Campino, die Toten Hosen feiern 40-jähriges Bestehen – und Sie werden bald 60. Was davon ist unfassbarer?

40 Jahre Tote Hosen ist auf jeden Fall die verrücktere Leistung, weil dazu ein so lange funktionierendes Kollektiv gehört.

Dass ein Einzelner mal die 60 reißt, kommt häufiger vor, aber dass man in einer solchen Konstellation – wir hatten ja in all der Zeit nur am Schlagzeug Wechsel – so lange befreundet bleibt, wir uns also damals irgendwie intuitiv gewählt haben und so auch Schicksal füreinander waren: Das ist für mich ein echter Grund zur Dankbarkeit.

Haben Sie damals überhaupt von der Größe geträumt, die die Band inzwischen längst erreicht hat als eine der erfolgreichsten Deutschlands?

Auf gar keinen Fall. Nicht, weil wir das nicht gewagt hätten, sondern weil es einfach kein erklärtes Ziel war. Wir waren ja schon froh, im Ratinger Hof auftreten zu dürfen oder irgendwann mal in der Philipshalle in Düsseldorf.

Wir lebten völlig in unserer Punkwelt in den ersten Jahren, sind in besetzten Häusern aufgetreten, in irgendwelchen Kellern, da spielte alles andere gar keine Rolle.

Erst als wir plötzlich zum ersten Mal in den Charts waren, 1987 mit dem Album „Never Mind The Hosen, Here‘s Die Roten Rosen“, hat‘s bei uns geklickt. Vorher wären wir nie auf die Idee gekommen, dass wir überhaupt dort landen könnten.

Gab es dann nicht Momente, in denen Sie sich gefragt haben, ob das alles nun nicht zu groß geworden ist?

Die Frage wurde 1997 sehr konkret. Bei unserem 1000. Konzert im Düsseldorfer Rheinstadion kam ein Mädchen in der Menge zu Tode.

Dieser Abend hatte eine unglaubliche Tragik, es war fürchterlich, wir waren über Monate aufgewühlt und haben uns eben auch immer wieder gefragt: Ist unsere Art von Musik überhaupt kompatibel für so große Menschenmengen? Kann da eigentlich nicht ständig etwas passieren? Muss man das nicht runterkochen? Da waren wir echt mit unserem Latein am Ende und steckten in einer Sackgasse.

Und dann?

Die Fügung wollte es, dass ein Fax bei uns im Büro eintrudelte, in dem uns eine amerikanische Agentur zu einer Tour durch Australien, Neuseeland, Japan und Hawaii mit einer Art Skate-Musik-Festival eingeladen hat.

Es war ein Segen, am anderen Ende der Welt spielen, wieder auf die Bühne gehen zu können, ohne dass die Leute dort unsere Vorgeschichte kannten. Da gewöhnten wir uns nach und nach wieder an ein wildes Publikum. Es war ein Lernprozess.

Zurück in Deutschland aber sahen die Hallen bei unseren Konzerten dann aus wie bei einer Viehversteigerung, Zäune und Absperrungen überall. Wir hatten vom Ordnungsamt Sicherheitsauflagen, die eine sorglose Atmosphäre unmöglich machten.

Es dauerte mehrere Jahre, bis wir das alles weggesteckt hatten und es wieder zu einer echten Normalität kam. Ich hatte immer das Gefühl, einem großen Publikum sagen zu müssen: Leute, passt auf euch auch, helft euch gegenseitig hoch. Und dann stand in Zeitungskritiken: Die Toten Hosen, das war mal wild – heute weist der gute Onkel Campino alle darauf hin, sich bitte schön recht nett zu benehmen … Das hat wirklich wehgetan.

Campino, Sänger der Punkband „Die Toten Hosen“, beim offiziellen Start der Jubiläumstournee „Alles aus Liebe – ...
Campino, Sänger der Punkband „Die Toten Hosen“, beim offiziellen Start der Jubiläumstournee „Alles aus Liebe – 40 Jahre Die Toten Hosen“ auf der Bühne in Köln. | Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Tat es auch weh, als der Erfolg da war, immer wieder zu hören, die Hosen hätten sich dafür verkauft, seien längst Pop statt Punk? Auch bei der neuen Single, dem etwas schlagerhaften „Teufel“, heißt es das ja nun jetzt …

Wenn es schon eine unglaubliche Leistung ist, als Band 40 Jahre lang durchgehalten zu haben, wie sollen einem dann hunderttausende von Leuten 40 Jahre lang die Stange halten?

Es ist doch klar, dass wir für manche Menschen eben in bestimmten Phasen Soundtrack ihres Lebens waren – und dann entwickelt man sich halt in andere Richtungen und trennt sich voneinander. Doch daraus die Konsequenz zu ziehen, sich aufgrund der Resonanz anderer eine Erwartungshaltung vorzustellen und die dann bedienen zu wollen, wäre ein Schritt in die falsche Richtung.

Lieder, die vielleicht auch mal polarisieren, müssen für uns selbst einfach immer wieder sein. Wir haben ja von Anfang an geliebt, aus unserem eigenen Revier auszubrechen und in Nachbars Garten Äpfel zu klauen – schon 1983 mit „Hip Hop Bommi Bop“.

Dass darüber auch mal gestritten wird, ist doch eigentlich ein Riesenglück. Das Todesurteil wäre ja, wenn es den Leuten egal wäre. Insofern genießen wir das sogar.

Gibt es denn den 20-jährigen Campino noch, der vielleicht manchmal aus dem Spiegel zurückschaut und fragt, was das alles noch mit ihm zu tun hat?

Nur noch als Figur, die ich ab und zu auf alten Fotos entdecke. Und dann denke ich manchmal: Nicht zu fassen, dass das alles gut gegangen ist! Und die Klamotten: Was für ein Stuss das war!

Doch auch da spielt einem die Zeit eben einen Streich, denn man muss ja alles im Kontext sehen. Schon unser Name war ja eine Reaktion darauf, dass sich Anfang der 80er alle so cool genannt haben: Blut und Eisen, Daily Terror – alle machten auf hart und trugen Lederjacken.

Wir wollten in unserer Szene damals einen Bruch herstellen und steckten in Sachen aus dem Kiloladen, Zeug aus Synthetik, das stank und echt scheiße aussah. Wir wurden als Gang überall sofort erkannt. Und unsere Herangehensweise hatte auch den Vorteil, dass es keine Eifersucht gab, denn mit uns tauschen, das wollte wirklich keiner.

Und doch ist daraus etwas Politisches geworden …

Aber erst, als die erste Welle der Punkbands abebbte und auch viele verschwanden, die sich immer sehr politisch geäußert hatten. Da wurde ein Platz frei, von dem wir nicht wollten, dass er von irgendwelchen radikalen Skinheadbands besetzt würde.

So kam es, dass wir auch anfingen, kritische Songs mit politisch klar lesbaren Botschaften zu schreiben wie etwa „1000 gute Gründe“.

Sie selbst sind auch zu einer öffentlichen Figur geworden. Was einerseits ja bedeutet, politisch Stellung zu beziehen, andererseits aber auch die Gefahr bedeutet, auch mit seinem Privatleben in den Fokus zu rücken …

Ich muss mich wirklich nicht in der Öffentlichkeit präsentieren, um das Gefühl zu haben, dass man mich nicht vergessen hat. In Sachen Privatsphäre habe ich für mich eine ganz gute Linie gefunden.

Wenn ich etwa mal über meine Vaterschaft gesprochen habe, habe ich immer versucht, es möglichst allgemein zu halten – das Intime und damit Wesentliche hat nichts in der Presse zu suchen, ich habe es wirklich nicht nötig, damit Aufmerksamkeit zu erregen. Darum gibt es keine Homestorys von uns.

Aber das öffentliche Reden, Haltung zeigen, Ihre Meinung äußern – das scheint Ihnen doch Spaß zu machen.

Ehrlich gesagt macht mir das oft gar keinen Spaß, aber es gibt immer wieder Momente, in denen ich denke, ich muss es jetzt trotzdem tun. Denn wenn ich meinen Mund halten würde, würde es mir noch schlechter gehen, als wenn ich ihn jetzt aufmache. So war es damals zum Beispiel bei der Echo-Rede.

Als Sie die Nominierung der Rapper Farid Bang und Kollegah wegen deren mindestens Holocaust-verharmlosenden Reimen kritisiert haben – was letztlich für den Untergang des Echos überhaupt gesorgt hat …

Das war kein triumphaler Abend damals, und ich habe mich danach auch nicht besonders gut gefühlt. Tatsächlich hätte ich es viel besser gefunden, wenn jemand aus der Hip-Hop-Szene aufgestanden wäre und etwas dazu gesagt hätte, denn um die ging es ja und die vielen Möglichkeiten dort, wie Wörter zu Schwertern werden.

Dann wäre vielleicht auch offener darüber diskutiert worden. Weil dann aber doch wieder nur der alte Punkrocker aus Düsseldorf aufgestanden ist, hat es zu einer Wagenburgmentalität geführt. All das wollte ich eben nicht. Aber ich kenne mich und, wie gesagt: Ich wusste, dass es mir in den Tagen danach nur noch viel dreckiger gegangen wäre, wenn ich die Klappe gehalten hätte.

Aber das ist doch nicht immer so. Beim Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit wie in Chemnitz bei der Demonstration „Wir sind mehr“ wirkte das doch als überlegte Überzeugungstat.

Wir sind Musiker, die Instrumente sind unsere Werkzeuge – das können wir einbringen, wenn es darum geht, für die richtige Sache möglichst viele Leute auf die Straße zu bringen.

Aber über all die Jahre haben wir schon auch verstanden: Es gibt so viele Probleme auf der Welt, die einen alle berühren, aber wenn du dich überall einmischst, verlierst du immens an Schlagkraft. Dann wird dir sofort unterstellt, dass du dich nur profilieren willst.

Das ist natürlich eine perfide Art, um Argumente im Keim zu ersticken. Gerade deshalb ist es sinnvoll, sich auf die Themen zu konzentrieren, die für uns wirklich brennen. Klimakrise, Corona-Krise, Ukraine-Krieg – es ist unmöglich, sich überall einzubringen.

Fans beim Auftritt der Punkband „Die Toten Hosen“, beim offiziellen Start der Jubiläumstournee „Alles aus Liebe ...
Fans beim Auftritt der Punkband „Die Toten Hosen“, beim offiziellen Start der Jubiläumstournee „Alles aus Liebe – 40 Jahre Die Toten Hosen“ in Köln. | Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Aber in diesen Zeiten auf Tour zu gehen und Jubiläen groß zu feiern, ist auch kein Problem? Ein Trotzdem?

Man spürt überall, dass wir in völlig unsicheren Zeiten leben und alle Angst haben, es könnte etwa in der Ukraine weiter eskalieren. Auch Corona ist noch nicht überstanden. Wir haben zweieinhalb Jahre mit diesem Virus hinter uns, doch Experten befürchten für den Herbst eine neue Variante, die alles wieder verschärfen könnte.

Es wäre also Quatsch, dieses Gefühl der Verunsicherung zu ignorieren. Vielmehr sollten wir all diese Gefühle mit auf die Bühne nehmen, um dann Abend für Abend die richtigen Worte zu finden.

Es könnte auch sein, dass wir gerade deshalb einen besonderen Sommer erleben werden; dass wir alle, ganz egal, welche Veranstaltung man besucht, spüren, wie fragil es ist, solche Momente erleben zu können, und wie kostbar unsere Freiheit ist.

Über viele Jahrzehnte haben wir das alles als selbstverständlich genommen – jetzt wird uns mal wieder bewusst, dass es das eben nicht ist. Wenn wir uns dessen gewahr sind, können wir bei solchen gemeinsamen Feiern Kraft schöpfen, um die nächsten Monate positiv anzugehen.

Und darüber hinaus? Wie ist, auch als Vater, Ihr Blick auf eine Zukunft, in der das Leben mit bröckelndem Wohlstand und prekärerem Klima ein ziemlich anderes werden könnte?

Zuversicht ist da das entscheidende Wort. Die sollte man sich nicht nehmen lassen, ganz egal, wie die Situation aussieht. Es bricht einem das Herz, zu überlegen, wie viel Geld jetzt wieder in Aufrüstung gesteckt wird – es werden Waffen gekauft ohne Ende, von denen jeder hofft, dass sie nie zum Einsatz kommen.

Und jeder Cent davon würde für den sozialen Bereich, in Kitas, der Pflege, aber auch den Kampf gegen den Klimawandel wirklich gebraucht. Das ist eine Tragödie. Aber was unsere Kinder angeht: Wir müssen ihnen vermitteln, mit Zuversicht in die Welt und die Zukunft zu gehen und sie auf ihrem Weg ermutigen.

Ich glaube fest daran, dass die Zeiten wieder besser werden. In Krisen steckt jedenfalls immer auch eine Chance, sich zu besinnen, was uns wirklich wichtig ist. Um dann bewusster und mit klarem Blick voranzugehen.

Wie sieht es denn mit Ihrer eigenen Zukunft aus? Man könnte ja sagen: Die Werkschau der Toten Hosen, die nun zum Jubiläum veröffentlicht wird, und dann die große Stadiontournee – das wäre auch ein krönender Abschluss …

Ich freue mich erst mal, wenn wir es bis Oktober schaffen, die Tournee ohne größere Schäden über die Bühne zu bringen.

Was könnte passieren?

Nun ja, neben den großen Zuschauermengen und den üblichen Gefahren für die Gesundheit älterer Männer auf einer solchen Tour sind wir bei aller Vorfreude schon auf Vorsicht eingestellt.

Denn wenn einer von uns positiv auf Covid getestet wird, müssen wir uns ja isolieren und dürfen nicht auf die Bühne – und mit einem gefährdeten Konzert oder sogar mehreren stehen gleich Hunderttausende von Euros auf dem Spiel.

Und dann im Oktober?

Wird erst mal bilanziert. Und von da aus geht‘s dann irgendwie weiter. Wir haben ja alle das Privileg, dass es in der Musik nur gefühlte Erfolge und Niederlagen gibt – man kann selber entscheiden, wann man aufhört. Im Leistungssport etwa kommt irgendjemand daher und sagt: Du bist jetzt 30, es gibt einen Vertrag nur noch von Saison zu Saison.

In unserem letzten Gespräch vor zweieinhalb Jahren haben Sie mit einem Bild aus dem Fußball gesagt, die Band sei jetzt in Minute 82 des Spiels. Das hieße doch jetzt …

Ja, klar. Aber ich will jetzt auch nicht spekulieren, dass wir nächstes Jahr aufhören könnten. Das gibt dann gleich wieder irgendwelche Schlagzeilen, die ich so nicht gemeint habe. Aber eins ist sicher: Ich sehe mich in zehn Jahren nicht mehr in einer Situation wie dieser hier. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.

Und was macht Campino dann mit 70, statt 50 Jahre Tote Hosen zu feiern? Was können Sie sich da vorstellen? Vielleicht noch ein Buch schreiben wie Ihr sehr autobiografisch gefärbtes Fußballfan-Buch „Hope Street“?

Ich werde es weiterhin so nehmen, wie ich es bisher gehalten habe: Ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Ein Buch wäre natürlich noch mal schön – mit dem Titel: „Dreimal hintereinander das Quadrupel – warum der Liverpool FC nicht von dieser Welt ist“.

Und der 60. Geburtstag macht wirklich nichts mit Ihnen? Wo Sie doch so alterslos energiegeladen wirken …

Diese Schwelle kündigt sich nun ja doch schon seit ein paar Jahren an. Wenn Sie wüssten, wie ich mich manchmal morgens fühle – das geht eher Richtung 80.

Andererseits hat mich erst kürzlich eine ältere Frau in der Heimat angesprochen, sie kenne mich aus der Grundschulzeit. Ich habe zunächst gedacht, sie müsse die Mutter eines damaligen Klassenkameraden sein – bis sie sagte, wir seien doch zusammen in eine Klasse gegangen! (lacht)

Aber was soll‘s. Wer schon mal einen frisch verliebten 80-Jährigen erlebt hat, der morgens vor dem Wecker hellwach ist, weil er darauf brennt, seine Liebste zu sehen, weiß, wie relativ diese Zahl ist. Die Liebe zum Leben kann uns innerlich wach halten – darum geht es doch. Mit dem Alter hat das nichts zu tun.