Viele Menschen bauen einmal im Leben und investieren dabei so viel, dass sie auch an das Haus gebunden sind. Das passte gut zu den meisten Biografien in den vergangenen Jahrzehnten. Heute aber erleben viele regelmäßig Jobwechsel, neue Beziehungen und damit viele Umzüge - das Konzept „einmal im Leben ein Haus bauen“ geht also oft nicht mehr auf.

Oona Horx-Strathern plädiert daher für mehr flexible Wohnräume und auch flexibleres Wohnen. Sie ist Trendforscherin und beschäftigt sich mit der Architektur der Zukunft. Gerade hat sie den „Home Report 2019“ für das Zukunftsinstitut veröffentlicht. Im Interview erläutert sie die Chancen, aber auch die Nachteile von flexiblen Wohnkonzepten.

Frau Horx-Strathern, die meisten Menschen wollen ein Haus bauen, was dann für den Rest des Lebens taugt. Sie widersprechen und sagen, der Wohnraum muss so flexibel sein, dass er sich dem Leben anpasst und nicht umgekehrt wir uns an den Wohnraum. Wie kann das aussehen?

Es ist schwierig, ein Haus zu bauen, das flexibel ist. Doch es gibt gute Beispiele, etwa die Wohnungen von Klaus Kada in Wien. Hier sind die Wände beweglich – genauer gesagt sind die Wände verschiebbare große Schränke. Wenn zum Beispiel ein Paar ein Baby bekommt, kann es den Schrank bewegen, um vom Wohnzimmer ein Kinderzimmer abzuteilen. Oder wenn jemand künftig zu Hause arbeiten möchte, schafft man so ein Büro. Übrigens, das Projekt wäre fast gescheitert. Es handelt sich nämlich um Sozialbauwohnungen, und die Stadt finanziert nur bestimmte Bauweisen. So gibt es für Möbel wie die Schränke keine Förderung. Das ist ein Beispiel dafür, dass Bauordnungen und die Baubranche noch in der Walkman-Zeit sind, wir aber sind schon in der Smartphone-Zeit. Das Bedürfnis nach Änderung und Flexibilität lässt sich oft nur schwer durchsetzen.

Erwarten Sie, dass solche Bauten die Zukunft sein werden?

Das Problem bei Wohnungen mit solchen verschiebbaren Wänden – und das wird wahrscheinlich immer das Problem sein – ist Lärm. Sobald man an einer Wand oben und unten einen Spalt hat, geht Lärm hindurch. Das heißt: Eigentlich ist so etwas nicht geeignet für Familien mit Kindern, wo es mal lauter wird. Es ist theoretisch sehr schön, aber praktisch ist es nicht. Ich denke daher, flexibles Wohnen wird sich vielleicht eher als Form von temporärem Wohnen umsetzen lassen. Das heißt, wir bauen oder kaufen nicht mehr das Haus oder die Wohnung fürs Leben, sondern wir ziehen öfters mal um.

Wir wohnen künftig also vermehrt zur Miete?

Nicht unbedingt. Wir brauchen flexiblere Verträge, so dass man nicht mehr so stark gebunden ist. Das merken Anbieter in vielen Großstädten wie London schon: Die Menschen haben heute andere Lebensläufe und viel mehr verschiedene Phasen im Leben als unsere Großeltern. Sie wollen daher nicht so gebunden sein. Man will vielleicht eine Wohnung leasen statt fürs Leben zu bauen. Oder man will erst mal sechs Monate zur Probe wohnen. Und es wird viel mehr Praktischeres gebraucht – und das heißt eventuell auch kleinerer Wohnraum. Die Städte werden immer dichter, der Preisdruck größer. Ich glaube, wir werden daher in Zukunft auch viel mehr in Co-Living-Spaces (eine Art WG für Gutverdiener in Großstädten, d. Red.) wohnen.

Kann kleiner Wohnraum auch attraktiver Wohnraum sein?

Co-Living-Spaces sind kleine Einheiten mit Gemeinschaftsflächen. Ich sage gerne, es ist eine Balance zwischen privaten Quadratmetern und geteilten Quadratmetern. Das heißt, man kann auf kleinem Wohnraum gut leben, solange man im Haus selbst noch weitere Optionen hat – wie einen Waschsalon, eine Bibliothek, eine große Küche oder Gästezimmer. Wenn man das gemeinsam anbietet, kann man die Flexibilität des Wohnen behalten und trotzdem selbst auf kleinem Raum leben.

Manche Wohnkonzepte sehen sogar geteilte Haustiere für die Gemeinschaft vor. Was hat es damit auf sich?

Es gibt auch schon in Deutschland ein paar interessante Beispiele, etwa mit Dog-Sharing, indem sie sich einen Hund teilen. Oder es gibt einen Hühnerstall, Ziegen oder Bienen im Gemeinschaftsgarten, wo sich dann auch die Nachbarn treffen. Es ist ein Problem in vielen Städten, dass der öffentliche Wohnraum verschwindet. Ich glaube daher, wenn die Menschen sich nicht mehr wie früher abends auf der Straße treffen oder gemeinsam in Cafés sitzen können, dann muss man das in der Wohnlage direkt anbieten. Diese Co-Living-Spaces sind oft verbunden mit gerade so etwas Analogem wie einem Hühnerstall. Die Menschen haben dann ein Thema außerhalb ihres Lebens im Internet.

Fragen: Simone Andrea Mayer,dpa

Mini-Häuser könnten Raumnot lindern

Zum Themendienst-Bericht «Die Zukunft des Wohnens? – Wie Mini-Häuser Raumnot lindern könnten» von Simone Andrea Mayer vom 16. Oktober 2017: Heim auf Rädern: ein Tiny House, aufgenommen auf dem Gelände des Bauhaus Campus in Berlin. (Archivbild vom 15.6.2017/Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher.) Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Heim auf Rädern: ein Tiny House, aufgenommen auf dem Gelände des Bauhaus Campus in Berlin. | Bild: Alexander Heinl/dpa
  • Parkplatz: Nicht größer muss die Stellfläche sein, um eine "Tiny house" (deutsch: Winziges Haus) aufnehmen zu können. Entwickelt wurde es von einer Berliner Gruppe aus Gestaltern, Bildungsaktivisten und Flüchtlingen. Die angeblich kleinste Wohnung Deutschlands passt auf eine Fläche von 3,20 mal 2 Metern.
  • Ausstattung: Das Haus hat einen Wohnbereich mit Sessel, Küche, Schlafbereich (in einer Galerie unterm Dach) und Arbeitsplatz mit Schreibtisch. Ideal wäre dieses Wohnen für Studenten, denn der monatliche Mietpreis könnte bei 100 Euro liegen.
  • Gemeinschaft: Für dieses Bedürfnis wäre Platz in "Shared spaces", also in Räumen für alle wie etwa eine Großküche, Aufenthaltsraum, Bibliothek, Garten oder Fitnessraum. Es gibt auch die Idee, Tiny houses auf Hochhausdächer zu setzen. (mic)