Vergangenheit einen der bislang einflussreichsten Chefredakteure Deutschlands doch noch eingeholt, in Form eines Berichts der New York Times. Der sorgte über die Medienbranche hinaus für großes Aufsehen. Denn in ihm geht es auch um Mathias Döpfner, CEO der Axel Springer SE, und um Verleger Dirk Ippen („Münchner Merkur“, „Frankfurter Rundschau“). Der stoppte demnach am Freitag die Veröffentlichung von Recherchen seines Journalisten-Teams „Ippen Investigativ“ über Reichelt und „Bild“. Dafür wurde er am Montag massiv kritisiert.

In einem auf Freitag datierten Brief von Ippen Investigativ um den preisgekrönten Journalisten Daniel Drepper an Ippen und die Geschäftsführung heißt es, die Entscheidung zur Nicht-Veröffentlichung sei eine „absolute Verletzung des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag“ und bedeute einen „Vertrauensbruch“. Dirk Ippen erklärte im Branchendienst Meedia mit Blick auf die Konkurrenz seiner Münchner Boulevardzeitung „TZ“ mit der „Bild“, dass es für ihn „zu den ältesten Grundsätzen des Journalismus“ gehöre, „dass bei Berichten über Wettbewerber auch der Anschein vermieden werden muss, es könnten neben publizistischen auch wirtschaftliche Motive hinter einer Kritik am Wettbewerber stehen“.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, hielt lange an Reichelt fest.
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, hielt lange an Reichelt fest. | Bild: Britta Pedersen, dpa

Ausführlich äußerte sich gegenüber unserer Redaktion Johannes Lenz, PR & Brand Manager bei Ippen. Die Veröffentlichung zu stoppen, sei „keine leichte oder schnelle Entscheidung“ gewesen. „Am Ende ist es aber klar das Recht eines Verlegers, Richtlinien für seine Medien vorzugeben.“ Noch am Montag, um 21.31 Uhr, erschien dann auf Spiegel.de ein Artikel mit „Teilen“ der Recherchen des Teams von Ippen Investigativ um Daniel Drepper. Ein überaus ungewöhnlicher Vorgang. Johannes Lenz sagte auf Anfrage, dass die Unternehmensleitung nicht über die Veröffentlichung im Spiegel informiert gewesen sei. Zugleich betonte er: „Es werden keine Konsequenzen für das Team daraus folgen.“ Auf die Frage, ob die Ippen Investigativ-Recherche zu Reichelt und „Bild“ nun doch noch bei Ippen erscheinen werde, sagte Lenz: „Derzeit prüfen wir, wann und wie wir eine Veröffentlichung publizieren.“

Ex-Kollegen halten weiter zu Reichelt: „Danke, mein Freund!“

Ben Smith, Medienkolumnist der New York Times, hatte über die „Bild“ geschrieben: Die Dokumente, die er gesehen habe, zeichneten ein Bild von einer Arbeitsplatzkultur, die „Sex, Journalismus und Firmengeld“ vermischt habe. Die Stimmen aus der „Bild“-Redaktion zur angekündigten Trennung vom bisherigen Chefredakteur Julian Reichelt wirkten im Kontrast zu offiziellen Mitteilung des Verlags dagegen irritierend. Da twitterte der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Paul Ronzheimer am Montagabend: Reichelt werde „immer einer der besten Journalisten bleiben! (...) Danke, mein Freund!“ Dahinter postete er ein großes, rotes Herz. Filipp Piatov, verantwortlich für „Meinung“ bei „Bild“, schrieb „Danke, Julian Reichelt“ und verlinkte auf ein Video, in dem Ronzheimer mit fast tränenerstickter Stimme sagt: „Heute ist ein besonderer, ein schwerer Abend“. Neben Unterstützung für Reichelt von Ex-Mitarbeitern und aus rechtspopulistischen und verschwörungsideologischen Kreisen – in denen er als wortgewaltiger Regierungskritiker und Kämpfer gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen gilt – ergoss sich im Netz Häme über den bis Montag noch ebenso einflussreichen wie umstrittenen Journalisten. Die „Süddeutsche Zeitung“ kommentierte: „In Summe wirkte das alles wie das Ende eines Schurkenfilms.“

Druck aus den USA?

Doch mit der Entbindung Reichelts von seinen Aufgaben ist die Angelegenheit nicht beendet. Denn sie wirft Fragen auf, die über die Medienbranche hinausreichen: Brauchte es die New York Times, damit sich Deutschland ein Bild vom Arbeitsklima zu einem wirkmächtigen, meinungsprägenden Medium machen konnte? Oder: Wie ist die Rolle von Mathias Döpfner, CEO der Axel Springer SE, einzuschätzen? Der hielt lange an Julian Reichelt fest. Kritisiert wird er nun dafür, dass er dem New York Times-Bericht zufolge Reichelt Anfang März in einer Mail an Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre – mit Bezug auf einen Reichelt-Kommentar zu den Corona-Maßnahmen – wie folgt verteidigt habe: Man müsse bei der internen Untersuchung „besonders genau vorgehen“, weil Reichelt „halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland“ sei, „der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ aufbegehre. Ein Springer-Sprecher hatte unserer Redaktion erklärt, dass das Zitierte „außerhalb des Kontexts überhaupt nicht sinnvoll zu würdigen“ sei. „Selbstverständlich hält Mathias Döpfner die Bundesrepublik Deutschland nicht für vergleichbar mit der DDR.“

Dass sich ein US-Medium wie die New York Times so intensiv mit dem Springer-Verlag und der bei „Bild“ herrschenden Betriebskultur beschäftigt, hat damit zu tun, dass das deutsche Medienunternehmen das US-Nachrichtenunternehmen Politico gekauft hat. Einem Reuters-Bericht zufolge soll Springer mehr als eine Milliarde Dollar dafür zahlen. Denkbar, dass Druck in der Personalie Reichelt auch von der US-amerikanischen Beteiligungsgesellschaft KKR ausgegangen sein könnte, die Großaktionär der Axel Springer SE ist.