Brennende Müllcontainer, fliegende Pflastersteine, eingeschlagene Schaufenster: Die Proteste gegen die Inhaftierung eines Musikers, der in Spanien gegen Königshaus, Korruption und konservative Politiker rappte, reißen nicht ab. Doch nicht nur die jungen und sehr wütenden Demonstranten laufen gegen Unterdrückung der Meinungsfreiheit Sturm. Kritik kommt auch von Künstlern, Politikern der linksgerichteten Regierungskoalition und Medien.

Bei einer Demonstration gegen die Inhaftierung von Pablo Hasél sind viele Menschen auf einer Straße. Tausende Menschen haben in mehreren Städten Spaniens gegen die Festnahme des Rappers wegen Beleidigung der Monarchie protestiert.
Bei einer Demonstration gegen die Inhaftierung von Pablo Hasél sind viele Menschen auf einer Straße. Tausende Menschen haben in mehreren Städten Spaniens gegen die Festnahme des Rappers wegen Beleidigung der Monarchie protestiert. | Bild: Emilio Morenatti, dpa

Der Fall des wegen „Majestätsbeleidigung“ und „Gewaltverherrlichung“ zu neun Monaten Haft verurteilten Rappers Carlos Hasél ist nicht der erste. Seit Verabschiedung des „Gesetzes zum Schutz der Sicherheit der Bürger“ 2015 durch die damalige konservative Regierung von Mariano Rajoy – im Volksmund: „Knebelgesetz“ – landen immer wieder Künstler, YouTuber und Journalisten auf der Anklagebank.

Ein Demonstrant zerschlägt in Barcelona ein Schaufenster während einer Demonstration gegen die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél.
Ein Demonstrant zerschlägt in Barcelona ein Schaufenster während einer Demonstration gegen die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél. | Bild: Joan Mateu, dpa

Mal gibt es Haft-, mal hohe Geldstrafen, gelegentlich auch Freisprüche. Die Empörung hatte bisher allerdings nie solche Ausmaße wie jetzt. Auch der deutsch-spanische Historiker Carlos Collado Seidel spart nicht mit Kritik. Er prangert an, „dass Künstler aufgrund ihrer Texte zu Haftstrafen verurteilt werden“. Das Urteil gegen Hasél sei „völlig überzogen“, meint der Professor an der Universität Marburg.

Auf einer Stufe mit Türkei

In zwei offenen Briefen nahmen mehr als 300 Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und Künstler Hasél in Schutz, darunter die Hollywood-Stars Pedro Almodóvar und Javier Bardem. Spanien stelle sich „auf eine Stufe mit Ländern wie die Türkei oder Marokko, wo ebenfalls Künstler im Gefängnis sitzen, weil sie staatlichen Missbrauch anprangern“. Mit einer Online-Petition („Rappen ist kein Verbrechen“) sammelte Amnesty International mehr als 100.000 Unterschriften für eine Gesetzesänderung und Haséls Freilassung.

Eine Spezialeinheit der Polizei von Katalonien verhaftet den Rapper Pablo Hasel in der Universität von Lleida. Hasél hatte sich in der Universität der katalanischen Stadt Lleida verbarrikadiert.
Eine Spezialeinheit der Polizei von Katalonien verhaftet den Rapper Pablo Hasel in der Universität von Lleida. Hasél hatte sich in der Universität der katalanischen Stadt Lleida verbarrikadiert. | Bild: Lorena Sopêna I Lòpez, dpa

Vor dem 32-Jährigen, der eigentlich Pablo Rivadulla Duró heißt, saßen schon Dutzende andere auf der Anklagebank: ein Schauspieler, der der Gotteslästerung beschuldigt wurde, zwei Demonstranten, die auf der Straße Bilder der Royals verbrannten oder zwei Handpuppenspieler, die Terrorismus verherrlicht haben sollen. Für Aufsehen sorgte bereits der Fall eines anderen Rappers. Valtonyc wurde 2017 wegen Verherrlichung von Terrorismus zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Musiker setzte sich aber rechtzeitig nach Belgien ab.

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Die dortige Justiz und auch der Europäische Gerichtshof lehnten seine Auslieferung ab. In seinen Songs hatte der heute 27-Jährige zur bewaffneten Besetzung des Marivent-Palastes in Palma de Mallorca aufgerufen, der Sommerresidenz der Königsfamilie. Seine Erklärung: die Sprache des Raps sei nun mal „extrem, provozierend, allegorisch und symbolisch“. Wie die Zeitung „El País“ und andere Medien glaubt auch Collado Seidel, dass die Gesetze „dringend einer Korrektur bedürfen, erst recht bezüglich der Kunstfreiheit“.

In Deutschland nicht vorstellbar

In Deutschland wäre ein Fall Hasél wohl undenkbar. Abgesehen von dem 2017 vor dem Hintergrund der Böhmermann-Affäre abgeschafften Paragrafen zur Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter sehe zwar auch das deutsche Strafrecht Haftstrafen bei Verunglimpfung des Bundespräsidenten vor, weiß Collado Seidel. „Die letzte mir bekannte Verhängung einer Haftstrafe liegt allerdings 70 Jahre zurück. Ich weiß auch von keinem Fall eines Künstlers, der wegen Verunglimpfung des Bundespräsidenten überhaupt verurteilt worden ist.“

Der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez kritisiert nach längerem Schweigen inzwischen die Gewalt auf den Straßen, verspricht aber auch besseren Schutz der Meinungsfreiheit. Am Wochenende gab es trotzdem wieder jede Nacht Ausschreitungen. In Barcelona waren in der Nacht zum Sonntag mehr als 6500 Menschen für Pablo Hasél auf den Straßen, so viele wie noch nie.