Der Mann ist Mitte 60, gut trainiert und stinksauer. Noch bevor die Scheibenbremsen sein High-Tech-Mountainbike aus voller Fahrt direkt vor den beiden Rangern zum Stehen bringen, schimpft er lauthals los: „Stellt ihr überall diese Pflöcke auf? Alles gesperrt, unmöglich ist das, und ihr fahrt hier mit dem Auto herum!“ Ranger Urs Reif wirft seiner Kollegin einen vielsagenden Blick zu, streckt den Rücken durch und nimmt die Diskussion an. Reif, 37, Diplom-Biologe, ist Chef-Aufseher oder auch Ranger im Nationalpark Schwarzwald und er sieht auch aus wie ein solcher: groß, trainiert, bärtig, Outdoor-Teint, auf dem T-Shirt den Nationalparks-Slogan „Eine Spur wilder“.

Viel vermitteln und erklären

Szenen wie diese gehören zu Reifs Tagesgeschäft. Er muss vermitteln, erklären, Verständnis wecken. Denn auch, wenn der Nationalpark als solcher weitgehend noch gar nicht zu unterscheiden ist vom normalen Wald, wird allmählich sichtbar, was es einmal werden soll. Denn wo der Wald sich ungestört entwickeln soll, muss zuerst der Störfaktor Nummer eins weichen: der Mensch. Es hagelt Verbote. Heidelbeeren und Pilze sammeln, nach Herzenslust durch den Wald wandern, joggen, biken, aber auch jagen – das ist vorbei. Von den ursprünglich 1600 Kilometern Wege- und Straßennetz im Nationalpark werden allmählich drei Viertel stillgelegt, die meisten davon überflüssige Forstwege. Am Ende sollen noch 414 Kilometer öffentlich zugänglich sein.

Der Lotharpfad am Schliffkopf, entstanden 1999 durch Orkan Lothar, ist eine Publikumsattraktion im Nationalpark.
Der Lotharpfad am Schliffkopf, entstanden 1999 durch Orkan Lothar, ist eine Publikumsattraktion im Nationalpark. | Bild: Uli Deck

Für Ärger sorgt regelmäßig, wenn die Ranger mit dem Auto statt zu Fuß oder mit dem E-Bike unterwegs sind. So wie heute Reif und seine Kollegin Friederike Schleicher. Sie fahren mit dem Kombi, um „Batcorder“ auszubringen – hochempfindliche Fledermaus-Aufnahmegeräte, die an 70 festgelegten Stellen im Gelände angebracht und nach 24 Stunden wieder eingesammelt werden müssen. Teil eines wissenschaftlichen Langzeitprojekts, des Öko-Monitorings. Etwa zwei Dutzend der zwei Kilo schweren Batcorder-Koffer haben die Ranger dabei, ohne Auto nicht machbar. „Wenn wir erklären, was wir tun, haben viele Verständnis“, sagt Reif.

Urs Reif, Chef-Ranger im Nationalpark, bringt ein Fledermaus-Aufnahmegeräte im Wald an. Bild: Ulrike Bäuerlein
Urs Reif, Chef-Ranger im Nationalpark, bringt ein Fledermaus-Aufnahmegeräte im Wald an. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Der wütende Radfahrer aber pfeift auf die Fledermäuse. Seit Jahren radelt er hier an der Badener Höhe, und jetzt schießen plötzlich mehr Verbotsschilder aus dem Waldboden als Pilze. Mit viel Geduld und Ortskenntnis gelingt es Reif, den Radler in eine Diskussion über alternative Radstrecken zu verwickeln. Zum Glück kennt er fast jeden Meter hier. Der Radler, stellt sich heraus, ist eigentlich kein Nationalpark-Gegner. Nur das Radfahren verbieten lassen will er sich nicht. „Vor allem Mountainbiker sind rabiat, reißen Schilder ab, fahren, wo sie wollen“, sagt Reif. „Dabei sind sie für das Wild viel störender als Autos auf den Straßen.“

Viereinhalb Jahre sind vergangen, seit am 1. Januar 2014 dieser erste Nationalpark in Baden-Württemberg gegründet wurde. Im Mai 2014 nahm er die Arbeit auf. Geschätzt eine halbe Million Besucher kommen seitdem pro Jahr, genau weiß man es nicht, die Besucherzählstellen sind erst im Aufbau. Jahre äußerst erbitterten Widerstands gingen dem von den Grünen vorangetriebenen Projekt voran.

Auf 10 000 Hektar Gesamtfläche erstrecken sich die beiden getrennten Teile des Nationalparks am Hauptkamm des Nordschwarzwalds zwischen Schwarzwaldhochstraße und Murgtal, das entspricht 0,7 Prozent der gesamten Waldfläche in Baden-Württemberg. Dass der Nationalpark nicht zusammenhängt, irritiert viele Besucher. Aber dazwischen, bei Forbach und Hundsbach, gehört ein Großteil des Waldes privaten Waldbesitzern und der Murgschifferschaft, einer seit dem Mittelalter bestehenden Genossenschaft, die auf die Holzflößer zurückgeht.

Die Gegend ist eines der erbitterten Widerstandsnester gegen den Nationalpark, hier sitzen auch die Betreiber der Internet-Widerstands-Plattform „Unser Nordschwarzwald“. Immer mal wieder wird über einen Gebietstausch für die Murgschifferschaft nachgedacht, um die zwei Teile des Nationalparks zu verbinden, bislang ohne Ergebnis.

„Wir haben bei null angefangen, es gab für nichts eine Blaupause“

Thomas Waldenspuhl ist neben Wolfgang Schlund, einer der beiden Leiter des Nationalparks, der mittlerweile 120 Mitarbeiter auf 89 Stellen hat. Waldenspuhl ist promovierter Forstwissenschaftler und ein ebenso bedachter Mann, der bis in die Tiefe hinein Zahlen und Daten referieren kann. Er hat die ganzen Kämpfe mitgemacht damals, kennt alle Gegner, Argumente und die Wut. Sichtlich ist er bemüht, alle einzufangen. Er erklärt Beteiligungsebenen, Informationspolitik, das Funktionieren von Nationalparkrat und Verwaltung und die vielen, vielen Aufgaben: wissenschaftliche Arbeit und Dokumentation, Natur- und Artenschutz, Wildnispädagogik, forstwirtschaftliche Aufgaben wie Jagd und, ganz wichtig, Borkenkäfermanagement.

Und er zählt die Vorteile auf, die sich für die Gemeinden und Regionen um den Nationalpark ergeben, zieht Tabellen zur Steigerung der Wertschöpfung seit 2014 hervor. Für den Arbeitsmarkt, den Tourismus, die Wirtschaft. Erstmals wird über vier Landkreise und zwei Regierungspräsidien hinweg ein gemeinsames Verkehrskonzept mit besserer Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr erarbeitet, das würde es ohne Nationalpark nicht geben. 18 Städte und Gemeinden schmücken sich inzwischen stolz mit dem Titel „Nationalpark-Gemeinde“, anfangs waren es sieben. Gemeinsam präsentieren sie sich auf der Tourismusmesse CMT, ein Novum in einer Region, wo Gemeinden traditionell vor allem das eigene Tal im Blick haben.

Wildnispädagogik für Schulklassen ist einer der wichtigsten Aufgabenbereiche im Besucherprogramm des Nationalparks.
Wildnispädagogik für Schulklassen ist einer der wichtigsten Aufgabenbereiche im Besucherprogramm des Nationalparks. | Bild: Daniel Müller

Und das Verhältnis zu den Gegnern? „Wir versuchen, im Gespräch zu bleiben“, sagt Waldenspuhl und holt eine Umfrage unter den Anrainern von 2017 vor, nach der 47 Prozent der Befragten inzwischen den Nationalpark rundweg gut finden. Nur neun Prozent lehnen ihn ganz oder weitgehend ab, 2013 waren noch über 70 Prozent der Bürger dagegen. „Beim harten Kern geht es um eine Grundeinstellung. Da kann man nicht mit Argumenten überzeugen“ sagt Waldenspuhl. „Aber aus meiner Sicht hat die Region nur profitiert.“

Der Forstwissenschaftler Thomas Waldenspuhl ist einer der beiden Direktoren des Nationalparks.
Der Forstwissenschaftler Thomas Waldenspuhl ist einer der beiden Direktoren des Nationalparks. | Bild: Ulrike Bäuerlein

Michael Ruf lächelt über diese Aussage so bescheiden selbstbewusst, wie es nur ein Bürgermeister kann, dessen Sorge eher zu viel Touristen sind. „Für den Gast hat sich nichts verändert. Wir haben uns schon immer bemüht, den Gästen etwas anzubieten. Und die Übernachtungsbetriebe waren auch ohne Nationalpark schon bei über 80 Prozent Auslastung“, sagt der Bürgermeister von Baiersbronn. Seit dem großen Streit um den Park gibt es in Baiersbronn tief zerstrittene Familien und Nachbarn, die nicht mehr miteinander reden. „Ablehnung bringt uns nicht weiter“, sagt Ruf, der pragmatisch denkt. „Aber jetzt, wo die Restriktionen greifen, kommt das Verständnis an seine Grenzen“, sagt er.

Etwa, wenn Hotels Gäste-Waldwanderungen nur noch mit zertifizierten Nationalparkführern durchführen dürfen. Und die privaten Waldbesitzer – und das betrifft fast alle Familien hier irgendwie – fürchten den Wildverbiss, wenn im Nationalpark nicht mehr gejagt werden darf. „Für die Menschen hier ist der Wald ihre Sparkasse, die Nutzung war schon immer Teil des Lebens, und wenn sich einer was leisten wollte, hat er zwei Bäume gefällt und verkauft.“ Das aufzugeben, falle vielen schwer.

Zur hitzigen Diskussion trägt nun auch eine neue Partie bei

Auch der Stachel sitze tief, in der Nationalparkdiskussion als dumpfes, widerständiges Bergvolk dargestellt worden zu sein, sagt Ruf. „Dabei haben die Menschen hier schon immer Naturschutzkernkompetenzen gehabt.“ Ob der Nationalpark Baiersbronn auch irgendwie nützt? „Das lässt sich nicht messen“, sagt Ruf. „Aber als Destination wird die Region sicher bekannter.“

Für bundesweite Schlagzeilen hat die Region erst kürzlich wieder gesorgt. Der einsame wilde Verursacher ahnt wohl kaum, dass seine blanke Anwesenheit das Potenzial hat, den ganzen hochemotionalen Konflikt zwischen Parkbefürwortern und Gegnern wieder in ganzer Fülle aufzureißen. Es ist ein Zuwanderer, dem bereits Dutzende von Schafen in der Gegen zum Opfer gefallen sind: der Wolf.

Ein jahrelang
umkämpftes Projekt

  • Bereits in den 1990-Jahren brachte der NABU einen Nationalpark in Baden-Württemberg ins Gespräch. Nach einem Gutachten zu Chancen und Risiken positionierte sich der damalige CDU-Ministerpräsident Erwin Teufel dagegen.
  • 2011 nahm der Nabu Baden-Württemberg erneut einen Anlauf und ließ Standorte prüfen. Nach der Regierungsübernahme durch Grün-Rot und Winfried Kretschmann 2011 verpflichteten sich die Grünen, einen Nationalpark zu schaffen. Neben dem Artenschutz sollte auch Tourismus und Wirtschaft in der Region gefördert werden.
  • Im August 2011 bildete sich die private Interessengemeinschaft „Unser Nordschwarzwald“, seit 2012 ein Verein mit Sitz in Baiersbronn. Ziel: den Nationalpark zu verhindern. Widerstand gab es auch von Holz- und Forstwirtschaft, die um Ertrag und Absatz fürchteten. Zudem befürchteten sie die Ausbreitung von Schädlingen wie dem Borkenkäfer im Totholz eines Schutzgebiets.
  • Bürgerbefragungen – rechtlich unverbindlich – in den Anrainergemeinden kamen 2013 auf 75 Prozent Ablehnung, landesweit dagegen war eine Mehrheit dafür.
  • Im Juni 2013 stellte der damalige Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) die Gebietspläne vor. Im Anhörungsverfahren stimmten sowohl eine Mehrheit der sieben Nationalpark-Gemeinden, der fünf betroffenen Stadt- und Landkreise und der drei beteiligten Regionalverbände als auch der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord für die Einrichtung des Nationalparks.
  • Im Oktober 2013 beschloss der Landtag mit den Stimmen von Grünen und SPD das Nationalparksgesetz mit Gründung zum 1. Januar 2014. FDP und CDU – mit einer Ausnahme – stimmten dagegen.
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