Frau Kimpeler, Sie arbeiten in der Zukunftsforschung am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Kann man salopp sagen: Sie sind eine moderne Hellseherin?

Simone Kimpeler, 50, leitet das Competence Center Foresight am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Sie hat Publizistik, Soziologie und Wirtschaftspolitik in Münster studiert und arbeitet seit mehr als 15 Jahren in der Zukunftsforschung. Ihre Schwerpunkte am ISI Karlsruhe liegen in der Analyse von Wechselwirkungen zwischen technologischen Trends und gesellschaftlichem Wandel sowie der Entwicklung alternativer Zukunftsszenarien.
Simone Kimpeler, 50, leitet das Competence Center Foresight am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. | Bild: Franz Wamhof

Genau das bin ich nicht. Unser Team unterscheidet bewusst zwischen sogenanntem Forecasting, also dem Vorhersagen, und Foresight, der Vorausschau. Beim Forecasting erstellt man eine Vorhersage, etwa für eine technologische Entwicklung, ohne dabei auch alternative Zukunftsentwicklungen zu berücksichtigen, die wir Zukünfte nennen. Bei der Foresight-Methode gehen wir anders vor. Wir unterstüzen unsere Auftraggeber dabei, über Offenheit mit der Zukunft besser umzugehen. Dafür entwickeln wir verschiedene alternative Zukunftsentwürfe, die zeigen, welche sehr unterschiedliche Zukunftspfade möglich sind und welche Chancen, aber auch Risiken dadurch entstehen können. Wir geben ihnen sozusagen ein Orientierungswissen für mögliche Zukünfte. Kurz gesagt: Wir kennen die Zukunft nicht, wir zeigen nur verschiedene mögliche Szenarien auf.

Nehmen wir mal das Beispiel Elektroauto. Welche Szenarien entwerfen Sie hierfür?

Die Aspekte „Zukunft des Automobils“ und „Mobilität“ spielen bei uns immer dann eine Rolle, wenn sie wichtige Umfeldentwicklungen für unsere Auftraggeber sind. Man kann insgesamt sagen, dass die Technologie des Elektroautos die Gesellschaft in den kommenden Jahren sehr stark prägen wird. Dies geschieht aber nicht nur aufgrund der technologischen Entwicklung, die herkömmliche Fahrzeugtechnologien ablösen könnte, sondern auch, weil durch die Diskussion um und über Elektromobilität sehr viele Einzeltrends in der Gesellschaft in starke Wechselwirkungen treten. Und das sind Dinge, die wir in den Zukunftsentwürfen berücksichtigen müssen.

Sie untersuchen also nicht, was technisch möglich ist, sondern wie die Gesellschaft dies beeinflusst?

Richtig, wir untersuchen, wie sich Technologie und Gesellschaft gegenseitig beeinflussen. Das sind dann zum Beispiel solche Aspekte wie: Welche Bedeutung hat das Auto grundsätzlich in der Gesellschaft als Statussymbol? Wie verändert sich das Mobilitätsverhalten? Wie wirkt sich die Umstellung der Antriebstechnologien auf die Automobilproduktion aus? Die haben wiederum Auswirkungen auf die Standorte der Produktionsstätten. Und dann natürlich die Frage nach dem Umgang mit Schadstoffbelastung und den Grenzwerten in Innenstädten. Die können einen Wertewandel innerhalb der Gesellschaft vorantreiben, der dann wieder eine komplett andere Beurteilung der Technologie oder der Einsatzmöglichkeiten mit sich bringt. Wir zeigen nicht auf, was technisch möglich ist. Das machen die Automobilhersteller selbst. Unsere Aufgabe besteht eben darin, dafür zu sensibilisieren, dass bei solchen Zukunftsfragen viele verschiedene Faktoren zusammenkommen, die sich gegenseitig beeinflussen, bestärken oder vielleicht sogar aufheben.

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Sie wollen damit verdeutlichen, dass man die Zukunft der Elektromobilität nicht vorhersagen kann.

Genauso ist es. Man kann Position ergreifen und überlegen, welche Entwicklung möchte man, wenn man Einfluss hat, forcieren, und in welchen Bereichen hat man wirklich gar keinen Einfluss. Dadurch kann sich ein Unternehmen über Handlungsmöglichkeiten klar werden.

Man hat dadurch die Möglichkeit, die Zukunft etwas zu steuern?

Steuern ist zu viel gesagt. Aber wir versuchen, ein Bewusstsein für eigene Handlungsmöglichkeiten zu schaffen.

Haben Sie ein Beispiel für mich?

Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung von Zukunftsszenarien für die Transformation hin zur Bioökonomie in Deutschland – also einer Gesellschaft, die sich wegbewegt von auf Erdöl basierenden Wirtschaft und mehr und mehr auf nachwachsende Rohstoffe setzt. In dem Projekt Biokompass im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entwerfen wir gemeinsam mit dem Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt und weiteren Partnern Zukunftsvorstellungen einer Bioökonomie. Unter der Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit und insbesondere Jugendlichen wollen wir die Vorstellungen anregen: Was bedeutet Bioökonomie? Ist eine Bioökonomie automatisch nachhaltig? Und was braucht es, damit diese nachhaltig sein kann? Wie verändert sich mein Alltag dadurch und welchen Beitrag kann ich leisten?

Bioökonomie ist eines Ihrer Themen-felder. Aber Sie beschäftigen sich auch mit der Digitalisierung, die mittlerweile in jeden unserer Lebensbereiche Einzug gehalten hat.

Digitalisierung ist ein zentraler Einflussfaktor in unseren Zukunftsentwürfen, da Digitalisierung in fast allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen zu spüren ist. Eine Technologie alleine ist noch nicht die Innovation, sondern erst die Art und Weise, wie sie im Alltag genutzt wird.

Manche Technologien festigen sich dabei ganz überraschend in unserem Leben.

Ja, man denke da nur an die Sprachsteuerung. Vor zehn Jahren hat man sich noch nicht vorstellen können, dass es ganz normal ist, mit Sprachassistenten wie Alexa sprechen zu können und dass sich das Kind vielleicht einen Sprachassistenten zum Geburtstag wünscht. An diesem Beispiel kann man sehr gut erkennen, dass mit Technologien im Alltag große Veränderungen stattfinden. Interessant wird es, wenn sich Soziologen und Psychologen mit dem Thema beschäftigen und untersuchen, welche Auswirkungen der Einsatz von Sprachtechnologie zum Beispiel auf die Sprachentwicklung von Kindern oder das soziale Zusammenleben hat. Das untersuchen wir selbst nicht, aber solche Studien werten wir für unsere Zukunftsforschung aus. Denn sie zeigen, wie sich durch Technologien der Alltag oder auch die Werte wandeln können.

Haben Sie sich vor zehn Jahren vorstellen können, dass die Sprachsteuerung so einschlägt?

Ich erinnere mich daran, dass wir vor ungefähr zwölf Jahren für einen Telekommunikationsanbieter ein Projekt gemacht haben. Dort wurde unter Experten sehr heftig diskutiert, ob die Technologie der Spracherkennung überhaupt in den nächsten zehn Jahren in der Lage sein wird, bestimmte Stimmlagen klar zu analysieren. Damals glaubte man, dass die Spracherkennung das wohl nicht könnte. Da ist die technologische Entwicklung doch deutlich schneller gewesen.

Das Smartphone ist ja auch so ein Beispiel.

Ja, das Smartphone hat weite Felder unserer Kommunikation verändert. Die SMS ist heute kein Thema mehr, aber sie war Türöffner für andere neue Anwendungen. Die Entwicklung des Smartphones beeinflusst auch andere Branchen stark, etwa die Textilbranche.

Ach ja, wie das?

Tatsächlich denkt man da im ersten Moment nicht daran. Aber wenn man in einem Zukunfts-Workshop darüber diskutiert, welche Bedeutung Social Media und Smartphones für die Textilbranche haben, wird deutlich, dass Kunden damit Modetrends ganz anders wahrnehmen, dass sich Trends durch die Nutzung von Social Media noch schneller global verbreiten. Die Diskussion führt dann dazu, dass ein Textilunternehmen besser erkennt, wie neue Modewellen für Smart Textiles, also „intelligente“ Textilien, entstehen.