Herr Löhrmann, wo erreiche ich Sie gerade? Ich höre Meeresrauschen...

Tatsächlich blicke ich aufs Meer, vielleicht hören Sie aber auch das Rauschen der Klimaanlage. Ich bin auf Koh Phangan in Thailand. Das Wasser hat so 27 Grad, schätze ich, die Luft so an die 32 Grad. Ist aushaltbar. (lacht)

Hatte genug vom immer gleichen Alltag: Joe Löhrmann reist mit dem Klavier durch die Welt und ist glücklich damit.
Hatte genug vom immer gleichen Alltag: Joe Löhrmann reist mit dem Klavier durch die Welt und ist glücklich damit. | Bild: Stefan Schubert

Sie haben ja schon in sehr jungen Jahren entschieden, dass Sie genug vom Hamsterrad haben und sind mit Ihrem Klavier ausgestiegen. Haben Sie das je mal bereut?

Nicht eine einzige Sekunde.

Warum haben Sie ausgerechnet ein Klavier ausgesucht, um damit die Welt zu bereisen?

Weil das das einzige Instrument ist, das ich richtig beherrsche. 88 Tasten, zwölf Töne, die sich immer wiederholen. Verrückt eigentlich.

Am Bodensee: Löhrmann spielt am Lindauer Hafen.
Am Bodensee: Löhrmann spielt am Lindauer Hafen. | Bild: Joe Löhrmann

Sie leben davon, rund um die Welt zu reisen und Musik zu machen, in Europa mit einem akustischen Klavier und in Asien oder anderswo mit einem elektronischen Piano. Wie sehr hat Sie Corona getroffen?

Mir ging es wie allen Künstlern. Alle meine Konzerte wurden 2020 abgesagt oder verschoben, ebenso die Buchveröffentlichung. Es ist also alles in Ordnung soweit, aber es war schon ein großer Einschnitt. Ich bin seit 18 Monaten in Thailand, mit einem Corona-Visum, das alle zwei Monate verlängert wird. Ich lebe bescheiden, und wenn man wenig braucht, muss man auch wenig verdienen. Ich habe Online-Konzerte mit Meeresrauschen am Strand gegeben –, und ansonsten von meinen Ersparnissen gelebt. Jetzt hat der ganze Irrsinn ja hoffentlich bald ein Ende. Ende Juli ist ein Naturkonzert in Schwäbisch Gmünd geplant. Ich freue mich und hoffe sehr, dass es stattfinden kann.

Tropen-Traum: Konzert am Strand von Koh Phangan, Thailand.
Tropen-Traum: Konzert am Strand von Koh Phangan, Thailand. | Bild: jakkra brande

Was bedeutet Ihnen Musik? Können Sie auch mal zwei Wochen gar nichts spielen?

Das geht tatsächlich, besser als vor ein paar Jahren. Ich habe früher lange exzessiv und sehr viele Stunden gespielt, abends in der Hotelbar manchmal fünf Stunden oder während meiner Straßenmusikzeiten auch mal einen ganzen Tag lang. Heute kann ich auch sehr gut mal was ganz anderes machen.

Auf über 2000 Metern Höhe: Am Wildkogel in Österreich.
Auf über 2000 Metern Höhe: Am Wildkogel in Österreich. | Bild: Gerald Lobenwein

Sie spielen ja, so las ich, meist ohne Noten und eher aus dem Gehör heraus. Gibt es Sachen, die Sie gar nicht spielen würden, wenn man Sie fragt? „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer zum Beispiel?

Solche Songs fallen schon darunter. Was ich manchmal versuche, ist dem Lied einen eigenen Touch zu geben, sodass es anders klingt.

Am Strand: Konzert in Thailand.
Am Strand: Konzert in Thailand. | Bild: Manu Padilla/Eden Books

Was möchten Sie den Menschen mit Ihrer Musik geben?

Als übergeordneten Begriff: Heilung. Etwas verständlicher: Entspannung, Freude und Verbindung zu sich selbst und zur Natur. im Alltag fehlt es oft an Muße und durch die Naturkonzerte kommen die Menschen mehr bei sich an, Wenn dann die Musik selbst auch den entsprechenden Raum lässt, können Gedanken und Emotionen besser fließen. Da kommt bei jedem das hoch, was ihn oder sie gerade beschäftigt.

Erste Klavierversuche: Löhrmann mit fünf in Hannover.
Erste Klavierversuche: Löhrmann mit fünf in Hannover. | Bild: Joe Löhrmann

Kann man Ihre Musik als Entspannungsmusik bezeichnen, oder ist Ihnen das zu flach? Ich nehme an, Sie können auch anders, etwa Rock‘n Roll mit hämmerndem Klavier? Sagen wir mal „Crocodile Rock“ von Elton John?

Ja, das kann ich durchaus auch spielen. Schwerpunktmäßig gefällt mir aber eher ruhige Musik. Der Begriff Entspannungsmusik klingt ja für viele eher ein bisschen banal und da geht im Kopf direkt eine Schublade auf. Das darf gerne jeder selbst entscheiden, ob er meine Musik da einordnen möchte. Solange sich die Menschen bei meiner Musik entspannen, ist doch alles gut. Vielleicht muss man das gar nicht genauer beschreiben. Es gibt ja das berühmte Sprichwort von Victor Hugo: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann, und worüber zu schweigen unmöglich ist“.

Landschaft und Klavier: im Allgäu.
Landschaft und Klavier: im Allgäu. | Bild: Joe Löhrmann

Haben Sie Lieblingslieder, Komponisten, die Ihnen besonders viel bedeuten?

Als Jugendlicher hat mich George Winston mit seinen Piano-Solo-CDs inspiriert. Heute noch ist es Keith Jarrett, den viele vor allem von seinem berühmten Köln-Concert kennen. Jarrett improvisiert seine Konzerte von vorne bis hinten, und das auf einem extrem hohen Niveau. Ich selber spiele fast immer solo, aber auf den Reisen kommt es auch häufiger vor, dass man sich spontan mit anderen Musikern zu einem kleinen Jam zusammenfindet.

Kleiner Gag am Rande: „Auf Tour mit meiner Band – alle mit der gleichen Frisur“ in Bremen.
Kleiner Gag am Rande: „Auf Tour mit meiner Band – alle mit der gleichen Frisur“ in Bremen. | Bild: Joe Löhrmann

Sie reisen ja sehr viel. Gab es schon mal besonders heikle Situationen?

Eher selten. In Neuseeland hatte ich aber mal eine ungute Situation auf einem verlassenen Parkplatz, wo eine Gruppe Männer aus dem Auto ausstieg. Die hatten eine Pistole dabei, die auf den Boden fiel. Ich kam gerade noch ins Auto, und einer rannte da hinterher. Zum Glück hatte ich da kein Klavier dabei. Es war also nicht so, dass denen meine Musik nicht gefallen hätte (lacht).

Wenn die Menschen nach Ihren Konzerten zu Ihnen kommen, was sagen die da?

Sehr unterschiedlich. Viele berichten, dass Erinnerungen und Gefühle hochkommen – manchmal stehen da gestandene Hardrocker mit Tränen in den Augen. Gerade bei sonst eher harten Kerlen ist das mitunter das schönste Kompliment. Viele Menschen sagen, sie wissen gar nicht, was die Musik genau mit ihnen macht, aber dass vieles zu fließen beginnt. Sie kommen in Kontakt mit sich, und ich bin dankbar, dazu beitragen zu können.

Übernachten am Lac d‘Annecy, Frankreich.
Übernachten am Lac d‘Annecy, Frankreich. | Bild: Joe Löhrmann

Viele Menschen sagen ja: Ich würde das auch gern machen, aussteigen und dem Alltag den Rücken kehren, kann das aber nicht – aus diesen oder jenen Gründen.

Dann sollten sie sich die Frage stellen, ob es wirklich das ist, was sie wollen. Oftmals ist das vielleicht gar nicht der Fall und das ist ja auch in Ordnung. Wenn der Wunsch nach mehrfacher Überprüfung bleibt, man aber nicht weiß, wie man es machen soll: Einfach losgehen und der Rest ergibt sich dann auf dem Weg. Es gibt für alles eine Lösung. Aber man muss manchmal anfangen, um die Lösungen sehen zu können. Niemand sonst kann diesen Schritt für einen tun.

Das Interview mit Joe Löhrmann fand per Zoom statt.
Das Interview mit Joe Löhrmann fand per Zoom statt. | Bild: Screenshot: Schierle, Beate

Spielen Sie heute noch Klavier?

Ich werde heute erst spät nach Hause kommen, aber vielleicht lege ich noch eine Late-Night-Session ein. (lacht)