Wir beim SÜDKURIER erfinden den Lokaljournalismus neu. Als Redaktion mit 100 Mitarbeitern und über einem Dutzend Redaktionen haben wir beschlossen, diesen Pfad einzuschlagen. Das ist unser Weg seit mehr als zwei Jahren. Das klingt nicht nur ambitioniert, sondern ist es auch. Es ist ein schwieriger und anspruchsvoller Weg, der aber ebenso lehrreich und spannend ist – und er ist sogar erfolgreich. Wir haben die Digitalisierung als Herausforderung begriffen und nehmen auch mal Umwege, um eine Antwort auf zwei Fragen zu finden: Mit welchem Journalismus lässt sich in Zukunft Geld verdienen? Und was muss ein Journalist können, um für die Zukunft gewappnet zu sein?

Die Herausforderung

Nachrichten sind überall und sie sind oft kostenlos. Unsere Mitbewerber sind nicht mehr „nur“ andere Medienhäuser der Region. Es sind Technologieriesen wie Google und Amazon, soziale Medien und Institutionen wie Städte oder Vereine. Sender kann im Digitalen jeder sein, also ist auch jeder Sender ein Mitbewerber. Sich als Organisation diese Herausforderung bewusst zu machen, ist der erste Schritt. Dann kann man ein Geschäftsmodell entwerfen, das in diesem Markt bestehen kann.

Die Strategie

Wenn die Zielgruppe der Tageszeitungsleser altert und wir dadurch letztlich Abonnenten verlieren, ist es an der Zeit, neue Zielgruppen zu identifizieren. Wir haben diese im Digitalen gefunden, denn dort verbringen Menschen ein Gros ihrer Zeit und ihres Budgets – und das auch noch per Smartphone. Also war uns klar: Da müssen wir hin.

Testen, Messen, Lernen: Ein Team aus Autoren, Marketing-Experten und Editorial-Developern, eine Art interner Coaches, überprüft hier die eigene Arbeit und entwickelt sie stetig weiter.
Testen, Messen, Lernen: Ein Team aus Autoren, Marketing-Experten und Editorial-Developern, eine Art interner Coaches, überprüft hier die eigene Arbeit und entwickelt sie stetig weiter. | Bild: Kipar, Sandro

Die Ziele der Veränderungen: Produktion von smartphone-optimierten Geschichten aus der Region – in der Prämisse: Digital zuerst. Einführung eines neuen digitalen Abo-Modells angelehnt an Video- oder Musikdienste. Umfassende Analyse aller Kundeninteraktionen auf digitale Inhalte. Gestaltung eines neuen Digital-Designs, um dem neuen Weg ein passendes Äußeres zu geben.

Einzigartige Datenanalyse misst die Auswirkungen

All die Auswirkungen unserer Ambitionen messen unsere Kollegen der Datenanalyse. Der SÜDKURIER hat in den letzten Jahren viel in diesen Bereich investiert. Ein Team aus drei Mitarbeitern hat eine anspruchsvolle Daten-Strategie entwickelt, die von den besten internationalen Digitalunternehmen inspiriert ist. „Unsere Analyse-Lösung wurde komplett intern entwickelt und ist so in der Verlagswelt einzigartig“, sagt Tobias Hinckeldein, verantwortlich für die Analyse und Entwicklung von Datenmodellen.

Daten stehen im Mittelpunkt, um Bedürfnisse der Leser herauszufinden. Für die Redakteure bieten diese Daten einen ständigen und ehrlichen Rückkanal zum Leser: Welchen Artikelscore (eine Auswertung, die Qualität, Lesedauer, Reichweite und Verbreitung erfasst) hat meine Geschichte? Wie kann ich meine Artikel besser für einen optimalen Lesefluss strukturieren und damit Leser zufriedener machen? Welche Daten helfen uns, um weitere loyale Kunden zu gewinnen?

Ein Vormittag mit der Lokalredaktion Konstanz.
Ein Vormittag mit der Lokalredaktion Konstanz. | Bild: Kipar, Sandro

Und natürlich haben wir beim SÜDKURIER eine redaktionelle Leitlinie gesetzt, die radikal auf den Kunden, sprich unsere Abonnenten, fokussiert ist. Unsere Mission ist: Wir wollen die Menschen vor Ort dabei unterstützen, ihr Leben jeden Tag besser zu machen. Ambitioniert? Ja, klar. Aber genau das erwarten unsere Kunden von uns. „Wir sind ein Datenunternehmen. Wir bringen journalistisches Bauchgefühl und Daten-Analyse zusammen und erzielen jeden Tag neue Erkenntnisse“ unterstreicht Chefredakteur Stefan Lutz diese Ausrichtung. Wie stellen wir sicher, dass unsere Ideen Früchte tragen?

Das Forschen

Digitalunternehmen und Startups haben neue Methoden entwickelt, um ihre Geschäftsmodelle agil unter Echtbedingungen am Markt zu evaluieren und in kurzen Zyklen zu optimieren. Ein Beispiel hierfür ist der „Lean Startup Prozess“, der grob aus den drei Schritten Testen – Messen – Lernen besteht, die in einer immerwährenden Schleife wiederholt werden. Wir haben beginnend mit unserer Konstanzer Lokalredaktion einen ähnlichen Ansatz eingeführt.

Das heißt, die Kollegen arbeiten als Labor-Redaktion für die gesamte Organisation. Ein Team aus Autoren, Marketing-Experten und Editorial-Developern, eine Art interner Coaches, überprüft hier die eigene Arbeit und entwickelt sie stetig weiter. Im Fokus stehen Zugänglichkeit, Erreichen neuer Leser und Besetzen nachgefragter Themen unter ständigem Einbezug von Kundenfeedback.

Sprich: Hier wird mit Themen experimentiert und es werden Fragen gestellt und aufrichtig beantwortet: Mögen das unsere Kunden oder nicht? Welche Themen brauchen wir in welcher Häufigkeit? Treffen wir die Bedürfnisse unserer Leser? Haben wir ein gutes Gespür für Geschichten oder nicht? Das bedeutet nichts anderes, als ein völliges Umdenken in der täglichen Arbeit von Journalisten.

Themenraster für die Wochenplanung- der Blick in die Zukunft

Agile Projektmethoden in der Redaktion: hier ein Themenraster für die Wochenplanung. Die Redaktion testet datenunterstützt die Zukunft in der Gegenwart und das in einer agilen Methode – das heißt: gut strukturiert, in kurzen Zyklen, in der Verantwortung eines digitalen Produktentwicklers. Das ist in Redaktionen regionaler Medienhäuser bislang einzigartig.

Sebastian Pantel sortiert die Themen hier am Themenraster. Damit ist für alle Beteiligten transparent, an welchen Artikeln gearbeitet wird und wann diese veröffentlicht werden.
Sebastian Pantel sortiert die Themen hier am Themenraster. Damit ist für alle Beteiligten transparent, an welchen Artikeln gearbeitet wird und wann diese veröffentlicht werden. | Bild: Kipar, Sandro

Gleichzeitig erscheint jeden Tag eine Zeitung, gedruckt und digital als E-Paper. Deren treue Leser erwarten weiterhin eine hohe inhaltliche Qualität. Für Redaktionen ein herausfordernder Spagat. Also müssen nicht nur neue Kompetenzen für Digitaljournalismus erlernt werden, sondern auch organisatorisch neue Ideen her, wie in einer Redaktion der Zukunft künftig zusammengearbeitet wird.

Die Evaluation

Begibt man sich auf eine Reise, hat man in der Regel ein Ziel. Und selbstredend hat ein Medienhaus ökonomische Ziele, die darüber entscheiden, wohin die Reise gehen soll und wie lange diese Reise gehen darf. Wir waren sehr aufgeregt, als wir die erste große Evaluation vorgenommen haben.

Und wir waren positiv überrascht. Denn alle unsere Bemühungen zeigten: Wir hatten signifikant mehr tägliche Nutzer. Abonnenten kamen häufiger auf unsere Seite, Artikel wurden intensiver gelesen (sehr häufig sogar komplett) und die Anzahl neuer Digitalkunden verdoppelte sich in wenigen Monaten. Ein voller Erfolg.

„Über 15 Prozent aller Abonnenten liest den SÜDKURIER bereits rein digital“

Die gesamte Kundenbasis des SÜDKURIER, also wie viele Menschen für journalistische Produkte bezahlen, steigt seit mehreren Monaten kontinuierlich an. Dazu tragen die Digital-Erfolge maßgeblich bei. Über 8700 neue Leser haben sich seit Jahresanfang für ein Digitalabo entschieden. „Über 15 Prozent aller Abonnenten liest den SÜDKURIER bereits rein digital“, erklärt Matthias Kiechle, der die Digitale Transformation in der Redaktion verantwortet. Der SÜDKURIER ist auf Wachstumskurs.

Natürlich sind wir nicht am Ende der Veränderung, sondern bauen weiter auf unseren Erfahrungen auf und optimieren die Workflows kontinuierlich weiter. Im Sinne einer lernenden Organisation greifen wir dabei auf neue Formen des Wissenstransfers zurück, um Erkenntnisse schnell und direkt teilen zu können.

Das ist die Zukunft

Mit Kontinuität und Beharrlichkeit ein gesamtes Unternehmen zum Umdenken bringen – das und nichts anderes ist die große Herausforderung. Es erfordert ein außergewöhnliches Durchhaltevermögen, immer wieder zu testen, zu messen, zu lernen und zu verstehen, dass die Zeiten der Gewissheit in weite Ferne gerückt sind.

Ein Vormittag in der Lokalredaktion in Konstanz. Abstimmungen unter den Kolleginnen und Kollegen und langfristige Themenplanungen sind wichtig.
Ein Vormittag in der Lokalredaktion in Konstanz. Abstimmungen unter den Kolleginnen und Kollegen und langfristige Themenplanungen sind wichtig. | Bild: Kipar, Sandro

Deshalb ist die eigentlich zentrale Aufgabe in dieser gewaltigen Veränderung, Überzeugungsarbeit zu leisten. Immer wieder den Kolleginnen und Kollegen zu kommunizieren, dass in der Trauer um das gedruckte Papier die einzigartige Möglichkeit liegt, etwas Neues zu erschaffen. Wir können Pionierarbeit leisten. So wie es einst die Pioniere der Zeitungsproduktion für uns getan haben. Journalisten haben die Möglichkeit sich breiter aufzustellen: Sie sind heute auch Vermarkter und Ansprechpartner für Kunden. Journalisten schreiben für ihre Leser direkt vor der Haustür, unterstützt durch ein datengetriebenes Bauchgefühl. Das ist die Zukunft des Journalismus im Lokalen.

Pioniergeist, anspruchsvoll und innovativ – das ist Lokaljournalismus der Zukunft. Der SÜDKURIER befindet sich mitten auf dieser Reise und freut sich über jeden Leser, der diesen offen mitgeht – egal ob Print oder Digital.