Ein Augenblick, so kurz, so simpel eigentlich – und doch so skurril. Sichtlich verlegen, gar peinlich berührt, stehen die zwei Männer sich gegenüber. Beide tragen eine FFP2-Maske über Mund und Nase, beide halten ausreichend Abstand zueinander.

Die Freude, sich zu sehen, muss groß sein, denn auf beiden Gesichtern erreicht das Lächeln hinter dem medizinischen Stoff das ganze Gesicht und bringt die Falten rund um die Augen zum Kräuseln. Wären sie sich vor Corona vielleicht um den Hals gefallen und hätten sich fest gedrückt, stehen sie jetzt nur unsicher da. So als würden sie sich fragen: Darf ich meine Freude überhaupt zeigen? Und wie?

„Schön, dass wir uns nach so langer Zeit endlich mal wieder persönlich sehen“, sagt der eine und winkt zum Gruß. „Das finde ich auch, diese eineinhalb Jahre Pandemie waren wirklich lang“, sagt der andere. „Ich würde dich ja schon gerne begrüßen... Darf ich?“

Kurzes Überlegen, ein Nicken, dann strecken beide die Hände aus, schlagen ein, schütteln sie für ein, zwei Sekunden und umarmen sich schließlich. Doch was vor der Pandemie als warmherzige und freundschaftliche Geste empfunden wurde, wirkt in diesen Tagen alles andere als ungezwungen und alltäglich.

Als der Kalte Krieg endete: Ronald Reagan (r), Präsident der USA, und der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow schüttelten sich im Dezember 1987 nach dem Abschluss eines Abrüstungsvertrages die Hände.
Als der Kalte Krieg endete: Ronald Reagan (r), Präsident der USA, und der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow schüttelten sich im Dezember 1987 nach dem Abschluss eines Abrüstungsvertrages die Hände. | Bild: Bob Daugherty/dpa

Werden solche Gesten je wieder zu unserem Alltag gehören? Corona hat das Leben weltweit in seinen Grundfesten erschüttert. Weit über 250 Millionen Menschen wurden infiziert, etwa fünf Millionen sind gestorben. Zum ersten Mal in ihrem Leben haben Millionen von Menschen einen Lockdown erlebt, eine Maskenpflicht, Schließungen von Schulen und ganzen Branchen.

War es doch früher kaum vorstellbar, auch nur einen Gedanken über einen Händedruck zu verschwenden – außer er war vielleicht besonders fest oder kalt oder schwitzig –, hat Corona diese alltägliche Geste verwandelt. In etwas Ungewohntes, ja gar Unangenehmes.

Doch woher kommt dieser Brauch überhaupt? Georg Kamphausen, Professor für Soziologie an der Universität Bayreuth, kennt viele Erklärungen. Eine hält er für die plausibelste: Vor vielen Hundert Jahren, wenn nicht sogar Jahrtausenden, war der Mensch, den man außerhalb seiner gewohnten Umgebung traf, ein potenzieller Feind, ein Fremder. Seine Waffe trug er meist an der linken Seite, um sie mit der Rechten zu ziehen und damit zu kämpfen.

Man zeigt die leere Schwerthand

Indem die leere Schwerthand gehoben, gereicht oder geschüttelt wurde, signalisierte man dem anderen: Ich bin unbewaffnet, ich bin nicht dein Feind, ich komme in friedlicher Absicht. „Händeschütteln fällt in der Soziologie unter den Bereich Rituale“, erklärt Kamphausen.

„Darunter verstehen wir Übergangsphänomene, beim Händeschütteln etwa vom Feind zum Freund. Doch solche Begrüßungsrituale haben auch immer etwas mit Über- und Unterordnung zu tun. Mit Wertschätzung, dass der Mensch gegenüber aufgrund seines Alters, der Erfahrung oder der beruflichen Stellung meinen Respekt verdient hat.“

Weltberühmter Händedruck: Der frisch gewählte südafrikanische Präsident Nelson Mandela (Mitte) und sein Vorgänger Frederik De Klerk (rechts von ihm) 1994, nach der ersten Sitzung des neu gewählten Parlaments.
Weltberühmter Händedruck: Der frisch gewählte südafrikanische Präsident Nelson Mandela (Mitte) und sein Vorgänger Frederik De Klerk (rechts von ihm) 1994, nach der ersten Sitzung des neu gewählten Parlaments. | Bild: Alexander Joe/AFP

Solche Rituale müssten allerdings immer in ihrem spezifischen kulturellen Kontext betrachtet werden, betont Kamphausen. „Sich zur Begrüßung die Hand zu geben, ist etwas typisch Westliches.“ In romanischen Kulturen mache man stattdessen eher einen Wangenkuss, in Amerika gebe es das Schulterklopfen. In Neuseeland legt man Stirn und Nase aneinander, in Tibet streckt man sich die Zunge raus.

Drei weltberühmte Handschläge

Nun ist es aber doch so, dass der Mensch schon seit vielen, vielen Jahren kein Schwert und keine andere Waffe mehr trägt und auch nicht mehr verdeutlichen muss, dass er nichts Böses will. „Man hält an Gebräuchlichkeiten fest, die sich eben eingebürgert haben“, sagt Kamphausen. „Aber ich glaube, das hat nicht nur etwas mit Tradition zu tun. Ich glaube, dass die Anerkennung fremder Menschen, Gehorsam zu leisten, die Unter- und Überordnung, ebenso in uns drinsteckt.“

Armdrücken oder Händedrücken? Emmanuel Macron (r), Präsident von Frankreich, und Donald Trump, Präsident der USA, maßen ihre Stärke während der Abschluss-Pressekonferenz nach dem G7-Gipfel. August 2019.
Armdrücken oder Händedrücken? Emmanuel Macron (r), Präsident von Frankreich, und Donald Trump, Präsident der USA, maßen ihre Stärke während der Abschluss-Pressekonferenz nach dem G7-Gipfel. August 2019. | Bild: Michael Kappeler/dpa

Denn Begrüßungsrituale hätten auch immer etwas mit Ordnung zu tun. „Fallen solche Rituale plötzlich weg, wie es bei Corona der Fall war, verlieren die Menschen diese Ordnung, in welcher Beziehung man zu dem anderen steht. Das verunsichert viele. Deshalb empfinden wir es oft als derart unangenehm, wenn wir uns auf einmal nicht mehr die Hand geben dürfen.“

War es früher üblich, jemanden, dem man sich vorstellen wollte, einfach aus Eigeninitiative heraus die Hand zu reichen, muss man sich jetzt mit einem Winken oder einem Tippen auf die Schulter bemerkbar machen – oder es gar direkt ansprechen: „Wie wollen wir‘s machen? Faust oder Fuß oder Ellbogen?“

Oder: Was tun beim Bewerbungsgespräch, wenn man sich vorstellen will? Beim Blind Date, wenn man sich zum ersten Mal trifft? Oder bei einem Geschäftsabschluss, den man mit einem Handschlag besiegeln will?

Noch nicht ganz klar ist, wie groß das Corona-Infektionsrisiko beim Händeschütteln überhaupt ist. Markus Beier aus Erlangen, Vorsitzender des bayerischen Hausärzteverbandes, schätzt die Gefahr in Bezug auf Covid-19 als gering ein. „Meiner Kenntnis nach ist Händeschütteln kein expliziter Pandemietreiber, da es sich bei Covid-19 um eine Aerosol-Infektion handelt.“

Das Robert-Koch-Institut verweist lediglich auf die AHA+L-Regeln, also Abstand halten, Hygiene beachten, im Alltag Masken tragen und lüften. Auf der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist jedoch zu lesen: „Hände kommen häufig mit Keimen in Kontakt und können diese auf alles übertragen, das anschließend angefasst wird. Beim Händeschütteln können Krankheitserreger leicht von Hand zu Hand gelangen. Berührt man mit den Händen dann das Gesicht, können die Erreger über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen.“

Viele Medizinerinnen und Ärzte, darunter auch Markus Beier, sagen aus diesem Grund: „Wir sollten uns das Händeschütteln abgewöhnen, und in Praxen hat es nichts mehr verloren.“ Nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft. Ein Rat, den sich bereits viele Menschen zu Herzen nehmen und darauf verzichten. Aus Vorsicht – oder aus Angst?

Eine Frage, mit der sich Susanne Berwanger aus München seit Beginn der Pandemie beschäftigt. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Verbandes Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. „Dass sich einige mit der gegenwärtigen Situation viel leichter tun und dass andere viel vorsichtiger sind und sogar ein bisschen Angst haben, ihren Mitmenschen zu nahezukommen, ist sicherlich eine richtige Beobachtung“, sagt Berwanger.

Es gebe Menschen, die ohnehin unter vielen Unsicherheiten und Ängsten litten, und diese hätten sich durch die Pandemie und die Lockdowns zunehmend verschlimmert. Vor allem denjenigen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, habe der Lockdown bei der Vermeidung einer Situation geholfen, wo zum Beispiel Ängste aufkommen. „Und Vermeidung ist nie gut.“

Wer sich von der Nähe anderer Menschen, von einem Händeschütteln, von einer Umarmung oder der Enge einer Gruppe, bedroht fühle und Panik in sich aufkommen spüre, dem rät die Psychologin Folgendes: „Ein erster Schritt ist es, zu versuchen, sich selbst zu verstehen. Man sollte versuchen zu analysieren, welche Gedanken in dieser bestimmten Situation aktiviert werden, dass ich die Lage als derart bedrohlich einschätze und Angst bekomme.“ Panikattacken als solche seien nämlich nichts Ungewöhnliches, sehr viele Menschen erleben laut Berwanger so etwas in ihrem Leben.

Auch wer nach wie vor ein Problem damit habe, aus Angst vor einer Ansteckung anderen die Hand zu geben oder sie zu umarmen, dem helfe es, sich zu sagen: Akzeptiere, dass du hier Ängste hast und das einfach nicht willst. Dein Schutzverhalten ist realistisch und angemessen. „Erst wenn man seine Unsicherheiten und Ängste versteht und annimmt, kann es besser werden.“ Man brauche dann eben länger, um sich an diese neue Normalität zu gewöhnen.

Das Bedürfnis nach Nähe

Die neue Normalität, ein Stichwort, über das auch Georg Kamphausen nachdenkt. Vor allem über die Frage: Wird der Händedruck gänzlich verschwinden? Er möchte sich nicht festlegen, hat aber eine Theorie: „Ich glaube, das wäre für viele Menschen schwer erträglich. Wir haben das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und danach, anerkannt und geschätzt zu werden. Händeschütteln, Schulterklopfen und Umarmen drücken all dies aus.“

Von Ersatzgesten hält Kamphausen jedenfalls wenig, sagt er fast schon empört. „Besonders diese Faust stört mich! Was ist denn das für ein Signal? Komm mit mir in den Ring oder ich hau dir gleich eine rein?! Unmöglich!“