Wer heute noch Kinder, die „Schabernack“ treiben, als „Schlingel“ beschimpft und dazu empört „Sapperlot“ ausruft: Der ist entweder älter als Achtzig – oder aber ein Liebhaber vergessener Wörter. Es mag dem Reiz der Nostalgie geschuldet sein, wenn uns der allmählich eintretende Tod solcher Begriffe schmerzt. Sprache ändert sich nun mal. Was gestern noch ein „Schabernack“ war, ist heute schon auf YouTube nur noch als „Prank“ zu finden.

Umso wichtiger, die schönsten Exemplare dieser Art noch einmal ausführlich zu würdigen. Die Autorin Katharina Mahrenholtz erfüllt diese Aufgabe in einem Buch, das nun – wo auch sonst? – im Duden-Verlag erschienen ist. So manches Wort gibt dabei spannende Einblicke in unsere Geschichte.

  • Stelldichein: Ohne die französische Revolution hätte es dieses Wort nie gegeben. Bis dahin nämlich sind französische Formulierungen der letzte Schrei gewesen, insbesondere, wenn es um die Liebe ging. So war stets vom „Rendezvous“ die Rede, wenn Liebespaare sich zum – nun ja: Stelldichein – verabredeten. Weil sich nach dem Fall der Bastille die deutsch-französischen Beziehungen deutlich verschlechterten, war bald Ersatz gefragt. Der Pädagoge und Sprachforscher Joachim Heinrich Campe ging die Sache pragmatisch an: „Rendezvous“ heißt „Stellt euch ein“. Und weil es in Deutschland schon immer ein wenig direkter zuging als im feinen Frankreich, machte er aus „euch“ ein „dich“.
  • Frauenzimmer: In Zeiten von MeToo gilt so ein Wort als völlig undenkbar. Mit Frauenzimmer war aber ursprünglich nichts weiter gemeint als das Zimmer der adeligen Hausherrin inklusive ihres Hofstaates – also auch der angestellten Männer. Solche Gemächer waren für sie oft der einzige Freiraum in einem ansonsten vom höfischen Zeremoniell bestimmten Alltag. Ein Hort der Autonomie also statt ein Symbol der Unterdrückung. Dass Frauen selbst mit dem Wort „Frauenzimmer“ bedacht werden, war eine Mode des 17. Jahrhunderts. Wer auch immer auf diese Idee gekommen ist: Despektierlich war sie zunächst nicht gemeint. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert. Doch das lag wohl weniger am Wort, als an Männern, die mit selbstbewussten Frauen nicht zurechtkamen.
  • hold: Im Mittelalter war Treue noch ein hohes Gut. „Hold“ bedeutete, dass ein Mensch dem anderen bedingungslos folgt. Gemeint war damit zunächst das Verhältnis eines Dieners zu seinem Herrn. Später galt es auch für Ritterfräulein. Weil man sich bei diesen der bedingungslosen Folgschaft allerdings nicht sicher sein konnte, stand „hold“ bald nur noch für eine vage Zuneigung. Heute ist die Treue kein so hohes Gut mehr. Hold ist uns allenfalls noch das Glück. Und auch das beschreibt oft mehr einen Wunsch als die Wirklichkeit.
  • kreißen: Warum heißt ein Kreißsaal Kreißsaal? Na klar: Weil darin so viele Frauen „kreischen“. Das ist doch Quatsch? Aber ganz und gar nicht! Tatsächlich geht dieses Wort auf eine mittelhochdeutsche Bezeichnung für „gellend schreien“ zurück. Seit dem 17. Jahrhundert war dieses Wort in Gebrauch und galt auch dann, wenn eine Frau gar nicht schreien musste. Wahrscheinlich, weil die Gleichsetzung von Geburt mit Geschrei ein wenig zynisch wirkt, ist man im 20. Jahrhundert davon abgekommen. Dabei sind die neuen Begriffe keineswegs besser: „In den Wehen liegen“ zum Beispiel, kritisiert Buchautorin Mahrenholtz zu Recht, klinge doch arg „nach Wellnesskur“.
  • Pappenstiel: Dieses Ding gibt es heute nur noch in seiner Verneinung. Dann heißt es, etwas sei „kein Pappenstiel“. Gemeint ist dann, dass es sich dabei um keine Kleinigkeit handele. Korrekt müsste es eigentlich „Pappenblumenstiel“ heißen. Denn die Pappenblume – heute: Löwenzahn – war gemeint, als dieses Wort im 16. Jahrhundert aufkam. Hat sich ein Löwenzahn erst in eine Pusteblume verwandelt, konnten Kinder die Samen in den Wind pusten. Waren alle fort, blieb nur der nutzlose „Pappenstiel“ übrig. Mit einer Leerstelle, die aussah wie der kahl geschorene Schädel eines Mönchs, beziehungsweise Pfaffen. Deshalb hieß der Löwenzahn „Pfaffenblume“, woraus sich „Pappenblume“ entwickelte.
  • Tausendsassa: Wie das Stelldichein hat auch der Tausendsassa seine Wurzeln im Französischen. Genau genommen geht es um die französische Jagd. Mit dem Ruf „Ça! Ça!“ haben nämlich die Waidmänner in unserem Nachbarland einst ihre Hunde angefeuert. Gemeint war damit nicht etwa die heute übliche Wortbedeutung „das“, sondern vielmehr das altfranzösische „Hierher!“. Weil französische Jagdhunde oft schwerhörig waren, reichte einmal „Ça! Ça!“ nicht aus. Für deutsche Ohren hörte es sich an, als seien es Tausende.
  • Lenz: Schon seit dem 18. Jahrhundert heißt der Frühling hierzulande Frühling. Mit einer Ausnahme. Die Dichter nämlich haben noch bis in die Spätromantik hinein gerne die alte Bezeichnung „Lenz“ verwendet. Das mag daran gelegen haben, dass dieses kurze Wort sich besser für Gedichte eignet: Mit nur einer Silbe passt es in jedes Metrum. Dabei ist „Lenz“ eigentlich genau das Gegenteil von kurz. Und zwar lang. Aus diesem Adjektiv ist es tatsächlich im Spätmittelalter entstanden: Weil die Tage im Frühling bekanntlich wieder länger werden.
  • Sapperlot: Und wieder stand Frankreich Pate bei einer deutschen Wortbildung. Mit „Sacré nom de dieu“ („geheiligter Name Gottes“) pflegten verärgerte Franzosen sich Luft zu verschaffen. Wobei sie sich der Einfachheit halber einer Abkürzung bedienten: „Sacredieu!“ Irgendwann muss jemandem aufgefallen sein, dass dieser Fluch eine Gotteslästerung bedeutet. Weshalb man „Sacredieu!“ kurzerhand in „Sacrelotte!“ umwandelte. Das bedeutete zwar gar nichts, aber genau das war ja auch der Sinn der Sache. Weil Französisch in deutschen Landen schick war, begann man auch hier bald „Sacrelotte!“ zu rufen. Wobei das aus deutschem Mund freilich anders klang: „Sackerlot!“ Wann aus ck ein Doppel-P wurde, ist nicht bekannt.
  • Steckenpferd: Diese Geschichte bringt die Tragik vergessener Wörter besonders eindrucksvoll zur Geltung. Das „Steckenpferd“ nämlich war schon seit der Antike als Spielzeug in Gebrauch. In Deutschland diente das Wort schon bald als Metapher für Liebhabereien aller Art, auch abseits der Reiterei auf Holzstielen. Doch eines Tages glaubte man, das „Steckenpferd“ durch den englischen Begriff „Hobby“ ersetzen zu müssen – weil das irgendwie weltläufiger klingt. Was aber heißt „Hobby“? Richtig: Steckenpferd! Da hätte man es hierzulande gleich bei „Steckenpferd“ belassen können.
  • Zetern: Was heute als Ausweis eines eher griesgrämigen (auch so ein schönes vergessenes Wort!) Charakters gilt, war im 13. Jahrhundert ein allseits geachteter Code. „Zeter“ bedeutete nämlich im Mittelhochdeutschen „Zur Verfolgung her!“. Wer das Wort laut rief, zeigte damit an, dass er gerade Opfer eines Verbrechens geworden war. Als immer mehr wehleidige Personen den „Zeter“-Ausruf für mitleidheischende Jammerei missbrauchten, geriet das Wort in Verruf.

Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi (Illustrationen): „Luftikus und Tausendsassa – Verliebt in 100 vergessene Wörter“, Duden Verlag: Berlin 2018; 160 Seiten, 15 Euro.