Herr Kowalsky, Sie haben bei sich daheim ein „Handy-Hotel“ eingerichtet. Was ist das?

Das ist ein kleines Häuschen im schwedischen Stil, in dem meine Frau und ich abends und am Wochenende unsere Smartphones deponieren, weil es aus unserer Sicht nicht reicht, die Geräte leise zu stellen. Sie müssen aus den Augen sein, um auch aus dem Sinn zu sein, damit wir gar nicht erst in Versuchung kommen, unsere Mails zu checken oder eine WhatsApp-Nachricht zu verschicken.

Jan Kowalsky findet die Digitalisierung gut. Nur nicht immer.
Jan Kowalsky findet die Digitalisierung gut. Nur nicht immer. | Bild: Tom Kamlah

Der Charme Ihres Buches liegt in der Schilderung vieler persönlicher Erlebnisse, wobei Ihre Frau oftmals eine entscheidende Rolle spielt. Ist sie tatsächlich ein „Early Adopter“ (jemand, der sich früh anpasst, d. Red.) und voller Begeisterung für neue Technologien?

Als Gegenentwurf zum Ewiggestrigen wäre sie wohl eine Ewigmorgige. Early Adopter ist vielleicht übertrieben, aber das muss man heutzutage ja auch gar nicht mehr sein, weil sich viele Technologien beinahe ganz von selbst in den Alltag schleichen. Die Rollenverteilung bei uns ist allerdings klar: Während ich eher ein Skeptiker bin, ist sie mutig und anpackend, deshalb traut sie sich auch in technischer Hinsicht mehr zu. Während ich noch die AGBs lese, hat sie bereits Flugreise, Auto und Hotel gebucht, die Wetter-App gecheckt und den besten Strand rausgesucht.

Nur noch eine Marionette? Jan Kowalskys Karikaturen bringen die Probleme der Digitalisierung lustig auf den Punkt.
Nur noch eine Marionette? Jan Kowalskys Karikaturen bringen die Probleme der Digitalisierung lustig auf den Punkt. | Bild: Jan Kowalsky

Den meisten Menschen, die vor 2000 geboren worden sind, geht es ähnlich wie Ihnen. Wie soll das funktionieren, wenn der Alltag immer digitaler wird? Aus Sicht des Computers sind doch wir der „schwere Ausnahmefehler“.

Ich sehe ein ganz anderes Problem. Meiner Ansicht nach ist das Versprechen der Digitalisierung ein Widerspruch in sich: Wir sind mit der Welt vernetzt und haben Tausende von Kontakten, sind aber gleichzeitig viel isolierter als früher. Die Menschen laufen nur noch mit gesenktem Kopf durch die Gegend, weil sie alle auf ihr Smartphone schauen. In China sind deshalb die Fußgängerampeln jetzt schon in den Boden eingelassen.

Also sind Sie nicht bloß Skeptiker, sondern auch ein Gegner der Digitalisierung?

Keineswegs. Die Digitalisierung ist ja nicht schlecht, sie ist im Gegenteil vielleicht sogar ein bisschen zu gut. Deshalb wollen alle immer mehr davon. Das Internet macht einen zu einer besseren Version seiner Selbst, bis man merkt, dass man wieder mal die Pause vergessen hat. Erholung wird zu einem Häkchen auf der virtuellen „To-do“-Liste, weshalb wir immer schlapper, gereizter und unkonzentrierter werden. Während wir darauf achten, dass unser Smartphone-Akku immer voll ist, saugen wir unsere eigenen Batterien leer.

Und jetzt sind wir zu viert: Im Netz ist nichts mehr privat.
Und jetzt sind wir zu viert: Im Netz ist nichts mehr privat. | Bild: Jan Kowalsky

Daher das Handy-Hotel?

Ja, denn ohne aktive Gegenarbeit funktioniert es nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste dem Smartphone meine Frau ausspannen, damit sie mehr Zeit mit mir als mit dem Gerät verbringt. Das Internet ist einfach ein Zeitfresser. Deshalb muss man sich immer wieder hinterfragen: Herz oder Handy? Die Generationen gehen übrigens ganz unterschiedlich mit den Geräten um. Ältere betrachten es eher als Werkzeug, Jüngere neigen dazu, eine emotionale Beziehung zu ihrem Smartphone zu entwickeln, und wenn Emotionen ins Spiel kommen, werden die Dinge erfahrungsgemäß nicht einfacher.

Eine der ungewöhnlichsten Figuren Ihres Buchs ist ein guter Freund, der den Amazon-Sprachassistenten Alexa so konfiguriert hat, dass er seiner Jugendliebe entspricht. Ist das tatsächlich möglich?

Nein, derzeit zum Glück noch nicht. Aber es gibt in unserem Freundes- und Bekanntenkreis überraschend viele, die Alexa oder andere Smartspeaker wie ein Familienmitglied behandeln. Eine „echte“ Beziehung wäre also denkbar. Bei Stromausfall müsste der romantische Plausch bei Kerzenschein allerdings ausfallen. Beim Online-Dating gibt es übrigens einen Doppelgängermodus: Ich stehe auf diesen oder jenen Star und suche einen Partner oder eine Partnerin, die genauso aussieht.

Was schreckt Sie so an der Vorstellung, ein Sprachsystem einem bestimmten Vorbild nachzuempfinden?

Weil man dann in der ultimativen Filterblase landet, denn Technik kennt naturgemäß keine eigenen Bedürfnisse. Im Grunde redet der Smartspeaker seinem Besitzer ständig nach dem Mund. Eine Beziehung ohne Ecken und Kanten wäre eine gefährliche Einbahnstraße. In meiner Ehe empfinde ich gerade die Unterschiede als große Bereicherung, weil sie meinen Horizont erweitern.

Gegenentwurf zu Ihrem skeptischen Alter Ego im Buch ist ein anderer Freund, der sich ein Smarthome eingerichtet hat. Ist es nicht praktisch, wenn der Kühlschrank dem Lieferservice mitteilt, dass keine Milch mehr da ist?

Wo soll das enden? Sagt der Kühlschrank als Nächstes zur Heizung „Mir ist kalt“, und die sorgt dafür, dass es in der Küche wärmer wird? Natürlich klingt das erst mal praktisch, aber wenn immer mehr Bereiche unseres Lebens von smarten Geräten übernommen werden, veröden unsere sozialen Beziehungen.

Sie vergleichen soziale Netzwerke wie Instagram und Facebook mit Fast Food: Beides mache auf Dauer krank und unglücklich. Ist das wirklich so?

Dazu gibt es diverse Studien: Wenn alle anderen anscheinend immer schöner, reicher und talentierter wirken als man selbst, kann das auf Dauer Depressionen schüren. Es ist die Dosis, die das Gift macht. Die meisten Menschen gehen ja auch nicht jeden Tag zum Schnellimbiss.

Die Nutzerinnen und Nutzer selbst sehen das vermutlich ganz anders.

Das ist das „Wohlfühl-Paradoxon“: Der menschliche Organismus ist darauf geeicht, in guten Zeiten so viele Reserven wie möglich anzulegen, um in schlechten Zeiten davon zehren zu können. Das Gleiche gilt für unsere Sucht nach Informationen: Wir sind zwar überzeugt, dass wir uns immer wohler fühlen, je mehr wir davon aufnehmen, aber das Gegenteil ist der Fall.

Sie zitieren in Ihrem Buch den Leiter eines fiktiven Instituts für Künstliche Intelligenz, der bedauert, dass die Menschheit das fortschrittlichste Kommunikationsmedium aller Zeiten für Witzevideos verschwende. YouTube-Fans würden womöglich fragen: „Wofür denn sonst?“

Es ist ja überhaupt nichts dagegen zu sagen, sich hin und wieder mal ein lustiges Katzenvideo anzuschauen. Aber wenn alle ihre Zeit etwas weniger an Katzenvideos verschwenden und dafür ein bisschen mehr die Welt retten würden, hätten wir alle mehr davon.

Das Buch: Jan Kowalsky, Als Schisser durchs Netz. Eine Berg- und Digitalfahrt der Gefühle. Goldmann, 14 Euro.
Das Buch: Jan Kowalsky, Als Schisser durchs Netz. Eine Berg- und Digitalfahrt der Gefühle. Goldmann, 14 Euro. | Bild: Goldmann Verlag