Schulterlange Haare, weiche Gesichtszüge, pinkfarbene Jacke: Wer Jeanne Riedel das erste Mal sieht, wird kaum daran zweifeln, eine ganz normale Frau vor sich zu haben. Denn was ist schon eine „normale“ Frau? Oder ein „normaler“ Mann? Bei einem ausgiebigen Frühstück macht die 35-jährige Aktivistin aus München klar, warum sich diese Fragen nicht so eindeutig beantworten lassen.

Jeanne Riedel erfuhr vor fünf Jahren, dass sie intersexuell ist. Damit ist gemeint, dass ihr Körper männliche und weibliche Merkmale aufweist und sich nach den üblichen Normen nicht klar einordnen lässt. „Die Diagnose war eine große Erleichterung für mich“, erzählt sie. „Endlich wusste ich, wer ich bin und was ich bin.“

„Schon immer gespürt, dass ich anders bin“

Aufgewachsen ist Jeanne als Junge, und zwar in einer Kleinstadt in Sachsen. „Eigentlich habe ich schon immer gespürt, dass ich etwas anders bin.“ Bei einer Modenschau in der 2. Klasse führte der kleine Junge, der sie damals war, mit Vergnügen High Heels vor. Während die Lehrerin „cool“ darauf reagierte, attackierten die anderen Jungen Jeanne und drückten ihren Kopf in die Kloschüssel.

Jeanne Riedel erzählt das mit einem Lachen, als würde sie eine amüsante Anekdote zum Besten geben. Wie hieß sie damals eigentlich? „Danach fragt man nicht! Das ist ein Deadname“ (toter Name, d. Red), entgegnet sie entschieden, fast ein wenig schroff.

Erste Zweifel mit zwölf

Echte Zweifel daran, dass sie ein „richtiger“ Junge war, kamen ihr mit zwölf. „Mir wurde klar: Mein Körper sieht anders aus als der der anderen.“ Außerdem fiel ihr an sich eine Besonderheit auf, die sie so beschreibt: „Ich konnte nur im Sitzen pinkeln.“

Männlich? Weiblich? Nicht immer ist das so einfach.
Männlich? Weiblich? Nicht immer ist das so einfach. | Bild: visivasnc - stock.adobe.com

Doch immer dann, wenn sie Bemerkungen in diese Richtung machte, versicherte ihr der Vater, dass sie ein „richtiger“ Junge wäre. „Er war stolz darauf, einen Sohn zu haben, und trichterte mir ein traditionelles Rollenverständnis ein.“ Mit 17 lernte Jeanne viele neue Leute kennen und bekam Kontakt zur Schwulen-, später zur Transsexuellen-Szene. „Ich konnte mich nie mit ‚männlich‘ identifizieren“, erzählt sie.

Seltene Diagnose

Deshalb beschloss sie, weiblich zu werden und eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen zu lassen. Von einer Ärztin, die sie wegen des dafür erforderlichen Gutachtens aufsuchte, hörte sie erstmals die Vermutung: „Vielleicht sind Sie intersexuell?“ Bis die seltene Diagnose „Partielle Androgenresistenz“ wirklich stand, musste sie noch etliche Ärzte aufsuchen.

Menschen, die davon betroffen sind, haben zwar die männlichen Geschlechtschromosomen XY. Da bei ihnen der Rezeptor für männliche Sexualhormone aber nur teilweise funktioniert, kann Testosteron seine Wirkung nicht voll entfalten. Das heißt, dass ein Baby mit männlichen Genen, aber meist uneindeutigen Geschlechtsorganen auf die Welt kommt.

„Bei mir ist der Briefkasten kaputt“

„Hormone sind wie Briefe mit bestimmten Botschaften, und bei mir ist sozusagen der Briefkasten kaputt“, erklärt Jeanne Riedel das Phänomen bildlich. Ein prominentes Beispiel ist das belgische Topmodel Hanne Gaby Odiele, die ebenfalls von einer Androgenresistenz betroffen ist. Es gibt Vermutungen, dass auch Jeanne d‘Arc, nach der sich Riedel benannt hat, männliche Gene hatte.

Androgenresistenz ist eine „Variante der Geschlechtsentwicklung“, wie man Intersexualität inzwischen neutral nennt. Manche betreffen die Hormone, andere die Keimdrüsen, wieder andere die Chromosomen. Je nach Variante und Ausprägung fallen schon bei Babys Normabweichungen auf, manchmal aber auch erst in der Pubertät.

Die Betroffenen bleiben unsichtbar

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 0,05 bis 1,7 Prozent der Bevölkerung betroffen. „Selbst bei niedrigen Schätzungen kann man davon ausgehen, dass jeder in seinem weiteren Umfeld mindestens einen intersexuellen Menschen kennt. Die Tatsache, dass die meisten meinen, keinen zu kennen, zeugt von der gesellschaftlichen Verschleierung dieser Menschen“, schreibt Claudia Lang in ihrem Buch „Intersexualiät“ von 2006.

In den vergangenen Jahren ist viel geschehen, um den Bereich zu enttabuisieren. Ein großer Schritt war, dass im Personenstandsregister seit 2018 auch der Geschlechtseintrag „divers“ erlaubt ist. Wer seinen Eintrag so abändern will, muss in der Regel allerdings eine ärztliche Bescheinigung vorlegen.

Immerhin: „Die Regelung verbessert die Sichtbarkeit von Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“, sagt Charlotte Wunn vom Verein Intergeschlechtliche Menschen. Dennoch sind es auch heute nur wenige, die sich wie Jeanne Riedel öffentlich als Inter* bekennen.

„Ich habe Hoden“

Sie sitzt entspannt vor ihrem Schokobrot und spricht tabulos über Themen, die andere verlegen machen. „Ich habe Hoden“, verkündet sie, worauf ein Passant irritiert zu ihr herüberschaut. Das stört sie nicht. Im Gegenteil: „Ich hoffe, dass ich auch anderen Inter* Mut mache. Meine Botschaft ist: Es ist okay, wie du bist. Lass‘ dir nichts einreden!“

Inzwischen haben Mediziner anerkannt, dass Abweichungen nicht automatisch mit Krankheiten gleichzusetzen sind. Es gebe Betroffene, „die keine Behandlung benötigen oder wünschen“, heißt es in der ärztlichen Leitlinie zum Thema, die zugleich das Selbstbestimmungsrecht des Kindes stärkt. Nach 1950 wurden in vielen Ländern Genitaloperationen an Kindern durchgeführt, deren Körper nicht den Vorstellungen von eindeutig männlich oder weiblich entsprachen. Die Folgen waren mitunter fatal.

Nur mit medizinischen Gründen

Die aktuelle Leitlinie sieht vor, Kinder nur zu operieren, wenn es dafür gute medizinische Gründe gibt und möglichst abzuwarten, bis Minderjährige selbst entscheiden können. Jeanne Riedel freut es vor allem, dass die Leitlinie betroffenen Familien eine Beratung durch Menschen mit derselben Diagnose anrät. „Aber das Ganze ist eben nur eine Empfehlung“, sagt sie.

Auch die Hormonexpertin Prof. Nicole Reisch von der Uniklinik München beklagt, dass die Vorgaben der Leitlinie zu wenig umgesetzt werden. So fehlten die finanziellen Mittel, um eine Betreuung durch spezialisierte Psychologen und Menschen in gleicher Situation anzubieten. Abgesehen davon sollte „ausschließlich in spezialisierten Zentren behandelt und operiert werden“.

Engmaschig überwachen statt operieren

Wegen der Seltenheit der einzelnen Phänomene gebe es kaum aussagekräftige Studien. Zum Beispiel sei in vielen Fällen unklar, wie hoch das Krebsrisiko bei einer Fehlentwicklung der Keimdrüsen sei. Früher diente die Tumorgefahr als Argument dafür, in solchen Fällen grundsätzlich zu operieren. „Jetzt ist man hier zurückhaltend geworden und wählt häufig den Weg der engmaschigen medizinischen Beobachtung“, sagt Reisch.

Charlotte Wunn und ihren Mitstreiterinnen reicht das nicht. Sie setzen auf klare juristische Regelungen. Ein Fortschritt ist für sie ein Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung, das der Bundestag im März beschlossen hat und das inzwischen vom Bundesrat gebilligt wurde.

Kein Gesetz, das sich nicht umgehen lässt

Damit sind Behandlungen verboten, die bloß darauf abzielen, das körperliche Erscheinungsbild des Kindes an das des männli­chen oder des weiblichen Geschlechts anzugleichen. Ausnahmen sind nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Allerdings weise das Gesetz Schwachstellen auf und biete Umgehungspotenzial, heißt es beim Verein Intergeschlechtliche Menschen.

Junge oder Mädchen? Jeanne Riedel denkt nicht in solchen Kategorien. „Ich bin ein Demi-Girl“, sagt sie. Sie sitzt für die Grünen im Bezirksausschuss München-Bogenhausen und engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Obendrein arbeitet sie Vollzeit als Bäckerin. Ihren Beruf mag sie, auch wenn er hart und nicht gut bezahlt ist.

„Die brauchen jeden“

„In dem Handwerk können sie sich nicht erlauben, jemanden zu diskriminieren. Die brauchen jeden“, merkt die 35-Jährige trocken an. Das hinderte einen Kollegen aber nicht anzumerken: „Seitdem dein Penis weg ist, arbeitest du schlechter.“

Immerhin ließ der Chef ihm den Spruch nicht durchgehen. Noch aber gilt Jeanne Riedel für die meisten als Exotin. Wenn sie neuen Bekannten eröffnet, dass sie „Inter“ ist, reagieren die meist verwundert mit: „Was ist das denn?“ Darauf antwortet Jeanne eloquent, dass es kein starres Mann-Frau-Schema gibt. Und Abweichungen normal sind.