In Deutschland ein Kind auf die Welt zu bringen, das ist ein Job, bei dem eine Frau eigentlich nur verlieren kann, allem Anschein nach. Denn was auch immer sie tut, ist in jedem Fall verkehrt. Beispiele gefällig?

„Warum gehst du nicht zu jeder Vorsorgeuntersuchung?“ oder „Warum gehst du zu so vielen?“ „Warum impfst du?“ oder „Warum impfst du nicht?“ „Warum hast du abgestillt?“ oder „ Warum stillst du noch immer?“ „Warum gehst du nicht arbeiten?“ oder „Warum arbeitest du so viel?“

Wie aus dem Tollhaus

Zusammengestellt hat diese Fragen, die in ihrer bizarren Widersprüchlichkeit an ein Tollhaus aus dem 19. Jahrhundert denken lassen, die Familientherapeutin Katharina Pommer. Sie ist selbst Mutter von fünf Kindern und hat das Buch „Stop Mom Shaming“ (deutsch etwa: Hört auf, Mütter zu beschämen) veröffentlicht.

Bild: Goldegg Verlag

Pommer war es leid, ständig ungefragt Ratschläge aus ihrem Umfeld und von Wildfremden anzuhören, die sich in Erziehungsfragen ebenso genüsslich einmischten wie in alltägliche Dinge.

Frauen machen Frauen schlecht

Akteure des „Mom-Shaming“ sind laut Pommer überraschenderweise meist andere Frauen. Sie fühlen sich fürs Thema Familie zuständig – die Männer offenbar immer noch nicht – und beglücken dann andere mit ihren Weisheiten. Meist seien Neid und Missgunst eine Brutstätte für Mom-Shaming, schreibt die Autorin, die mehrere Lösungsansätze für die Mütter vorschlägt.

Zum einen etwas Simples, das jedoch schwer zu lernen ist: mehr Selbstfürsorge und Selbstbewusstsein. Frauen sollten lernen, dass ihre Bedürfnisse nicht weniger wichtig sind als die der anderen, um die sie sich ständig kümmern. Zum zweiten: Mehr Solidarität untereinander.

Die „Müttermafia“

Auch das dürfte schwierig werden. Pommer spricht von einer „Müttermafia“, die eigene Erlebnisse, Traumata und Gefühle auf andere Frauen projiziere. Nur wenn man sich der eigenen Biografie und der eigenen Mutter-Beziehung stelle, komme man aus diesem Mechanismus heraus. Das setzt ganz schön viel Arbeit und Reflexion voraus.

Natürlich spielen auch die wirtschaftlichen Strukturen eine große Rolle, weil die Frau meist weniger als der Mann verdient und deshalb nach der Geburt eines Kindes kürzer tritt, wie Pommer völlig zu Recht anmerkt.

Das zementiert die jetzige Lage und führt ganz nebenbei dazu, dass sie sich mehr für Familie und Haushalt zuständig fühlt – und in ein Hamsterrad einsteigt, aus dem sie nie wieder herauskommt.

Nein, es ist nicht alles ihre Aufgabe!

Denn eigentlich müsste es anders sein, wie die Schauspielerin und Autorin Collien Ulmen-Fernandes unlängst anmerkte: „Viele Frauen hören oft: ‚Ach, das ist aber nett, dass dein Mann dir im Haushalt und mit den Kindern hilft.‘ Diese Formulierung zeigt schon, dass all das als Aufgabe der Frau angesehen wird und wenn der Mann superlieb und freundlich ist, dann hilft er ihr. Aber er hilft ihr nicht. Denn all das ist nun mal auch seine Aufgabe.“

Familie ist in Deutschland Frauensache

Da bleibt Pommer in ihrem Buch analytisch etwas zu unscharf. Die deutsche Gesellschaft war immer schon konservativ und hat Kinderkriegen und Familie stets den Frauen zugeschanzt. Als hätten die Väter ihren Teil mit dem Zeugungsakt erledigt.

Wenn sich dieser Blick aber nicht ändert, werden Frauen auch in Zukunft weiterhin die Quadratur des Kreises versuchen, während ihre Männer nach dem x-ten Ehekrach achselzuckend zur Arbeit fahren.

Bild: Kösel Verlag

Von einer anderen Seite nähert sich die Kinderärztin Karella Easwaran dem Thema. In ihrem Buch „Das Geheimnis ausgeglichener Mütter“ schildert sie, wie unser Gehirn funktioniert, was Dauerstress im Körper auslöst und wie Frauen besser lernen können, für sich zu sorgen.

Ihre Methode heißt „Beneficial Thinking“, zu deutsch: vorteilhaftes Denken, das sie selbst entwickelt hat. Es geht verzeihend mit eigenen und fremden Fehlern umgeht und lässt auch Scheitern zu. Eine gute Strategie gegen den allgegenwärtigen Perfektionismuswahn!

Sich eigene Fehler verzeihen

Easwaran erklärt Entspannungsmethoden, die aus dem Dauerstress heraushelfen, und ermutigt Frauen zu einer besseren Kommunikation, sprich: klaren Ansagen an Kinder und Partner. Das ist alles nicht verkehrt und dringend notwendig, schiebt den Schwarzen Peter aber den Frauen zu, die sich wieder einmal verändern müssen.

Gut ist deshalb, dass Karella Easwaran Unterstützung für die Mütter einfordert. Bei den Afrikanern heißt es: „Um ein Kind zu erziehen, benötigt man ein ganzes Dorf“, das heißt heute: ein soziales Netzwerk. Katharina Pommer formuliert das auch und nennt es „das Rudel“. Wie man es aufbaut, auch wenn die Großeltern nicht vor Ort sind, da gibt Easwaran wertvolle Hinweise.

Die Illusion der Social Media

Hier trifft sie sich auch mit Katharina Pommer, wenn sie Sätze formuliert wie „Konkurrenz im Dorf ist schädlich“ oder „Warum Lästern schadet“. Auch die ungünstige Rolle sozialer Medien wird gut reflektiert.

Denn natürlich ist es ausgemachter Blödsinn, wenn auf Social-Media-Kanälen Mütter ihren adrett angezogenen Kindern in sauber durchgestylten Häusern selbst gemahlenen Frischkornbrei darbieten – „ohne zu zeigen, wie das Haus nach fünf Minuten aussieht.“

Für sich selbst eintreten

Beide Autorinnen ermutigen völlig zu Recht die Mütter zum selbstbewussteren Eintreten für sich selbst. Denn das ist nun mal Voraussetzung dafür, dass sie gute Mütter sein können. Im Flugzeug heißt es bei der Demonstration der Sauerstoffmaske sehr richtig, dass man erst die eigene Maske aufzieht, bevor man anderen hilft. Denn wer bewusstlos wird, kann niemand anderem mehr helfen.

Freilich hätte man sich ebenso etwas mehr Ermutigung für die Väter gewünscht. Denn die braucht es nun eben auch, wenn Kinder glücklich aufwachsen sollen. Aber – und da schließt sich der Kreis – solange in deutschen Unternehmen Männer sagen, wo‘s in Firmen, Gesellschaft und Familie langgeht, wird sich an der Situation und den gestressten Müttern wenig ändern. Und dazu braucht es nicht mal Corona.

Die Bücher: Katharina Pommer: Stop Mom Shaming. Miteinander statt gegeneinander.
286 Seiten. Goldegg-Verlag, 22 Euro. ISBN-13 : 978-3990601761

Karella Easwaran: Das Geheimnis ausgeglichener Mütter. 272 Seiten. Kösel-Verlag, 16 Euro.
ISBN-13 : 978-3466311514

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €