Männer mögen das Einkaufen nicht. Frauen sagen, das liege an den Männern. Ich als Mann sage: Das liegt am Einkaufen.

Es fängt schon damit an, dass man gar nicht anfangen kann. Jedenfalls nicht, ohne eine Ein-Euro-Münze im Geldbeutel parat zu haben. Die brauche ich als Pfand für den Einkaufswagen. Weil der Supermarkt mir nicht vertraut: Könnte ja sein, dass ich ihn später neben meinem Auto stehen lasse – oder gleich ganz mit nach Hause nehme!

Gerne würde ich meine eigenen Behältnisse mitbringen. Doch als ich das einmal versuchte, hat mir es ein Mitarbeiter verboten: Er könne dann nicht mehr erkennen, ob ich die Tomaten bloß zur Kasse tragen oder vielmehr stehlen will. Genau deshalb gab es vor nicht langer Zeit am Eingang noch Plastikkörbe. Die waren nicht nur pfandfrei, sondern auch praktisch. Aber dann hat der Supermarkt gemerkt, dass die Leute mehr einkaufen, wenn man sie dazu zwingt, einen Einkaufswagen von der Größe eines Schweröltankers durch die Flure zu wuchten.

Ein potenzieller Dieb

Einkaufen im deutschen Supermarkt funktioniert heute deshalb genau so: Lieber Kunde, wir glauben, Sie sind ein potenzieller Dieb. Nehmen Sie deshalb zum Einkaufen ausschließlich unseren Einkaufswagen von der Größe eines Schweröltankers. Aber wehe, Sie rammen damit das Eierregal! Für die Benutzung wird ein Pfandbetrag fällig, damit Sie ihn auch brav dahin zurückbringen, wo Sie ihn hergeholt haben!

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Es soll Märkte geben, die das Zurückbringen von Einkaufswagen selbst organisieren. Schüler und Studenten sind dankbar für einen solchen Nebenjob, helfen dabei auch gerne älteren Kunden beim Verstauen ihrer Einkäufe im Kofferraum. So ein Angebot ist menschenfreundlich, aber nicht rentabel. Der Supermarkt investiert lieber in eine Drehtür und einen Teppich für den Eingangsbereich. Beides bremst mich in meiner Eile abrupt ab: Als eiligen Kunden will man mich hier nämlich nicht haben. Ich soll ja schön viel zum Einkaufen entdecken!

Mit den Händen am Schweröltanker geht es nun durch die Hölle der Popkultur. Süßlicher Kitsch folgt auf seichtes Gesäusel, künstliche Liebessülze vermengt sich mit ekelhafter Gutlaunigkeit: Was aus den Lautsprechern meines Supermarktes quillt, ist keine Zumutung. Es ist die reinste Körperverletzung.

Giftiger Klangschleim

Dabei ist dieser giftige Klangschleim ja als Annehmlichkeit gedacht. Ich soll mich jetzt ganz zu Hause und geborgen fühlen – wie ein Kind beim Wiegenlied. Bloß, dass dieses Wiegenlied der blanke Horror ist. Und dass es nicht ums Schlafen geht, sondern ums Kaufen. Sollte mir jemals Folter drohen: Unter dieser Dröhnung gestehe ich alles!

Wer glaubt, er sei besonders schlecht organisiert, der irrt sich. Es liegt nicht an uns, wenn wir erst hinter der Fleischtheke daran denken, dass wir ja doch noch etwas vom Gemüsestand im Eingangsbereich brauchen. Supermärkte kennen unsere Abläufe. Sie sind mit Absicht so eingerichtet, dass wir hin und her, rundherum und alles wieder von vorne durchlaufen. Der Kunde soll so lange wie nur irgend möglich in diesem Laden verbringen, damit er jede Ecke, jedes Produkt mindestens einmal mit seinen Blicken streift: Ganz viel sehen, ganz viel kaufen. Als Kunde bin ich nicht König. Ich bin der nützliche Idiot.

Was, Sie kaufen nichts?

Das Schlimmste ist die Kasse. Wer es wagt, den Markt unverrichteter Dinge verlassen zu wollen, kann sich auf eine mittlere Staatskrise gefasst machen. Wie, Sie kaufen gar nichts? Und jetzt wollen Sie mit dem leeren Wagen etwa vorbei? Oh, da müssen jetzt aber extra für Sie alle anderen Kunden Platz machen! Nach halbstündiger Irrfahrt mit Schweröltanker unter akustischen Höllenqualen bekomme ich bei dieser Vorstellung tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Also schnell irgendwelche Sachen in den Wagen schmeißen, die man immer mal braucht. Taschentücher. Zahnpasta. Frühstückseier.

In die Eierschachtel schaut die Frau an der Kasse extra rein. Weil ein Ei zerbrochen sein könnte? Von wegen! Im Zwischenraum des Kartons könnten wir ja Rasierklingen nach draußen schmuggeln, Kaugummis oder gar eine Zahnbürste!

Der Supermarkt verlangt seinen Angestellten eine Kontrollwut ab, die jedem Grenzpolizisten zur Ehre gereichen würde: Heben Sie bitte mal diese Tüte da hoch? Darf ich mal unter die Wasserflaschen schauen? Und was genau haben Sie da unter der Mütze? Warum waren Sie überhaupt einkaufen? Wo wollen Sie jetzt hin? Wie heißt Ihre Frau? Wer sich während eines Einkaufs so gar nicht als Schwerverbrecher fühlt, der ist mit beneidenswertem Selbstvertrauen gesegnet.

Schon klar: Diebstahl ist zu bekämpfen. Und die Kassierer machen nur, was ihnen aufgetragen wird – ein Traumjob sieht anders aus. Mein Verständnis wäre aber größer, wenn ich auch mal echten Kundenservice erleben dürfte statt immer nur raffinierte Beeinflussung mit dem Ziel, mir noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen.

Einkaufen und abhauen

Was waren das für Zeiten, als man noch in Ruhe seine Einkäufe zusammensuchen durfte! Der Kassentisch war großzügig bemessen und hatte in der Mitte einen schwenkbaren Balken. Mit ihm konnte die Kassiererin die Waren des nächsten Kunden bequem von denen seines Vorgängers abtrennen. So konnte der eine noch gemächlich seine Einkäufe in die Tasche packen, während der andere bereits bedient wurde.

Diese Zeiten sind vorbei. Habe ich heute meine Grenzkontrolle an der Kasse schweißgebadet, aber glücklich überstanden, heißt es auch schon: Abhauen!

So schnell, wie auf dem lächerlich kurzen Kassentisch meine Waren landen, komme ich mit dem Abräumen gar nicht hinterher. Hektisch, panisch werfe ich meine Einkäufe in den Wagen. „Dreiundfünfzig siebzig“, sagt die Kassiererin: „Mit Karte oder in bar?“ Dabei stehe ich noch da mit Spreewaldgurken in der Rechten, Toilettenpapier in der Linken, versuche trotzdem, gleichzeitig die Geldbörse hervorzufummeln, spüre die genervten Blicke, von hinten rammt mich schon der nächste Einkaufswagen – Hilfe!

Eben noch war ich, der angebliche König Kunde, ein nützlicher Idiot. Jetzt, wo der Supermarkt meine Kohle endlich sicher hat, bin ich zwar immer noch Idiot – aber nicht einmal mehr nützlich.

So schiebe ich mit letzter Kraft meinen Wagen nach draußen. Niemand da, der mir beim Verstauen der Waren hilft. Aber immerhin: Es ist still!