Neue Aussichten im neuen Jahr – das wäre schon was. Zu lange schon starrt man auf die immer gleichen vier Wände. Jetzt muss was Neues her. Tapetenwechsel also.

Doch woher kommt der Drang zum Tapetenwechsel – sinnbildlich für die Veränderung der Zuhauses? Doktor Barbara Perfahl kann das genau erklären. Die 49-jährige Psychologin hat sich – unter anderem durch ein Architekturstudium – auf Inneneinrichtung spezialisiert. Sie ist also Wohnpsychologin.

Jeder mag es anders

„Der Tapetenwechsel verschafft uns ein gutes Gefühl“, sagt Perfahl, sympathisch österreichischer Tonfall, am Telefon. Der Mensch eigne sich seine Umwelt an. Wir fühlen uns am wohlsten, wenn wir Räume nach unseren Vorstellungen gestaltet haben.

Die eine mag es knallig-bunt mit viel Deko, der andere bevorzugt den minimalistisch-skandinavischen Look. Wohnen diese beiden Personen zusammen, muss ein Kompromiss her. Zeig mir deine Tapete und ich sag dir, wer du bist, klappt also nicht, sagt Perfahl.

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Nicht immer braucht es für einen Tapetenwechsel einen wirklichen Auslöser. Man unterscheide zwischen dem Bauer-Typ, der seine Wohnung einräumt und dann für 30 Jahre alles so lässt, und dem Veränderungstyp, der in seiner Wohnung keinen Stillstand mag und deshalb immer wieder neu gestaltet, sagt die Wohnpsychologin.

Ganz klar von der zweiten Sorte ist die Augsburgerin Sandra Ley. Ihr Wohnatelier wird jeweils passend zur Jahreszeit umgestaltet. Die 52-Jährige ist studierte Textildesignerin. Zum Treffen in einem Café hat sie ein paar Kataloge mitgebracht, die sie auf dem Tisch ausbreitet und ihre Designs zeigt.

Schwer in Mode: Urban Jungle

Auffällig sind dunkle Farben, von denen sich Blätter, Blumen und exotische Tiere abheben. Urban Jungle nenne sich dieser Trend. Er passt zu Leys Stil: Sie zeichne am liebsten florale Motive. Die kommen nicht nur ins Bett, sondern seit wenigen Jahren auch an die Wand. Genauer gesagt: auf Tapetenbilder. „Das ist ein Eyecatcher, ein Hingucker, es dominiert den ganzen Raum“, schwärmt Ley mit einer Tasse Cappuccino in der Hand.

Die Tapetenbilder, die Ley zusammen mit zwei Kolleginnen designt und über den Online-Shop „Wandgeflüster“ verkauft, sind zwischen 80 Zentimeter und 2,20 Meter breit; sie gehen vom Boden bis zur Decke oder haben das Format eines großen Bildes. Viele Exemplare seien auch Maßanfertigungen. „Wenn man heute tapeziert, tapeziert man oft nur EINE Wand“, erklärt Ley.

Früher waren Tapeten meist zurückhaltender – Ausnahmen sind auf Bildern aus den 1970er-Jahren überliefert – und zweckmäßig: Sie sollten Wände verkleiden. Die Designerin spricht von Tapetenbildern, die ja nicht von Möbeln verdeckt werden sollen, neue Begriffe wie „Wall-Art“ und „Interior Design“ schwirren durch den Raum. Diese Bahnen sind zu mehr bestimmt, als nur eben schnell lieblos an die Wand geklatscht zu werden.

Das Comeback der Tapete zeigt sich auch anhand der mittlerweile bahnenlangen Liste der Anbieter – neben bekannten Unternehmen wie der Aktiengesellschaft A.S. Création stehen darauf auch Namen von Designern, die doch eher überraschen: Guido Maria Kretschmer, Harald Glööckler und Dieter Bohlen.

In der Kollektion „Studio Line“ des Pop-Titanen gibt es etwa eine schwarze Tapete mit dunkelgrauen Schnörkeln und etwas Glitzer, seine bereits dritte Kollektion „Spotlight“ hat unter anderem eine einfarbige Strukturtapete in dunklem Lila im Angebot. „Auffallend anders“, so werden seine Tapeten beworben: „eine moderne Interpretation aus Naturthemen, Mustern aus den großen Zeiten des Art Décos und klassischen Ornamenten!“

Jahrelang ging es in der Tapetenbranche bergab. Der Tiefpunkt war 2019 erreicht, als laut Deutschem Tapeteninstitut nur 247 Millionen Euro erwirtschaftet wurden – 2017 waren es noch 288 Millionen. Der Abwärtstrend wurde damit erklärt, dass die Leute raus wollen, ihr Geld lieber ausgeben für Freizeitaktivitäten und Reisen. Doch dann kam die Corona-Pandemie und veranlasste eine Kehrtwende. Im Inland stiegen die Erlöse 2020 um zwölf Prozent. In den ersten neun Monaten dieses Jahres zeigt die Umsatz-Analyse von A. S. Création insgesamt gestiegene Nachfrage nach Tapeten.

Das Wohnen im Mittelpunkt

Wohnpsychologin Barbara Perfahl wundern die Zahlen natürlich nicht. „Der Fokus aufs Wohnen ist gestiegen“, sagt die 49-Jährige. Durch Kontaktbeschränkungen, Lockdowns und Quarantäne sei das Zuhause wieder deutlich in den Mittelpunkt gerückt. Die vier Wände sollten plötzlich gleichzeitig Büro, Klassenzimmer und Fitnessstudio werden.

Perfahl kann dem Ganzen etwas Positives abgewinnen. Ihre Klientinnen und Klienten kontaktieren sie, weil sie mit ihrem Heim unzufrieden sind. Die Wohnpsychologin findet in Gesprächen heraus, wer eingerichtet hat, warum die Möbel so stehen und welche Bedürfnisse die Familie hat. Dann beginnt das gemeinsame Möbelrücken.

Eine neue Tapete ist nicht gerade eine kleine Veränderung, müsste man meinen. „Viele Tapetenbilder sind schon dominant, das muss man bedenken“, gibt Designerin Ley zu. Doch ihre Exemplare sind selbstklebend und schnell aufgehängt. „So ist innerhalb von zehn Minuten ein Tapetenwechsel möglich.“

Aus ihrer Erfahrung bei Tapeten-Messen berichtet Sandra Ley, dass es beim Material keine Grenzen gibt. Sie erinnert sich an ein Modell mit Fell und eingearbeiteten Metallteilen. Sie habe auch schon sehr teure Tapeten gesehen, bei denen Edelsteine eingesetzt waren. Unerreicht bleibt jedoch das sagenumwobene Bernsteinzimmer, das als die teuerste Tapete der Welt gilt. Der preußische König Friedrich gab es 1701 in Auftrag. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs gilt es als verschollen.

Im Deutschen Tapetenmuseum in Kassel lernt man, wie Engländer einst einzelne Papierbogen zu Tapeten zusammenklebten. 23.000 Objekte dokumentieren laut Homepage die Entwicklung der vergangenen 500 Jahre. Prunkstücke des Museums sind Goldlederarbeiten aus der Renaissance, Flock- und Leinwandtapeten aus dem 18. Jahrhundert sowie handgedruckte französische Panoramatapeten.