Oben an den italienischen Hängen des Mont Blanc, den man hier im Aostatal Monte Bianco nennt, schmilzt das Eis im Zentimetertakt. „30 Zentimeter pro Tag“, sagt Hüttenwirt Davide Gonella im Rifugio Gonella. Der Schneespeicher, aus dem die Hütte ihren Sanitärbetrieb speist, ist in diesem Jahr schon jetzt hinweggeschmolzen. Deshalb hat Gonella am Sonntag zugemacht. Am 17. Juli, mitten in der Hochsaison. „Unsere Stimmung?“, fragt Mitbetreiber Mauro am Telefon. „Was soll ich sagen? Wir wussten ja, dass es diesen Sommer extrem wenig Schnee gab. Da kann man nichts machen.“

Kaum Schnee und die Folgen

Auf den Bergen lag schon im Winter kaum Schnee, weshalb es so gut wie keine Schneeschmelze gibt. Das bedeutet, dass die Flüsse wenig Wasser führen und damit auch das Wasser in vielen italienischen Seen auf Tiefstständen liegt. „Wir erleben gerade die ersten gewöhnlichen Ereignisse des kommenden neuen Zeitalters, des Zeitalters von Feuer, Sand und Hitze“, sagt der Geologe und Autor Mario Tozzi drastisch. „Der Klimawandel führt zu Hitzewellen, Dürren werden durch unsere übermäßige Wasserentnahme verstärkt. Die Wälder werden trockener, Feuer breiten sich leichter, länger und über größere Entfernungen aus“. Willkommen im Urlaubsland Italien.

Wanderer gehen über den ausgetrockneten Grund des Gabiet-Stausees. Im nördlichen Teil des Landes herrscht nach wie vor eine schwere Dürre.
Wanderer gehen über den ausgetrockneten Grund des Gabiet-Stausees. Im nördlichen Teil des Landes herrscht nach wie vor eine schwere Dürre. | Bild: Luca Bruno, dpa

In fünf norditalienischen Regionen (Piemont, Lombardei, Venetien, Friaul-Julisch Venetien und Emilia-Romagna) gilt seit Anfang Juli wegen extremer Dürre der Notstand. Möglicherweise wird die Regierung ihr Dekret auch auf die Toskana, Latium und Umbrien ausweiten. Manche Städte, etwa Pisa oder Verona, haben den Wasserverbrauch eingeschränkt.

Fähren könnten auf Grund laufen

So sieht es aus in einem der liebsten Urlaubsländer der Republik. Wie jedes Jahr bereiten sich Hunderttausende auf den Exodus in Richtung Süden vor. Dass der Ansturm in diesem Jahr geringer ausfallen könnte als in den Vor-Pandemie-Jahren, dafür gibt es keine Anzeichen. Wo man auch anruft in Italien, sind die Tische und Strände schon jetzt besonders voll. Aber auf was muss man sich da einstellen, wenn man Ferien macht in einem Land, das gerade mit der größten Dürre seit 70 Jahren zu kämpfen hat?

In der Beach Bar am Lago Maggiore geht es trotzdem rund

In der Tiki Beach Bar in Verbania geht Flavio ans Telefon. Im Hintergrund ist Musik zu hören, es ist laut, eine Tatsache, die auf einige Kundschaft in der Via Paolo Troubetzkoy hindeutet. Die Tiki Beach Bar ist eine Art Kiosk am Ufer das Lago Maggiore, es gibt eine Terrasse mit Tischen, Sonnenschirmen und einer schönen Aussicht auf das Südufer.

Der Wasserstand ist in diesem Jahr dramatisch niedrig. 70 Prozent weniger Schneefall als im Durchschnitt machen sich bemerkbar. „Brutta, brutta“, antwortet Barkeeper Flavio auf die Frage nach der Situation am See. „Schlimm“, bedeutet das. Das Eigenartige ist, dass die Klänge aus der Beach Bar und Flavios Stimme so gar nicht zur dramatischen Situation passen wollen, in der sich der See befindet.

„Ja, mehr Wasser im See, das wäre schön. Aber nun ist es halt so.“
Flavio, Barmann in der Tiki Beach Bar in Verbania

Flavio ist in absoluter Sommerlaune, die Gäste scheinen sich auch prächtig zu amüsieren. „Klar, die Gäste kommen auch bei niedrigem Wasserstand“, sagt Flavio. Zwei Meter niedriger als sonst stehe das Wasser, schätzt der Mann aus der Beach Bar. Den Dampferbetrieb auf dem See hat das veranlasst, vor drei Wochen die Häfen Porto Valtravaglia, Ranco und Ispra nicht mehr anfahren zu lassen, die Fähren könnten auf Grund laufen. Einige Bürgermeister protestierten.

Hitze, Dürre, Brände – so sieht es in anderen Mittelmeerländern aus

Barmann Flavio kann man nach zwei Jahren Pandemie und Zwangsschließungen allerdings nicht verdenken, dass er lakonisch sagt: „Ja, mehr Wasser im See, das wäre schön. Aber nun ist es halt so.“ Die sportlichen Aktivitäten auf dem See hat der niedrige Wasserstand jedenfalls bislang nicht beeinträchtigt, heißt es.

Gärten dürfen nicht mehr gegossen werden

Im 70 Kilometer entfernten Mailand stöhnen die Menschen seit Wochen über die sengende Hitze. Die Stadtverwaltung hat wegen des Wassermangels eine Reihe von Maßnahmen beschlossen. Gärten und private Rasenflächen dürfen nicht mehr bewässert werden. Regionalpräsident Attilio Fontana kündigte an, dass in der Lombardei noch bis 25. Juli Wasservorräte für die Landwirtschaft vorhanden seien, darüber hinaus aber nicht.

Weil der Grundwasserstand noch nicht besorgniserregend ist, kann man sich an den 580 grünen Trinkbrunnen in der Stadt aber weiterhin erfrischen, von denen sich einige auch im Zentrum befinden. Pierluigi Barone hat hier, gleich neben dem Domplatz an der Santa-Margerita-Passage, seinen Kiosk, an dem man allerlei Souvenirs erwerben kann. „Schlecht“, antwortet er auf die Frage, wie man es derzeit in Mailand aushalten kann und nennt neben der Hitze die Luftfeuchtigkeit.

Ein Mann zieht in Rom sein Gepäck hinter sich her, während andere Touristen durch die Innenstadt gehen. Nach Lockdown und strengen ...
Ein Mann zieht in Rom sein Gepäck hinter sich her, während andere Touristen durch die Innenstadt gehen. Nach Lockdown und strengen Auflagen zur Eindämmung des Coronavirus erlebt die Stadt eine Wiederbelebung. Die wirtschaftliche Erholung von zwei Jahren Coronavirus könnte so lange dauern wie die Pandemie selbst. | Bild: ANDREW MEDICHINI, dpa

Das Wetter ist für Barone wie für die meisten in der Tourismus-Branche Beschäftigten aber Nebensache. „Die Touristen sind da, das ist das Wichtigste“, sagt der Kioskbesitzer. Er hoffe, dass es so weitergehe mit dem Geschäft. „Sich aufregen und gegen die Hitze sein bringt ja sowieso nichts“, sagt er welterfahren.

Wassertaxi auf dem Gardasee hat seine Route geändert

Anders sieht es da schon am Gardasee aus, dem liebsten Refugium der Deutschen in Norditalien. Ein Sprecher des Gemeindeverbandes warnte bereits, man solle beim Kopfsprung inzwischen genauer hinschauen. Wenn Marcello Mattioli mit seinem Wassertaxi von Peschiera nach Sirmione fahren will, muss er seit Wochen eine andere Route fahren, sollen seine schweren und eleganten Motorboote nicht auf Grund laufen. Der obere Teil der Halbinsel ist noch schiffbar, am südlichen Zipfel sieht es schlecht aus. Aber auch Mattioli will sich nicht beschweren. Das Geschäft läuft so gut wie seit Jahren nicht, die Gäste sind in Massen da.

Ein Hubschrauber wirft Wasser ab, um ein Feuer im Centocelle-Park in Rom zu löschen.
Ein Hubschrauber wirft Wasser ab, um ein Feuer im Centocelle-Park in Rom zu löschen. | Bild: Lapresse, dpa

So ist der italienische Sommer vor allem ein Paradox. Zu sehen ist das daran, dass die Rafting-Betreiber im Etschtal sich vor ihren Kunden aus Deutschland derzeit kaum retten können. Von Dürre ist hier kaum etwas zu spüren. Gleichzeitig mussten in Bibione bei Venedig am Wochenende Badegäste in die Adria flüchten, weil ein Stück Wald am Ortsrand brannte. Apokalyptische Szenen, wie man sie aus früheren Jahren kennt.

„Kommen Sie nur! Die Dürre? Sie betrifft uns nicht.“
Inhaberin des Hotel Daniel‘s in Misano Adriatico

Wer Ferien im Süden macht, dem kann es passieren, dass er abgesehen vom eigenen Schweiß gar nichts mitbekommt vom Notstand und der Dürre. So werden auch im italienischen Dürre-Sommer 2022 Szenen wie diese zum touristischen Alltag gehören: Misano Adriatico, Hotel Daniel‘s, ein angenehmer Familienbetrieb an der Adria, Zimmer mit Blick auf den Strand und das flache Meer, gutes Essen.

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Die Trockenheit sei kein Problem, sagt die Inhaberin. Nicht einmal die Hitze sei störend. „Wir haben hier immer leichten Wind vom Meer, sehr angenehm“, sagt die Signora. Der Hotel-Pool ist gefüllt, die Duschen laufen einwandfrei wie immer. Die Stadtverwaltung musste keine Maßnahmen treffen. Der Spritz schmeckt ausgezeichnet.

Offenbar hat das Hotel Daniel‘s noch Kapazitäten für diesen Sommer. „Es ist göttlich hier“, schwärmt die Inhaberin. „Kommen Sie nur! Die Dürre? Sie betrifft uns nicht.“