Affären und Politskandale entstehen selten vor den Augen der Öffentlichkeit. Im Fall von Heinz-Christian Strache spielte sich das Treffen, das ihn aus dem Amt katapultieren sollte, fern von Österreich, ja sogar fern vom Festland ab – in einer abgelegenen Ecke der Baleareninsel Ibiza. Von der Landstraße geht es auf einem unscheinbaren Sträßchen rechts ab, an Baustellen und Einfamilienhäusern vorbei. Ein Kaninchen überquert die Straße, ein Wiedehopf fliegt über ein angrenzendes Feld. Nach rund 600 Metern Fahrt auf dem hügeligen, nicht asphaltierten Weg steht sie da, eher unscheinbar, im typischen Weiß der Insel: Die Finca, in der die Affäre um den österreichischen Vizekanzler ihren Anfang nahm.

Strache-Villa auf Airbnb zu finden

Ein eisernes braunes Tor versperrt die Einfahrt. Durch den mit Schilf verhangenen Zaun kann man teilweise in den Hof schauen, aus dem Haus dringen Stimmen – offenbar haben sich Touristen eingemietet, denn die Finca wird von einem Italiener auf der Plattform Airbnb unter dem Namen „Architect Country Villa“ für einen Inselurlaub angeboten. „10 Gäste, 4 Schlafzimmer, 5 Betten, 4,5 Bäder“, heißt es auf der Webseite – das Ganze, etwa im Juli, für 1100 Euro pro Nacht.

Szene eines handfesten Polit-Skandals: Johann Gudenus (links) und Heinz-Christian Strache in der Finca auf Ibiza. Neben Strache sitzt Gudenus‘ Ehefrau.
Szene eines handfesten Polit-Skandals: Johann Gudenus (links) und Heinz-Christian Strache in der Finca auf Ibiza. Neben Strache sitzt Gudenus‘ Ehefrau. | Bild: dpa

Hier wurden im Juli 2017 heimliche Videoaufnahmen gemacht, auf denen zu sehen ist, wie Strache einer vermeintlichen russischen Oligarchin öffentliche Aufträge in Aussicht stellte, wenn sie seiner FPÖ zum Wahlerfolg verhelfe. Am Montag gipfelte der Skandal in einem Misstrauensvotum gegen Kanzler Sebastian Kurz und dem Sturz der Regierung in Wien.

Es gibt wichtigere Themen im Nachbarort

Im Nachbardorf Sant Rafael, keine fünf Autominuten von der Villa entfernt, nimmt man das politsche Drama, das hier entfesselt wurde, gelassen. In der hintersten Ecke der Dorfkneipe „Es Cruce“ sitzen sieben ältere Herren beim Kaffee zusammen. Beim wöchentlichen Stammtisch gibt es viel zu besprechen: Die Europawahl und die Regionalwahlen in Spanien etwa, oder das spanische Pokalfinale, bei dem Valencia am Wochenende den FC Barcelona geschlagen hat. Die „Ibiza-Affäre“ hingegen, wegen der die Insel in Österreich und Deutschland in aller Munde ist, gehört nicht dazu.

Unscheinbar und abgelegen: Außenansicht der Finca, in der Strache heimlich gefilmt wurde.
Unscheinbar und abgelegen: Außenansicht der Finca, in der Strache heimlich gefilmt wurde. | Bild: CLARA MARGAIS

„Ich habe das in den Nachrichten gesehen mit dem Politiker“, sagt einer der Männer im Valencia-Fußballtrikot. „Aber hier im Dorf war das kein Thema.“ Ein anderer Mann im grauen Flanellhemd mischt sich ein. „Dieser junge Mann aus Österreich musste zurücktreten?“, fragt er überrascht und meint Kanzler Kurz. „Nee“, sagt ein Dritter. „Sein Koalitionspartner, so ein Älterer.“ Dass auch der Regierungschef in den Sog der Affäre geraten und gestürzt werden würde, war da noch nicht klar.

Gelassen gegenüber Promis

Diese unaufgeregte Haltung gegenüber Promis findet man häufig bei den Ibizenkern, wie die Bewohner der ehemaligen Hippie-Hochburg genannt werden. „Wer alles da ist, bekommt man aber kaum mit“, sagt ein Lehrer aus der Gemeinde Santa Eulària.

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Wer auf Ibiza nicht gesehen werden will, wird nicht gesehen

Auf der Insel gebe es viele versteckte, nur über schmale Wege erreichbare Häuser in den Bergen. „Wer nicht gesehen werden will, wird hier nicht gesehen: Der steigt aus dem Privatflugzeug an einem eigenen Terminal in eine Limousine mit verdunkelten Scheiben und fährt direkt zur Villa.“ Oder zu einer der Luxusjachten, die unterhalb der festungsartigen Altstadt von Ibiza-Stadt im Hafen ankern. Ab und zu werde bekannt, dass wieder irgendein Promi ein Haus gekauft habe, „aber das war‘s dann auch schon“, so der Lehrer. „Die Menschen haben hier andere Probleme.

Blick auf Ibiza-Stadt: Die Balearen-Insel war früher bei Hippies beliebt. Inzwischen treffen sich dort Stars gerne zum Feiern.
Blick auf Ibiza-Stadt: Die Balearen-Insel war früher bei Hippies beliebt. Inzwischen treffen sich dort Stars gerne zum Feiern. | Bild: dpa

Früher Hippie-Nest, heute boomendes-Urlaubsparadies

Ob VIP oder nicht – Ibiza boomt, wie Statistiken belegen. Eine Studie der Balearenregierung zum Urlaubsverhalten aus dem Jahr 2016 verrät zudem, welches Publikum besonders gerne kommt: Demnach waren fast 75 Prozent der Urlauber auf Ibiza jünger als 44 Jahre. Und die wollen tagsüber Strand und abends Party – aber mit Stil. In den berühmten Clubs wie das „Pacha“ oder das „Amnesia“ kostet die Eintrittskarte über 70 Euro. Doch es gibt auch den typischen Partytourismus. Er konzentriert sich aber auf ein paar verkehrsberuhigte Straßen.

Vermieter der Finca: Keine Schaulustigen an der Villa

Die Mieter der teuren „Strache-Villa“ sind hier wohl kaum anzutreffen. Der Vermieter will kein Interview geben. Aber immerhin lässt er auf Anfrage durchblicken, dass ihm die Insel-Affäre keine Flut an neuen Buchungen eingebracht hat. Auch Schaulustige sind nirgends zu sehen.

Philippa Strache, die Ehefrau von Heinz-Christian Strache, steht trotz des Ibiza-Skandals zu ihrem Mann. „Mein Mann und ich stehen dieses Drama jetzt gemeinsam durch. Unsere ganze Familie hält eng zusammen. Wir sind, wenn Sie es so wollen, eine kleine Familienarmee“, sagte Philippa Strache dem Magazin „Bunte“. Sie sei nie von zu Hause ausgezogen und habe auch nicht vor, ihren Mann zu verlassen, fügte sie hinzu. (dpa)
Philippa Strache, die Ehefrau von Heinz-Christian Strache, steht trotz des Ibiza-Skandals zu ihrem Mann. „Mein Mann und ich stehen dieses Drama jetzt gemeinsam durch. Unsere ganze Familie hält eng zusammen. Wir sind, wenn Sie es so wollen, eine kleine Familienarmee“, sagte Philippa Strache dem Magazin „Bunte“. Sie sei nie von zu Hause ausgezogen und habe auch nicht vor, ihren Mann zu verlassen, fügte sie hinzu. (dpa) | Bild: Imago