1. Es gibt bei der zweiten Welle kaum neue Todesfälle

Es stimmt, derzeit liegen die Todesfälle in Deutschland noch deutlich unter denen des Frühjahrs. Aber: Sie steigen merklich. Vergangene Woche wies das Robert-Koch-Institut 168 neue Corona-Todesfälle aus, vor drei Monaten waren es nur 22 in einer Woche. Allein am Dienstag meldete das RKI sogar 47 Todesfälle. Verglichen mit dem Frühjahr immer noch keine hohe Zahl, dennoch eine Tendenz. Der Anstieg der Todeszahlen läuft dem Anstieg der Fallzahlen außerdem immer um eine gewisse Zeit nach.

In anderen Ländern gibt es bereits deutliche Anstiege der Todeszahlen: In Spanien sterben derzeit im Schnitt etwa schon wieder über 100 Menschen am Tag an oder mit dem Virus. Und in Russland oder Tschechien sind die Todeszahlen sogar schon höher, als sie es während der ersten Welle jemals waren. Fakt ist: Sobald sich vermehrt ältere Menschen anstecken – was derzeit passiert – steigen auch die Todeszahlen wieder stark an.

2. Auf den Intensivstationen kommt die zweite Welle nicht an

Ja, es werden derzeit deutlich weniger Menschen intensivmedizinisch versorgt als im Frühjahr. Am 21. April wurden laut Divi-Intensivregister 2112 Corona-Patienten beatmet, am Dienstag waren es rund 400. Damit liegt die Zahl der Beatmeten aber auch schon mehr als dreimal so hoch wie im September, sie steigt sukzessive.

Arbeiter fertigen Krankenhausbetten in einer Fabrik des Medizintechnik-Unternehmens Linet. Der tschechische Ministerpräsident Babis beauftragte den deutsch-tschechischen Konzern, der unter anderem Betten für Krankenhäuser und Pflegeheime herstellt, mit einer Belieferung von Betten an ein Militärkrankenhaus mit 500 Corona-Patienten.
Arbeiter fertigen Krankenhausbetten in einer Fabrik des Medizintechnik-Unternehmens Linet. Der tschechische Ministerpräsident Babis beauftragte den deutsch-tschechischen Konzern, der unter anderem Betten für Krankenhäuser und Pflegeheime herstellt, mit einer Belieferung von Betten an ein Militärkrankenhaus mit 500 Corona-Patienten. | Bild: Petr David Josek/dpa

Der Blick in die Nachbarländer zeigt, wie schnell die Betten voll sein können. Die Niederlande haben bereits in Nordrhein-Westfalen angefragt, ob sie bei einem weiteren Anwachsen der zweiten Welle Patienten nach Deutschland verlegen können – was NRW zusagte. Deutschland hat derzeit noch über 8000 freie Beatmungsplätze, ein Engpass ist also tatsächlich noch in sehr weiter Ferne. Experten rechnen derzeit nicht damit, dass es zu einer Überlastung kommen könnte.

3. Kein Wunder dass die Zahlen steigen – es beginnt ja auch die Grippezeit, da ist Corona ein Erreger von vielen

Nein, so ist es nicht. Zwar steigt die Zahl der Grippeerkrankungen saisonbedingt leicht an, aber das Grippe-Überwachungsnetz des RKI meldet hier nur eine sehr schwache Dynamik, die sogar unter den sonst üblichen Zahlen im Herbst bleibt.

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Die Corona-Zahlen wachsen dagegen mit sehr großer Wucht – und damit viel stärker als die Fallzahlen aller anderen Erreger. Wahr ist: Dass sich Menschen verstärkt drinnen aufhalten, begünstigt die Corona-Verbreitung.

Eine Impfung gegen Grippe – gerade um eine Doppelwelle aus Grippe und Corona zu verhindern, wird sie derzeit empfohlen.
Eine Impfung gegen Grippe – gerade um eine Doppelwelle aus Grippe und Corona zu verhindern, wird sie derzeit empfohlen. | Bild: Marcus Brandt/dpa

4. 6000 Fälle heute sind so schlimm wie 6000 Fälle im Frühjahr

Auch diesem Trugschluss darf man nicht aufsitzen. Denn heute wird rund dreimal mehr getestet, dementsprechend mehr Fälle werden bekannt, die im Frühjahr große Dunkelziffer schrumpft. Das reale Infektionsgeschehen allein an Hand dieser mittlerweile völlig anders erhobenen Zahl zu vergleichen, ist also unwissenschaftlich.

Was man aber auch nicht denken darf: Dass es mittlerweile gar nicht mehr so schlimm ist, an Corona zu erkranken. Zwar hat sich das Wissen über die Behandlung vergrößert, es gibt aber weiterhin kein Heilmittel dafür.

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5. Es gibt nur deswegen mehr Fälle, weil mehr getestet wird

Diese gern quergedachte These ist genau so Humbug, wie Positivzahlen von damals und heute einfach zu vergleichen. Ja, wer mehr testet, reduziert die Dunkelziffer und findet mehr fälle – aber auch nur dann, wenn es diese Fälle gibt. Und nein, das liegt auch nicht an falsch-positiven Befunden – gäbe es die massenweise, wären die Fallzahlen in manchen Kreisen im Sommer trotz hoher Testzahlen nicht monatelang nahe null gewesen.

Einem Mann wird an einer Corona-Abstrichstelle auf dem Cannstatter Wasen ein Abstrich entnommen.
Einem Mann wird an einer Corona-Abstrichstelle auf dem Cannstatter Wasen ein Abstrich entnommen. | Bild: Marijan Murat/dpa

Der Anteil positiver Tests steigt derzeit deutlich, was unabhängig von der in den letzten Wochen zudem recht konstanten absoluten Testzahl einen klaren Anstieg der Infektionszahlen nahelegt.

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