„ENTSCHULDIGUNG“ stand groß auf dem Brief an den Schulleiter und etwas kleiner darunter, dass Sophie leider derzeit nicht am Unterricht teilnehmen könne – wegen Prüfungsangst. „ALLES LÜGE!“ Das wäre die richtige Überschrift gewesen. Denn statt zu Prüfungen zieht es Sophie zu Pullis hin: Quietschfidel und angstfrei verkauft sie während der Schulzeit Modeklamotten in einer Boutique und steigert so ihren Taschengeld-Pegel auf mehr als 500 Euro im Monat.

Damit kommt die 17-Jährige so gerade hin. Am Ende des Geldes ist immer noch ein bißchen Monat übrig – wie bei den meisten in Sophies Klasse. Ein bis zwei Nebenjobs erledigt hier fast jeder: Kaum hat mittags die Schulglocke gebimmelt, verkauft Julia Fischbrötchen, Lucas testet nachmittags Software, Lena und Anna sitten abends die Windelwichte der Nachbarn, Nele gibt samstags Nachhilfe und jobbt danach noch an der Bar im Golfclub.

Ein Fünfziger Taschengeld von den Eltern und mit Glück ab und zu ein „Hunni“ von Oma, das reicht vielen Schülern spätestens in der Pubertät nicht mehr. Coole Klamotten, teure Konzertbesuche und das angesagte Smartphone wollen finanziert sein. Letzteres übrigens auch, damit man zwischen den lästigen Schulstunden seine Nebenjobs koordinieren kann.

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Faulenzer plötzlich Arbeitstiere

Viele Eltern sind hin- und hergerissen angesichts der – meist überraschend – einsetzenden Arbeitswut ihres bis vor Kurzem noch im Sitzsack dauer-chillenden Nachwuchses: Einerseits gut, dass Teenies schon mal ins Arbeitsleben hineinschnuppern, erste Erfahrungen sammeln und merken, wie lange man für ein paar Euros stehen, bedienen oder aufpassen muss. Andererseits fürchten viele Mütter und Väter, dass nun die Schule zu kurz kommt, weil der Lockruf des Geldes nicht mehr verstummt. Erst nach diesem Hin- und Hergerissen-Sein kommt – oft eher zufällig – die Frage auf: „Moment mal – darf unser Kind diesen Job eigentlich schon machen? Und so lange Zeit nebenbei arbeiten?

Dabei ist die Lage klar – spätestens nach einem Blick ins Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG): Für Kinder unter 13 Jahren ist Arbeit generell verboten. Wer zwischen 13 und 14 ist, darf etwa Zeitungen austragen, Flyer verteilen, Babysitten, Hunde ausführen und ähnliche leichte Tätigkeiten. Aber nur mit Erlaubnis der Eltern und höchstens zwei Stunden pro Tag – nach der Schule und längstens bis 18 Uhr.

Dann ist er irgendwann da – der ersehnte 15. Geburtstag. Jetzt heißt es: endlich richtig jobben. Jedenfalls von Gesetz wegen. Der Nachwuchs ist jetzt ja kein Kind mehr, sondern ein Jugendlicher und darf auf 450-Euro-Basis sein Geld verdienen. Das gilt aber wiederum nur für alle, die nicht mehr zur Schule gehen. Wer morgens weiter Unterricht hat, für den gelten weiterhin die „Kinder-Richtlinien“.

Denn die Schule hat klaren Vorrang, darf nicht unter dem Nebenjob leiden – steht eindeutig im JArbSchG. Darauf achten müssen die Eltern – und einschätzen, was vertretbar ist und was nicht. Und in den Ferien? Sind maximal 20 Arbeitstage pro Jahr erlaubt – der einzige Unterschied gegenüber den 13 bis 14-jährigen Schülern. Generell verboten sind für Kinder und Jugendliche alle Arbeiten, die etwa mit gefährlichen Maschinen, extremen Temperaturen oder gesundheitsgefährdenden Stoffen verbunden sind. Dazu zählen auch Benzindämpfe – also: ade, Ferienjob an der Tanke!

Geldquelle Schüler-Firma

Viele Schulen haben die Nebenjob-Lust von Kindern und Jugendlichen umfunktioniert – und zu Unterrichtsstoff gemacht. Wo fusselbärtige Zwölft­klässler noch vor 50 Jahren ihre Fäuste gegen die kapitalistische Ausbeutung ballten, da gründen ihre spitzbärtigen Söhne heute florierende Kapitalgesellschaften und üben sich als Nachwuchs-Unternehmer von Schüler-Firmen im Geschäftsleben. Die einen organisieren mit Mini-Reisen für Klassen und Sportvereine, andere schmeißen originelle Kindergeburtstage.

Und alle lernen in diesen Nebenjobs, dass man selbst etwas aufbauen kann, Verantwortung übernehmen und kreativ sein muss, um Erfolg zu haben. Seit über 20 Jahren unterstützt die „Deutsche Kinder- und Jugend-Stiftung“ die Schülerfirmenarbeit durch Koordination, Qualifikation und Begleitung. So ist ein Netzwerk von etwa 520 Schülerfirmen an allen Schulformen entstanden, in denen sich mehr als 5000 Schülerinnen und Schüler sowie deren Lehrkräfte engagieren.

Doch mancher Jobber lässt sich weder durch schulische Einhegung noch durch gesetzliche Schranken bremsen. So wie einst Marco Börries. Mit 16 Jahren und zuweilen 16 Stunden Arbeit täglich fing er an, 1985 in Papas Garage, inspiriert von seinem Schüler-Austausch im Silicon Valley. Der junge Lüneburger wollte die beste Computer-Software der Welt basteln. Sein Startkapital: 2000 Mark – das Konfirmationsgeld. „Jetzt ist er richtig verrückt geworden“, urteilten Lehrer, Freunde und die Banken sowieso.

Vom Schüler zum Millionär

Also hat Marcos Papa ein bisschen Bank gespielt und seinem Sohn für die Gründung seiner Firma „Star Division“ Geld geliehen. Ein Jahr später präsentierte Marco sein Textverarbeitungsprogramm „StarWriter“ auf der Cebit und machte bereits einen Jahresumsatz von 1,5 Millionen Mark. „Jetzt ist er richtig reich geworden“, mussten Lehrer und Freunde erkennen. Sie ahnten noch nicht, dass der „Heide-Bill-Gates“ seinen einstigen Garagen-Nebenjob im Jahre 1999 für geschätzte 73,5 Millionen Dollar an den US-Computer-Giganten Sun Microsystems verkaufen und sich kurz darauf zur Ruhe setzen würde – mit 31 Jahren. Aber nur vorläufig, seitdem gründet er weitere IT-Firmen.