Zwischen Schwäbischer Alb und Donau hat schon manches Käpsele das Laufen gelernt. Wo viele Steine die Äcker zudecken, müssen sich die Menschen etwas anderes ausdenken. Karl Lehmann gehört zu den Talenten, deren Weizen in der Studierstube blühte. Mit ungeheurem Fleiß und einem sprichwörtlichen Gedächtnis wurde er zur wichtigsten Stimme der deutschen Katholiken. Er war weit über die Grenzen seiner Kirche hinweg anerkannt. Was er sagte, hatte Hand und Fuß, da er sich zuvor bereits mit der Materie beschäftigt hatte. Das unterscheidet ihn von vielen Schnellsprechern.

Der Kardinal war ein Denker. Seine Schachtelsätze bezeugen, dass er mit der Wahrheit und ihrem Geschwister, dem Zweifel, rang. Mit werbetauglichen Sprüchen gab er sich nicht ab. Er widersprach dem Papst, ohne mit Rom zu brechen. In diesem Punkt war Karl Lehmann katholisch bis in die Haarspitzen: Den Gesprächsfaden gilt es zu halten. Er wollte in der Gemeinschaft bleiben, nicht außerhalb. Das ist sein Erbe.