Sie können einem aber auch leidtun. Den Objektiven der Fotografen entgeht kein modischer Ausrutscher. Politiker müssen sich nicht nur anhören, von diesem und jenem überhaupt keine Ahnung zu haben, nein, sie bekommen auch Schlagzeilen, etwa wegen eines braunen Jankers, mit dem sich CDU-Chef Friedrich Merz jüngst dem CSU-Chef Markus Söder als Gelegenheitsbayer anbiederte.

Traditionell: Nach Bayern zu Markus Söder (CSU, links) kommt Friedrich Merz (CDU) im Janker.
Traditionell: Nach Bayern zu Markus Söder (CSU, links) kommt Friedrich Merz (CDU) im Janker. | Bild: Peter Kneffel/dpa

Mode, das ist etwas, über das Politikerinnen und Politiker eigentlich nur stolpern können. So geschehen Ihrer Oberlässigkeit Vizekanzler Robert Habeck (Grüne), der nicht einmal zur Amtseinführung im Anzug erschien, sondern in einer dunklen Chino-Hose, die sich wie eine Ziehharmonika an den Füßen stapelte. Was bekam Habeck von Modedesigner Wolfgang Joop zu hören? „Wenn einer sich schlampig anzieht, denkt er auch schlampig, so sehe ich das.“

Ja, wenn das für Politiker heutzutage so einfach wäre – zur Krawatte zu greifen, wenn der Schlips modetechnisch gerade weltweit auf dem Rückzug ist. Denn eines muss man ja erst einmal festhalten: Die guten alten Merkel-Jahre sind vorbei, die Regierungs-Uniform Blazer hat ausgedient.

Der Blazer war das Markenzeichen von Angela Merkel (rechts, hier mit Dänemarks Königin Margrethe II.).
Der Blazer war das Markenzeichen von Angela Merkel (rechts, hier mit Dänemarks Königin Margrethe II.). | Bild: Tobias Schwarz/AFP

Die Kanzlerin machte 16 Jahre lang nie einen Hehl daraus, dass Mode nicht zur Kür gehörte. Und musste sich deshalb auch nicht wie ihre frühere englische Amtskollegin Theresa May anhören, zu viel Zeit und möglicherweise Hirn in die passende Kombi aus Handtasche und Stöckelschuh zu investieren. Denn merke: Wenn eine Politikerin oder ein Politiker durch zu großes modisches Sendungsbewusstsein auffällt, ist das auch ein Problem.

Das könnte Sie auch interessieren

Es ist fast schon eine Ironie des Schicksals, dass es SPD-Mann Heiko Maas unter dem SPD-Kanzler Olaf Scholz nicht mehr ins Kabinett geschafft hat. Wollte Scholz niemanden neben sich dulden, der vom Herrenmagazin „GQ“ einmal wegen seiner auf Taille geschnittenen Anzüge zum bestangezogenen Mann Deutschlands gekürt worden ist? Wenn es nicht Neid war, dann vielleicht eine Nachwirkung des Brioni-Schocks, in den Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder seine Arbeiterpartei einst versetzte.

Das war für die Partei, die sich traditionell über Maloche und Bergwerk definiert, dann wohl doch zu viel. Allerdings lag Schröder bei der Auswahl seines Schuhwerks goldrichtig, als er in Wahlkampfzeiten beim Elbe-Hochwasser Brioni gegen Gummistiefel eintauschte und damit sein Comeback im fast schon verloren geglaubten Wahlkampf 2002 einleitete.

Optisch unauffällig: Olaf Scholz, der neue Bundeskanzler.
Optisch unauffällig: Olaf Scholz, der neue Bundeskanzler. | Bild: Bernd Von Jutrczenka/dpa

Aus all dem scheint sein Nach-Nachfolger Olaf Scholz gelernt zu haben. Als er in der Wahlkampfzeit das Hochwassergebiet in der Eifel besuchte, ließ er den Anzug Anzug sein, griff zu Jeans – und Trekkingschuhen, um das Schröder-Zitat zu vermeiden, aber doch das Gleiche zu tun. Ansonsten konnte man spätestens in diesen Wahlkampfzeiten wahrnehmen, wie ernst es Scholz mit seinen Kanzlerambitionen meinte: Seine Anzüge saßen nun richtig gut, was meistens ein starkes Indiz dafür ist, dass auf Maß gearbeitet wird. Und Maßarbeit war ja auch, wie Olaf Scholz und seine SPD im September mit 1,6 Prozentpunkten Vorsprung vor der Union landeten.

Also mal hingeschaut, was „Mehr Fortschritt wagen“, das Credo der Ampel, für modische Innovationen bereithält. Schaut man den Kanzler an – erstaunlich wenig. Dunkle, vorwiegend blaue Anzüge, dazu im Regelfall weiße Hemden – die ja das Erkennungszeichen der Koalitionäre geworden sind. Dazu setzt Olaf Scholz seit seiner Amtseinführung konsequent auf Schlips – außer beim SPD-Parteitag, da blieb der oberste Knopf des weißen Hemds offen. Ansonsten zeigt sich Scholz auffällig unauffällig, also tadellos.

Gut angezogen: Christian Lindner (FDP) ist Bundesminister der Finanzen.
Gut angezogen: Christian Lindner (FDP) ist Bundesminister der Finanzen. | Bild: Michael Kappeler/dpa

Wie zum Beispiel auch Finanzminister Christian Lindner (FDP), der ein bisschen mehr Varianz bei den Anzugtönungen zulässt, es darf auch einmal ein wenig heller sein. Seit Amtseintritt greift er fast immer zum Schlips. Der Anschein, dass das Endspiel der Krawatte politisch bevorsteht, hat getrogen.

Auch wenn die grün-gelben Ampel-Vorverhandler mit ihrem Vierer-Selfie, in dem sie sich als übernächtigte Neufreunde in Szene setzten, erst einmal eine falsche Fährte legte: Dreitagebart und das offene Hemd sind nicht die neue Dienstkleidung der Minister geworden. So inszeniert man sich höchstens einmal. Olaf Scholz ließ sich bei einem Flug in die USA nur im Hemd, ohne Schlips und mit hochgekrempelten Ärmeln fotografieren – klar mit der Botschaft verbunden, dass jetzt angepackt wird.

Gern ohne Krawatte: Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen und neuer Wirtschafts- und Klimaschutzminister.
Gern ohne Krawatte: Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen und neuer Wirtschafts- und Klimaschutzminister. | Bild: Michael Kappeler/dpa

Der neue Wirtschaftsminister Robert Habeck bleibt sich weitgehend treu. Seine dunklen Sakkos sitzen leidlich, die Hosen auch, das Hemd, mal weiß, mal dunkel, wird offen getragen. Er macht deutlich, dass es ihm nicht um die Verpackung, die Oberfläche geht. Als er seine Ziele als Wirtschaftsminister und oberster Klimaschützer verkündete, trug er sogar Krawatte.

Die Fliege ist weg: Karl Lauterbach (SPD), der neue Gesundheitsminister.
Die Fliege ist weg: Karl Lauterbach (SPD), der neue Gesundheitsminister. | Bild: Kay Nietfeld/dpa

Eine Überraschung hielt zu Amtsbeginn der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bereit. Dieser Medienprofi, der sich über Jahrzehnte als Mann mit der Fliege ins Bildgedächtnis der Deutschen eingebrannt hat, taucht seit zwei Jahren nicht mehr mit seinem Alleinstellungsmerkmal auf. Dem „Kölner Stadtanzeiger“ erklärte er dazu: „Fliegen sind aus der Mode.“ Die Sammlung von über 100 Exemplaren: eingemottet. Seitdem bleibt sein Hemd offen, ob in Talkshows, im Parlament, in der Pressekonferenz mit RKI-Chef Lothar Wieler.

Da kam er noch mit Fliege: Karl Lauterbach vor dem Regierungswechsel bei der Debatte zur Organspende.
Da kam er noch mit Fliege: Karl Lauterbach vor dem Regierungswechsel bei der Debatte zur Organspende. | Bild: Ralf Hirschberger/dpa

Zum Blickfang der Ampel-Koalitionäre ist Annalena Baerbock geworden. Anders als Merkel, die sich mit ihren Blazern der modischen Möglichkeiten beraubt hat, führt die Grünen-Politikerin vor, was als Außenministerin alles möglich ist. Hier ein Rock zum Wickeln, dort einer plissiert. Am einen Tag ganz in Grün, dann ein Kleid in kräftigem Rot. Gleichzeitig hält sie Maß, indem sie auf Accessoires wie Gürtel oder Tuch verzichtet und sehr oft alles passend einfarbig anlegt. Das bringt Ruhe ins Erscheinungsbild und macht umso deutlicher, dass Männermode im Vergleich zu Damenmode ein ideenloser Trauerfall ist.

Farbtupfer: Claudia Roth von den Grünen kleidet sich bunt und farbenfroh.
Farbtupfer: Claudia Roth von den Grünen kleidet sich bunt und farbenfroh. | Bild: Britta Pedersen/dpa

In einer eigenen Liga spielt die Grüne Claudia Roth, ihres Zeichens Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die modisch immer in die Vollen geht, zu kräftigen Farben greift, Muster kombiniert und ausgefallene Kleider trägt, die man sofort wiedererkennt. Wobei das ein schmaler Grat ist, auf dem speziell die Frauen wandeln. Man erinnere sich an die Ex-FDP-Bundestagsabgeordnete Katja Suding, deren Beine am Ende eines FDP-Dreikönigstreffens das beherrschende Thema waren, weil ein Kameraschwenk die Frau im kurzen schwarzen Rock ausgiebig für die „Tagesschau“-Berichterstattung ins Bild nahm. Dann läuft man Gefahr, nicht mehr mit Worten öffentlich durchzudringen.