Man darf sich Roscoe als einen glücklichen Hund vorstellen. Zumindest erweckt sein Instagram-Account den Eindruck, der Roscoe in vielen sehr angenehmen Situationen zeigt. Auf einem Bild verschlingt die Bulldogge eine Geburtstagstorte zusammen mit Freunden, von denen einer netter aussieht als der andere, auf einem anderen sonnt sie sich mit Herrchen auf einem Steg.

Schlafen, Spielen, Fressen – was kann ein Hund denn mehr vom Leben wollen? Im Falle von Roscoe könnte man auf diese Frage antworten: Vielleicht Fleisch! Seit über einem Jahr wird der Hund von Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton vegan ernährt.

Formel-1-Rennfahrer Lewis Hamilton bei der Weltmeisterschaft in Brasilien.
Formel-1-Rennfahrer Lewis Hamilton bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. | Bild: Andre Penner/dpa

Es gehe ihm besser denn je, schreibt der englische Rennfahrer: Roscoe sei total happy, fit wie ein Welpe, habe ein weicheres Fell, laufe schmerzfrei, atme besser. Unter ein Bild des schlafenden Roscoe hat er geschrieben: „Ich träume manchmal davon, Vögeln hinterherzujagen oder Bällen, aber meistens träume ich von Futter – Ananas, Wassermelonen, Himbeeren, Quinoa, Süßkartoffeln…“

Alternativen ohne Fleisch

Von Quinoa? Wirklich? Nicht doch von kleinen Fleischbällchen? Oder einem saftigen Rinderknochen? Was Roscoe so futtert, landet in ähnlicher Zusammensetzung jedenfalls in immer mehr Näpfen – auch in Deutschland. Mit der Zahl der Vegetarier und Veganerinnen wächst die Zahl der Tierbesitzenden, die für ihre Vierbeiner nach fleischlosen Alternativen suchen.

Ist das aber eigentlich gut fürs Tier oder aber dient es vor allem dem Wohlbefinden von Frauchen und Herrchen? Weil das bei immer mehr von ihnen ja wirklich nicht zusammenpasst: Selber aufs Schnitzel und Salamibrot verzichten, weil man kein totes Tier mehr essen und seine Klimabilanz verbessern möchte, aber dem eigenen Vierbeiner die Dose mit den Fleischbrocken öffnen oder das Rindfleischohr zum Snacken anbieten? Warum denn nicht ein Häppchen geräucherten Tofu zum Beispiel? Was der Trend, den der Markt längst bedient, auf jeden Fall mit sich bringt: Futter für hitzige Diskussionen …

Die Kurzhaardackel Erdmann und Flora beim Dackeltreffen auf der Dackelranch Lichtenrade in Berlin.
Die Kurzhaardackel Erdmann und Flora beim Dackeltreffen auf der Dackelranch Lichtenrade in Berlin. | Bild: Britta Pedersen/dpa

Zuerst aber einmal zu ein paar Zahlen, die nicht nur Herrchen und Frauchen nicht schmecken könnten: Etwa eine Million Tonnen Fleisch fressen Hunde und Katzen in Deutschland pro Jahr. Das kostet Milliarden: Für Hundefutter gaben die Deutschen zuletzt 1,56 Milliarden Euro aus, für Katzenfutter waren es 1,68. Aber auch in anderer Hinsicht schlägt die Haltung von Hund und Katz gehörig ins Kontor – nämlich in der Ökobilanz.

Happige Ökobilanz

Die hat beispielhaft für einen 15 Kilogramm schweren Hund ein Team an der Technischen Universität Berlin unter Leitung von Matthias Finkbeiner erstellt – eingerechnet alle Aspekte vom Fressen bis hin zu den Exkrementen. Das Ausmaß überraschte auch die Forschenden. Etwa 8,2 Tonnen CO2 stößt ein mittelgroßer Hund im Laufe von 13 Lebensjahren aus.

Das entspricht, so Finkbeiner, 13 Hin- und Rückflügen von Berlin nach Barcelona. Nahezu ein Drittel jener CO2 Menge, die der Weltklimarat jedem Menschen im Jahr zugesteht, weil sie für das Klima noch erträglich sind, werde bei Hundebesitzenden schon vom Tier verbraucht. Das Hundefutter aber macht mit circa 90 Prozent den Löwenanteil der Belastungen aus.

Klein und groß: Chihuahua Lila (vorn) und Dogge Paula beim Spaziergang in Frankfurt.
Klein und groß: Chihuahua Lila (vorn) und Dogge Paula beim Spaziergang in Frankfurt. | Bild: Frank Rumpenhorst/dpa

Der fleischfressende Vierbeiner also ein Klimasünder? Für Amerika machte Gregory Okin von der University of California beispielsweise eine Rechnung mit folgendem Ergebnis auf: Gäbe es eine eigene amerikanische Hunde- und Katzennation, läge sie auf einer Rangliste der größten Fleischkonsumenten auf Platz fünf. Und: Bei der Herstellung der Futtermenge für die 162 Millionen Hunde und Katzen fallen jedes Jahr Treibhausgase an, die etwa 64 Millionen Tonnen CO2 entsprechen – so viel wie etwa 13 Millionen Autos pro Jahr ausstoßen.

Die Dogge, der SUV unter den Hunden

Mein Haus, der Energiefresser, mein Auto, die Dreckschleuder, mein Hund, das Ökoschwein? Kommt es demnächst also vielleicht zur Haustierschamdebatte? Wobei dann die Dogge vermutlich einen besonders schweren Stand hat. Die nämlich ist so etwas wie der SUV auf der Hundespielwiese, haben Finkbeiner und seine Kolleginnen bei ihrer Studie ermittelt. Je größer der Hund, umso größer der ökologische Pfotenabdruck.

Was also nun? Lieber Dackel als Dogge? Gar keinen Hund und wenn, nur einen? Oder eben: Veggiedog und Veggiecat? Die Debatte wird emotional geführt. „Blanker Schwachsinn“ sagt zum Beispiel Deutschlands bekanntester Hundetrainer Martin Rütter und spricht von absurder Vermenschlichung. In Großbritannien, Roscoes Revier, wurde die grundlose vegetarische Ernährung von Hunden, also ohne medizinische Indikation, nun sogar unter Strafe gestellt.

Was kein Mensch essen will

Und was den ökologischen Pfotenabdruck betrifft, verweisen die Hersteller von Futtermitteln in Deutschland ja auch immer wieder darauf: Dass für ihre Produkte kein Tier eigens geschlachtet werde, sondern lediglich Schlachtnebenerzeugnisse verwendet werden. Herz, Niere und Lunge zum Beispiel, was der Mensch eben nicht auf dem Teller haben will.

Ungewöhnlich: Diese Katze mag Obst und Gemüse – oder spielt jedenfalls gern damit.
Ungewöhnlich: Diese Katze mag Obst und Gemüse – oder spielt jedenfalls gern damit. | Bild: Hi, I am Patrik – stock.adobe.com

In Deutschland raten Fachleute sowie der Deutsche Tierschutzbund jedenfalls von fleischloser Ernährung tatsächlich energisch ab – aber nur bei Katzen. Während nämlich der Hund noch lange bis ins letzte Jahrhundert vor allem das bekam, was in Haus und Hof übrigblieb und so seine Verdauung an die menschliche Ernährung anpasste, wurden Katzen, bevor sie zu Kuscheltieren wurden, vor allem als Mäusejäger gehalten. Am Speiseplan also änderte sich für sie nichts. Als reinen Fleischfressern entspreche eine vegetarische Ernährung nicht den natürlichen Bedürfnissen, so der Tierschutzbund.

Die richtigen Aminosäuren müssen her

Bei Hunden aber muss in den Napf kein Fleisch. Sagt beispielsweise auch Jürgen Zentek vom Institut für Tierernährung der Freien Universität Berlin. „Es besteht grundsätzlich kein Zwang, Fleisch auf den Speiseplan eines Hundes zu setzen.“ Ein Hund müsse adäquat mit einem breiten Spektrum an Nährstoffen, darunter zum Beispiel wichtige Aminosäuren, gefüttert werden. Wo aber diese Nährstoffe herkommen, sei sekundär. Sie können auch aus der proteinreichen Lupine stammen.

Ganz klassisch: Dieser Hund bekommt ganz normales Dosenfutter.
Ganz klassisch: Dieser Hund bekommt ganz normales Dosenfutter. | Bild: chalabala.cz – stock.adobe.com

Aber: Wer seinen Hund vegetarisch oder ganz ohne tierische Produkte gleich vegan ernähre, trage das Risiko, dass eine Unterversorgung auftritt. „Und das ist gar nicht so klein“, sagt Zentek. Das Problem: Ein derartiges Defizit mache sich nicht gleich bemerkbar, sondern oft erst langfristig zum Beispiel durch Muskelabbau. Einfach mal so also Fleisch durch Gemüse und Getreide zu ersetzen, ohne entsprechende Fachkenntnisse, sei daher fahrlässig. „Die Grenze ist da erreicht, wo ich meinem Tier schade.“

Zu viel Fleisch ist auch nicht gut

Wobei das natürlich auch fürs andere Extrem gilt: Zu viel Fleisch nämlich. Da können Darm- und Nierenprobleme auftreten. Mehr als die Hälfte der Hunde in Deutschland ist zudem zu dick – mit dementsprechenden Folgeproblemen. Auch das entspricht dann nicht mehr artgerechter Fütterung.

Wie groß das Interesse an fleischloser Kost für den Hund mittlerweile ist, lässt sich in jedem Tiermarkt ablesen. Wer durch die Gänge mit dem Futter läuft, kann sich zwar noch immer wie in der Fleischabteilung eines Feinkostgeschäftes fühlen: Angusrind und Forelle, Straußwurst mit Reis und Sommerkräutern...

Futter aus Insekten

Nicht mehr aber nur in versteckten Nischen findet sich zum Beispiel auch: Biokost mit weißer Süßlupine, Dinkel und Gemüse oder Linsen mit Karotten, Lupine, Amaranth und Chiasamen. Auch Tierfutter aus Insekten gibt es zu kaufen. Und längst sind es nicht mehr nur Produkte von StartUp-Unternehmen wie Vegdog. Dessen Gründerinnen bekamen bei ihrem Auftritt in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ vor drei Jahren noch einen gehörigen Shitstorm ab, mittlerweile ist Vegdog zum mittelständischen Unternehmen mit Millionenumsatz gewachsen.

Auch die Firma interquell petfood aus Wehringen, bekannt für ihre Marke Happy Dog, hat auf die gestiegene Nachfrage reagiert und führt seit September unter dem Namen India ein erstes vegetarisches Alleinfuttermittel im Sortiment. „Jede Fütterungsart hat ihre Berechtigung“, heißt es dort, nun gebe es eine weitere Alternative für den Napf – für solche Hunde, deren Besitzer den ökologischen Pfotenabdruck verkleinern wollen, aber auch für solche, die eine Vielzahl tierischer Proteine nicht vertragen. Die Ernährungssensiblen.

Eine Empfehlung für alle Vierbeiner aber sprechen sie hier unisono nicht aus. Einen Hund vegetarisch zu ernähren, sei eine anspruchsvolle Art der Fütterung. Welpen sowie tragende und säugende Hündinnen solle man daher auch auf jeden Fall weiter fleischhaltig ernähren.

Fast immer aus Massentierhaltung

Was den Klimaschutz und das Tierwohl betrifft, setzen sie im Unternehmen auch noch auf ein anderes Produkt: Goood – mit zertifiziertem Fleisch aus Freilandhaltung und Gemüse aus regionalem Anbau. Woher das Fleisch fürs Futter kommt – auch das ja ein Thema, das bei immer mehr Haltern für Unbehagen sorgt. Nämlich „wohl weder vom Biohof in der Uckermark noch von den bayerischen Almwiesen“, sagt Wissenschaftler Finkbeiner: „Es stammt aus der Massentierhaltung mit den bekannten sozialen und ökologischen Auswirkungen.“

Dann also vielleicht doch gleich ganz aufs Fleisch im Napf verzichten? Macht das aber auch den Hund froh? Träumt der nicht von Fleischbällchen statt von Quinoa? Jürgen Zentek sagt, könnte man Hunde fragen, ob sie Fleisch oder Fenchel bevorzugen, würde der Hund wohl das Fleisch wählen. Es gebe gewisse Gerüche und Geschmäcker, die für den Hund attraktiv sind, die seien eng gekoppelt an tierische Proteine. „Pflanzliches Futter erfüllt das nur zum Teil.“

Räuchertofu: Lecker!

Wenn man wiederum Gabriele Hagenmeyer fragt, Hundehalterin aus Oberbayern, selbst Veganerin, hört man diese Geschichte. Ihre Hündin Foxi hat sie anfangs mit Räuchertofu trainiert, „darauf fährt sie total ab.“ Warum also Wiener Würstchen? Auf vegane Ernährung hat sie umgestellt, als Tierärzte ihrer damals 13-jährigen Hündin Frau Schmitz nur noch wenige Wochen gaben. Die Diagnose: Leberkarzinom.

Vier Jahre lebte Frau Schmitz dann noch. „Es war offenbar das Beste, was ich machen konnte.“ Als Foxi dann kam, ein Mischling aus Kroatien, blieb die Hundehalterin dabei. „Es ist doch paradox, einen Hund aus der Tiertötung zu retten und dann aber mit anderen Tieren zu füttern.“ Alle halbe Jahre lässt sie zur Sicherheit ein Blutbild beim Tierarzt machen.

Fit wie eine Rakete

Am Anfang brachte sie auch die Futterdosen zur Kontrolle mit. Vor zehn Jahren habe sie noch üble Anschuldigungen erhalten, auch eine Anzeige. Mittlerweile sei die Akzeptanz eine andere. „In meinem Umfeld reagiert niemand komisch, weil sie ja meine Hündin kennen.“ Foxi nämlich sei fit wie eine Rakete!

So wie auch Rennfahrerhund Roscoe. Der letzte Eintrag auf Instagram stammt von Halloween. Tricks or treats – Streiche oder Süßigkeiten. Roscoe, erfährt man, liebt vor allem Letzteres. Wovon Hunde eben so träumen…