Die Kriminalstatistik für die Galápagos-Insel Floreana fällt 1934 verheerend aus. Von den neun Bewohnern, ein Junge und ein Baby mitgezählt, waren am Ende des Jahres zwei spurlos verschwunden – mit der großen Wahrscheinlichkeit, dass sie erschlagen und an die Haie verfüttert wurden.

Ein Mann, ein schlimm gebeutelter im Leben wie im Sterben, war auf einer Nachbarinsel elend verdurstet. Und weiter: Der Insel-Guru – ein weltbekannter Vegetarier – war jämmerlich an einer Fleischvergiftung gestorben.

Meeresechsen auf einem Felsen der Galápagos-Inseln.
Meeresechsen auf einem Felsen der Galápagos-Inseln. | Bild: Maridav - stock.adobe.com

Wahrscheinlich hat auch er als Mordopfer zu gelten. Dieser Tat dringend verdächtig ist die Frau, die ihn einst glühend verehrt und ihre Familie in Deutschland verlassen hatte, um mit ihm weit draußen im Ozean, auf der kargen Insel des Galápagos-Archipels, ein viel ehrlicheres, erfüllteres, selbstbestimmtes Leben zu teilen.

Unter dem Vulkan hatten sich die beiden dann richtig hassen gelernt. Kurz vor dem Ende konnte Dr. Friedrich Ritter, der todgeweihte Guru, nicht mehr sprechen. Doch die letzte Kraft reichte noch, um Dore Strauch-Körwin hasserfüllt anzustarren und auf einen Zettel zu schreiben: „Ich verfluche dich im letzten Augenblick.“

Ganz schön unwirtlich: Die Insel Floreana, die zum Galápagos-Archipel gehört.
Ganz schön unwirtlich: Die Insel Floreana, die zum Galápagos-Archipel gehört. | Bild: Karol Kozlowski - stock.adobe.com

Die Aufklärungsquote auf Floreana hingegen ist blamabel. Bis heute ist nicht geklärt, was da 1934 genau geschehen ist. Dafür gibt es jede Menge Vermutungen, dunkles Raunen, Romanstoff in Hülle und Fülle. Sex and Crime im Paradies. Georges Simenon, der für französische Zeitungen vor Ort auf Galápagos recherchierte, schrieb 1935 sehr zeitnah den Roman „Ceux de la soif“ (deutsch: „Die da dürstet“), weitere folgten.

Das größte Rätsel: Was geschah mit Eloise Wagner de Bousquet, der angeblichen Baronin und selbst ernannten Inselkönigin? Der Frau mit Reitpeitsche, die als exzentrisch zu bezeichnen reichlich untertrieben wäre. Wurde sie tatsächlich, wie sie es angeblich der wichtigsten Zeugin Margret Wittmer angekündigt hatte, von einer Yacht zur Kreuzfahrt nach Tahiti abgeholt?

An die Haie verfüttert?

Oder wurden sie und ihr Liebhaber Robert Philippson erschlagen, die Leichen an die Haie verfüttert? Erschlagen – von wem? Jedenfalls trat sie nie wieder in Erscheinung.

John Treherne schreibt in seinem Buch „Verloren im Paradies“: „Es ist unwahrscheinlich, dass die Baronin, wo immer sie gelandet wäre, plötzlich darauf verzichtet hätte, für ihre Aktivitäten ein Höchstmaß an weltweiter Publizität zu erwirken.“ Stimmt. Baronin Wagner de Bousquet war pressegeil. Dr. Ritter übrigens auch.

Zugänglich nur für Millionäre und Aussteiger: Die Küste von Floreana, Galápagos.
Zugänglich nur für Millionäre und Aussteiger: Die Küste von Floreana, Galápagos. | Bild: Frank Waßerführer - stock.adobe.com

Das ist eine weitere Kuriosität dieses Krimis: Er spielte sich einerseits weit draußen im Ozean ab, auf einer unwirtlichen Vulkaninsel, 1000 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt.

Andererseits nahm ein weltweites Publikum regen Anteil am Geschehen auf Galápagos, es gab jede Menge Zeitungsberichte über die Abenteuer der Aussteiger, über nackt herumtollende Adams und Evas, die schießwütige Baronin und ihre Sexsklaven und dann über rätselhafte Vermissten- und Todesfälle.

Die Superreichen kamen und staunten

Immer wieder steuerten superreiche US-Amerikaner mit ihren Luxusyachten Floreana an und brachten Journalisten und Schriftsteller mit. Ein bisschen erinnert die Galápagos-Geschichte an das RTL-Dschungelcamp.

Die mörderische Aussteiger-Story beginnt in Südbaden, in der scheinbaren Idylle des Dorfes Wollbach bei Lörrach. Dort wird Friedrich Ritter am 24. Mai 1886 geboren, und dort verbringt er eine tief unglückliche Kindheit. Schuld am Unglück des kränklichen, sensiblen, allerdings mit etlichen Talenten gesegneten Jungen ist wohl ein besonders strenger Schulmeister.

Hart und rücksichtslos

Philosoph Ritter analysierte später, dass dessen Härte und Unnachsichtigkeit ihn fürs Leben geprägt hätten. Als hart und rücksichtslos wird auch Ritter selbst beschrieben, besonders Dore Strauch gegenüber. Das Leid der ihm so sehr Ergebenen schert ihn wenig.

In Freiburg studiert Ritter Physik, Philosophie und Medizin. Er wird Arzt, obwohl er sich eher als Philosoph in der Schule Friedrich Nietzsches sieht, und eröffnet eine Praxis in Berlin.

Dort lernt er Dore Strauch-Körwin kennen, die erst seine an Multiple Sklerose erkrankte Patientin ist, dann seine spirituelle Schülerin, seine Geliebte, Gefährtin und am Ende – vermutlich – seine Mörderin. Tatwaffe: verdorbenes Hühnerfleisch.

Strauch wandert aus

Dore Strauch verlässt ihren Ehemann, den biederen Gymnasialdirektor Körwin. Sie brüskiert ihre Familie und wandert 1929 mit ihrem Guru auf das Galápagos-Archipel aus, um dort das „große Ideal der Einsamkeit“ zu leben.

Wer tatsächlich einsam sein will, sollte nicht verheißungsvolle Berichte über das paradiesische Leben an die Zeitungsredaktionen schicken. Doch Adam (Ritter) und Eva (Strauch) taten genau das. 1932 siedelten sich die Wittmers aus Köln auf Floreana an: Heinz Wittmer, seine schwangere Frau Margret und der zwölfjährige Harry, Sohn aus Wittmers erster Ehe.

Sie waren weit lebenstüchtiger als Strauch und Ritter und hatten bald das stabilere Haus und den ergiebigeren Garten. Es war eine Nachbarschaft, wie man sie auch in deutschen Reihenhaussiedlungen findet: durchgeistigte Ökos neben Klappt-schon-Heimwerkern.

Man half sich gegenseitig

Es gab Reibereien und Empfindlichkeiten, aber man besuchte sich regelmäßig und half sich in Notlagen. Der Arzt Dr. Ritter wurde zum Beispiel dringend gebraucht, als Margret Wittmer Sohn Rolf zur Welt brachte. Wenn es bei Ritter/Strauch und den Wittmers geblieben wäre, hätte es wohl geklappt mit dem alternativen Leben auf Floreana.

Glutrot ist der Himmel über Galápagos. Wie ein düsteres Omen kündigt im September 1932 ein Vulkanausbruch auf der Nachbarinsel Isabela die dramatische Wende an: die Ankunft der Baronin Eloise Wagner de Bousquet und ihrer beider Liebhaber Robert Philippson und Rudolf Lorenz.

Die „Kaiserin von Floreana“

Vom ersten Tag an lässt sie keinen Zweifel daran, dass sie die Kommandogewalt auf der Insel beansprucht. Besucher, die ihr nicht passen, haben mit ernsthaften Verletzungen zu rechnen. Die angebliche Baronin und selbst ernannte „Kaiserin von Floreana“ beabsichtigt, ein Luxushotel für amerikanische Millionäre zu eröffnen. Tatsächlich wird ihre „Hacienda Paradiso“ nie mehr sein als eine Bruchbude.

Die Baronin. Eine Figur wie einem Roman der dekadenten Zwanzigerjahre entstiegen, um hernach durch die mysteriösen Geschehnisse wieder zur Romanfigur zu werden. Da stand sie in Reithose und hohen Stiefeln, Reitpeitsche und Revolver in Händen. Dominant, exzentrisch, lächerlich. „Eine Dienstmagd, die sich einbildet, eine Prinzessin zu sein“, ätzte Ritter in einem seiner Beschwerdebriefe an den Gouverneur der Galáagos-Inseln.

Schießübungen an wilden Hunden

Wilde Hunde verletzte die schießwütige Baronin absichtsvoll durch Bauchschüsse, um sie anschließend zu zähmen. „Hunde sind wie Männer“, verkündete sie, „wenn sie nicht freiwillig folgen, muss man sie mit Gewalt dazu bringen. Dann pflegt man sie und sie bleiben.“ Dem Dänen Knud Arends verpasste sie tatsächlich einen Bauchschuss. Ohne Dr. Ritters notfallmedizinische Behandlung wäre er auf der Insel gestorben.

Das traurigste Opfer der Baronin jedoch war Rudolf Lorenz. Die Baronin hatte ihn ruiniert. Erst finanziell – sein Souvenirgeschäft in Paris ging pleite –, dann seelisch und gesundheitlich. Auf der Hacienda Paradiso hatte er die niedersten Arbeiten zu verrichten.

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Grün und blau geprügelt

Regelmäßig prügelte Robert Philippson, der derzeitige Favorit der Baronin, den schmächtigen Lorenz grün und blau. Lorenz, krank und gedemütigt, floh immer wieder in die Wildnis oder suchte Zuflucht bei den Wittmers.

Gewiss hatte Rudolf Lorenz Gründe genug, Eloise Wagner de Bousquet und Robert Philippson zu töten, und in den meisten kriminalistischen Schlussfolgerungen steht er in der Liste der Verdächtigen auf Platz 1. Aber war er alleine? Hat ihm Friedrich Ritter geholfen? Oder Heinz Wittmer? Sie hatten Streit genug mit der Baronin um alles nur Denkbare.

Der Friede der Insel war längst dahin. Was wussten Dore Strauch und Margret Wittmer über das Verschwinden von Wagner und Philippson im März 1934? Oder war alles ganz anders? Möglicherweise ein Doppelselbstmord?

Ein letzter Whisky

Einem Gast hatte die Baronin über sich und Philippson gesagt: „Eines Tages werden wir eine letzte Zigarette rauchen, einen letzten Whisky trinken und dann gemeinsam hinausschwimmen in die Weite des Meeres.“

Das Galápagos-Rätsel beschäftigte selbst höchste Kreise. Im Juli 1938 reiste US-Präsident Franklin D. Roosevelt nach Floreana, um persönlich bei den Wittmers zu recherchieren. Genaueres erfahren hat auch er nicht. Die zähen Kölner blieben übrigens auf der Insel und bauten ein Hotel auf.

Keine Liebe für die Ewigkeit: Die Auswanderer Friedrich Ritter und Dore Strauch auf der Insel Floreana.
Keine Liebe für die Ewigkeit: Die Auswanderer Friedrich Ritter und Dore Strauch auf der Insel Floreana. | Bild: Getty Images - Ullstein Bild Dtl.

„Postlagernd Floreana“

Margret Wittmer schrieb 1959 das Buch „Postlagernd Floreana“ über die wilden Inseljahre. Es wurde ein Bestseller. Sie überlebte alle anderen Beteiligten um Jahrzehnte und starb im Jahr 2000, 95-jährig, auf ihrer Insel.

Auch Dore Strauch, nach Ritters Tod nach Deutschland zurückgekehrt, schrieb ein Buch über die Geschehnisse, das allerdings kaum jemanden interessierte. Sie starb 1942 in Berlin.

Ihre Beziehung zu Friedrich Ritter hat sie stets ins Überirdische verklärt. Seinen Tod am 21. November 1934 beschrieb sie vollkommen anders als die Wittmers. Da ist nichts von Hass und Fluch, auch von Hühnerfleisch ist nicht die Rede.

„Plötzlich öffnete er seine großen blauen Augen und streckte seine Arme nach mir aus. Sein Blick war erfüllt von einer freudigen Ruhe, als wolle er zu mir sagen: Ich scheide, doch ich verspreche dir, nie zu vergessen, wofür wir gelebt haben.“

Zwei Männer verdursteten

Und Rudolf Lorenz? Sein sehnlichster Wunsch, endlich die verfluchten Inseln verlassen und nach Europa zurückkehren zu können, schien sich zu erfüllen. Der Seemann Trygve Nuggerud und sein zwölfjähriger Schiffsjunge wollten Lorenz mit ihrem Motorkutter „Dinamita“ zur Chatham-Insel übersetzen.

Vermutet wird, dass auf offener See der altersschwache Motor des Kutters versagte. Der Verbleib des Schiffes und des Jungen wurde nie geklärt, der Ozean hat sie verschluckt. Nuggerud und Lorenz schafften es irgendwie an Land, auf die wasserlose Insel Marchena. Dort sind sie verdurstet.

In Berichten und Büchern über die Affäre findet sich immer wieder das biblische Bild von Satan, der ins Paradies einbricht. Die Frage ist: Hat es das Paradies auf Galápagos je gegeben?