Am 2. Dezember vergangenen Jahres segelte die „Pelican of London“ mitten im endlosen blauen Nichts des Atlantischen Ozeans. Die schwimmende Schule mit 30 Jugendlichen an Bord, darunter auch Schüler aus der Region, befand sich irgendwo zwischen den Kapverdischen Inseln (1500 Kilometer in östlicher Richtung entfernt) und der Karibik (über 2000 Kilometer in westlicher Richtung entfernt). Viel weiter weg von der Zivilisation kommt man auf den Weltmeeren kaum.

Auf Bermuda schauten die Jugendlichen genau hin und fanden auch an einem scheinbar sauberen Strand allerlei Müll. Dazu gehörten auch viele Kleinteile.
Auf Bermuda schauten die Jugendlichen genau hin und fanden auch an einem scheinbar sauberen Strand allerlei Müll. Dazu gehörten auch viele Kleinteile. | Bild: Ocean College

Wie jeden Tag auf ihrer sechsmonatigen Reise quer über den Ozean nahmen die Schüler auch hier eine Probe des Meerswassers – und wie jeden Tag war das Ergebnis erschütternd: Selbst hier, im Niemandsland des Globus, schwimmt Mikroplastik im Wasser. Bis heute, nach tausenden Kilometern Fahrt, gab es keine einzige Probe der „Pelican of London“, die frei von Kunststoffen war.

Das Segelschiff ist Teil des Schulprojekts „Ocean College“. Die 30 Schüler stammen aus zehnten Klassen in ganz Deutschland, darunter sind auch die Konstanzerin Helena Zantl und Nele Haarmann, die in Donaueschingen zur Schule geht. In sechs Monaten segeln sie und ihre Mitschüler von Dublin aus quer über den Atlantik in die Karibik und wieder zurück. Im Oktober ging es los, derzeit ist das Schiff auf dem Rückweg und nimmt Kurs auf die Azoren.

Die Schüler nehmen Meerwasserproben und untersuchen sie direkt auf dem Schiff. Traurige Gemeinsamkeit jeder Probe: Mikroplastik war immer zu finden.
Die Schüler nehmen Meerwasserproben und untersuchen sie direkt auf dem Schiff. Traurige Gemeinsamkeit jeder Probe: Mikroplastik war immer zu finden. | Bild: Ocean College

"Mikroplastik ist ein nicht mehr zu ignorierendes Problem, das vor allem in unseren Ozeanen immer größeren Schaden anrichtet", sagt Lizzy Draudt, eine der Schülerinnen auf dem Boot. Deswegen beschäftigten sie sich auf ihrer reise besonders mit diesem Thema. Zusammen mit dem Mikroplastik-Experten Rüdiger Stöhr vom Verein One Earth One Ocean lernen die Teilnehmer wissenschaftliches Arbeiten kennen und setzen dies praktisch um. "Wir nehmen täglich Meerwasserproben analyisieren sie auf ihren Mikroplastikgehalt", so Draudt.

Das könnte Sie auch interessieren

Täglich werden 20 Liter Wasser mit einem Eimer aus dem Ozean geschöpft und durch ein sehr feines Sieb gefiltert. Hier sammeln sich alle Partikel, die im Wasser treiben. Anschließend folgt ein weiterer Filtrationsdurchlauf durch einen noch feineren Glasfaserfilter. Dieser und die Rückstände darauf werden dann getrocknet und aufbewahrt. "Schon hier kann man mit dem bloßen Auge oft kleine farbige Partikel ausmachen, welche sich dann in der Analyse als Mikroplastik erweisen", sagt der 18-jährige Marcel Heidebrecht, der ebenfalls auf dem Schulschiff mitfährt. Später könne mit einem speziellem Analysegerät, einem sogenannten FTIR-Spektrometer, die Plastikart untersucht werden.

Nele Haarmann, die in Donaueschingen zur Schule geht, ist mit an Bord.
Nele Haarmann, die in Donaueschingen zur Schule geht, ist mit an Bord. | Bild: Simon, Guy

Die Funktion und Anwendung dieses Geräts lernten die Schüler in der Zeit, in der Plastikexperte Stöhr an Bord war. Eine ganze Atlantiküberquerung lang bearbeitete eine Gruppe Schüler das Thema Plastik im Meer und untersuchten einige Proben mit dem Spektrometer. "Die restlichen Filter analysierte Dr. Stöhr zuhause in Kiel und ließ uns die Ergebnisse zukomme", so Lizzy Draudt. Die Resultate bezeichnet sie als "erschreckend, aber leider auch erwartungsgemäß" : In jeder untersuchten Proben hätten sich Mikroplastik befunden und darüber hinaus häufig auch sogennante Additive, wie Weichmacher oder Flammschutzmittel.

Besonders auffällig war für die Schüler die Menge von Polyester und Polyethylen. Insgesamt machen sie mehr als 43 Prozent der Funde im Meerwasser aus. Nylon macht einen weiteren großen Anteil aus. Neben diesen sehr bekannten und häufig verwendeten Plastikarten konnten die Schüler aber auch noch viele weitere Kunststoffe in ihren Proben nachweisen.

Auch sehr große Gegenstände wie ganze Plastikboxen oder Netze fanden die Schüler auf Bermuda.
Auch sehr große Gegenstände wie ganze Plastikboxen oder Netze fanden die Schüler auf Bermuda. | Bild: Ocean College

Dieses Ergebnis ergebe durchaus Sinn, so Marcel Heidebrecht. Laut dem Max-Planck-Instituts sei Polyethylen ein sehr vielseitiger Kunststoff, dessen Eigenschaften mit der Länge der Molekülketten extrem variieren können. Deswegen werden allein von diesem Kunststoff hundert Millionen Tonnen pro Jahr produziert. Man finde diese Materialien in einer Vielzahl von Produkten, sagt Heidebrecht: "Von Verpackungen für Lebensmittel, über Handyhüllen bis hin zu den meisten Kleidungsstücken kommen sie überall in unserem alltäglichen Leben vor", sagt er.

Plastik an Traumstränden

Doch nicht nur im Meer, sondern auch an den Stränden des Atlantiks, machten die Schüler beunruhigende Entdeckungen. Etwa auf den Bermuda-Inseln – also dort, wo man weiße Traumstrände und kristallblaues Meer erwartet. Doch die Wahrheit sieht anders aus. "Auf Bermuda haben wir uns auch mit Plastik an Land beschäftigt und ein sogenanntes Beachcleanup gemacht", erklärt Lizzy Draudt.

Auch die Konstanzerin Helena Zantl reist und lernt auf der "Pelican of London".
Auch die Konstanzerin Helena Zantl reist und lernt auf der "Pelican of London". | Bild: Ocean College

Gerade einmal 30 Minuten sammelten die Schüler Müll am Strand, doch das reichte: "Wir waren schockiert, wieviel Makro- und Mikroplastik wir in dieser kurzen Zeit an einem auf den ersten Blick sauberen Strand fanden", ergänzt Heidebrecht. Reste von Fischernetzen, große Plastikboxen, kleineren Müll – all das sammelten die Schüler ein, bevor es früher oder später von der Brandung ins Meer geschwemmt worden wäre.

Das könnte Sie auch interessieren

Während sich diese Verschmutzung des Meeres noch recht gut verhindern lässt, sehen die Schüler bei anderen Stoffen Problemen: "Kleine Gummipartikel, welche sich durch Reibung von Autoreifen lösen, werden von Wind und Regen an die Küsten gespült. Und beim Waschen von Kleidung lösen sich feine Fasern aus dem Stoff, welche dann durch das Abwasser ins Meer gelangen. Das Problem ist allgegenwärtig und schwer zu vermeiden", bilanziert Heidebrecht. "Problematisch ist ebenfalls, dass diese Stoffe nicht biologisch abbaubar sind und daher für eine sehr lange Zeit noch das Ökosystem stören werden", ergänzt Draudt. Sie setzt auch wenig Hoffnung in mögliche technische Lösungen des Problems: "Wir können den Prozess des Abbaus durch moderne Technologien kaum beschleunigen, da das Mikroplastik in viel zu großer Zahl und zu weit verteilt in den Meeren vorkommt."

Radikale Forderung

Zwar kannten die Schüler das Problem der Plastikverschmutzung schon davor. "Doch auf unserer Reise über den Atlantik ist uns dieses Problem erst richtig bewusst geworden", sagt Draudt. Es sei etwas anderes, das Ausmaß davon in der Realität zu sehen: Auf der einen Seite das Mikroplastik, das sie in jeder ihrer Wasserproben fanden; auf der anderen Seite das Makroplastik. Auf dem Wasser sahen sie vieles treiben: Ein schwimmendes aufblasbares Planschbecken, verirrte Fischerbojen oder Verpackungsmaterialien, die sich in Seetangteppichen verfangen hatte.

Das könnte Sie auch interessieren

Für die Schüler gibt es nur eine Lösung des Problems: "Wir alle müssen unseren Plastikkonsum radikal einschränken, damit das Problem erst gar nicht auftritt", fordert Heidebrecht. So könne jeder bei Kleidung, Verpackung und Pflegemitteln auf Plastik verzichten – und damit seinen Beitrag leisten, dass der ohnehin schon belastete Atlantik nicht noch mehr zum Plastiksammelbecken wird.

Das könnte Sie auch interessieren